Der Lieblingsbildhauer von Kaiser Wilhelm

Von Michael Eckhoff

So ähnlich sah sie aus, die seit etwa 1944 verschwundene Friedrich-Büste, die einst das Kaiser-Denkmal in Dahl zierte. In einer großen Ausstellung in Berlin wird jetzt an den Schöpfer dieser Büste, Reinhold Begas, erinnert. (Foto: Archiv Böhm)

Hagen. In unserer Serie „Hagen um 1880/1925“ wollen wir noch einmal auf ein Thema schauen, das ein besonderes Kennzeichen der damaligen Zeit ist – auf „Denkmäler“. Landauf, landab bildeten sich in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts und im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts sowie auch in der Epoche der Weimarer Republik zahllose Bürgerinitiativen mit dem Ziel, irgendwelche Erinnerungsstätten zu errichten. Eine besonders spannende Region ist der Raum Hagen mit seiner großen Anzahl an Türmen. Der Kaiser-Friedrich-Turm auf der Hesterthardt beispielsweise ist – als steinerner Turm – genau hundert Jahre alt (im September 1910 eingeweiht), und der Eugen-Richter-Turm kann im nächsten Jahr seinen 100. Geburtstag feiern.

Im „Schatten der Türme“ stehen indes einige Denkmäler, die teilweise zwar in Vergessenheit geraten sind, die es aber wert sind, intensiver betrachtet zu werden. Das „Friedrich-Denkmal“ an der Baedekerstraße hoch über Dahl ist ein solches Exemplar. Immerhin wurde es geschaffen von Reinhold Begas, der in der Ära Wilhelms II. zu den bevorzugten Bildhauern des Kaiserreiches gehörte. 1898 wurde er von Berliner Zeitungen gar zu den „bedeutendsten Deutschen des ausgehenden Jahrhunderts“ gezählt. In der Hauptstadt ist er nach wie vor mit über 30 Denkmälern präsent – darunter befinden sich so bekannte Kunstwerke wie der Neptunbrunnen vor dem „Roten Rathaus“, die Friedrich-Schiller-Figur auf dem Gendarmenmarkt und die Bismarck-Skulptur am Großen Stern im Tiergarten. Einen Namen konnte sich Begas auch als Schöpfer von Kaiser-Friedrich-Denkmälern machen. Trotz seines ehemaligen Ruhms gilt heute eher die Tatsache, dass nur noch Spezialisten den vor hundert Jahren verstorbenen Künstler kennen.

Zu kurz

Als Kronprinz Friedrich am 9. März 1888 den deutschen Kaiserthron bestieg, war der mit der englischen Prinzessin Victoria verheiratete Monarch bereits unheilbar an Kehlkopfkrebs erkrankt. Seine Regierung dauerte nur 99 Tage – zu kurz, um einer Epoche den Stempel aufdrücken zu können. Dennoch scheint sich so mancher Bürger lange Zeit gerne an ihn erinnert zu haben.

Vor allem im Raum Hagen – um 1900 Wahlkreis des Fortschrittspartei-Vorsitzenden Eugen Richter – brachte man den als liberal eingestuften Kaiser Friedrich III. offenkundig eine besondere Wertschätzung entgegen. Denn in kaum einer anderen Region existieren wohl so viele Denkmäler, mit denen an ihn erinnert wird. In Haspe oberhalb der Hestert steht der Kaiser-Friedrich-Turm, in Eilpe wird seiner gedacht („Eilper Denkmal“), und sogar im kleinen Vorort Dahl gab es recht bald nach dem Tod des „99-Tage-Kaisers“ erste Bemühungen, dem beliebten Monarchen ein Denkmal zu setzen.

Dahler schneller

Am 31. August 1890 wurde auf einer ’Niederwald’ genannten Anhöhe im Tal der Volme bei Dahl, heute Hagen-Dahl, in der damals preußischen Rheinprovinz ein Denkmal für Kaiser Friedrich III. errichtet - heute steht hier nur noch ein „verkümmerter“ Sockel. (Foto: Archiv Böhm)

Diese Bemühungen waren im Volmetal dann auch rasch erfolgsgekrönt: Bereits am 31. August 1890 konnten die Dahler Honoratioren die Erinnerungsstätte, dessen Büste von Reinhold Begas entworfen und die von einer der bedeutendsten Denkmäler-Gießereien des Reiches, Gladenbeck, hergestellt worden war, feierlich „im Niederwald“ enthüllen – als eine der frühesten Friedrich-Gedächtnisstätten im Deutschen Reich. Bedauerlicherweise ist die Büste allerdings seit etwa 1944 verschwunden. Ebenso fehlen Absperr-Ketten sowie die Kanonen, die früher das eigentliche Denkmal „rahmten“. Zurück blieb lediglich ein „nackter Sockel“. Mehrfach starteten Dahler Lokalpolitiker – unterstützt vom wochenkurier – Versuche, dem Verbleib des Kunstwerks auf die Spur zu kommen.

Möglicherweise montierten eingefleischte Nazis die Kaiser-Büste ab, um sie – vor dem Hintergrund des damaligen Rohstoffmangels – einschmelzen zu lassen. Allerdings will auch ein Gerücht nicht verstummen, wonach das Kleinod noch unmittelbar in der Nachkriegszeit in einem Dahler Keller versteckt gesichtet worden sein soll.

Große Ausstellung

Der – wie eingangs erwähnt – seinerzeit renommierte und auch von Kaiser Wilhelm II. überaus geschätzte Künstler Begas wird aktuell in einer großen Ausstellung gewürdigt – zu sehen noch bis zum 6. März im Deutschen Historischen Museum in Berlin. In dem dicken Wälzer, der als Katalog zur Ausstellung erschienen ist, wird auch auf das Dahler Denkmal verwiesen, wobei die Ausstellungsmacher hierbei auf Unterlagen des Volmetaler Heimatforschers Heinz Böhm zurückgreifen durften. Böhm bemüht sich seit Jahren um eine Rekonstruktion des Denkmals, hat Genehmigungen und Preislisten eingeholt, konnte bislang aber für dieses Vorhaben keine Sponsoren gewinnen.

Wir zitieren hier auszugsweise, was der Begas-Katalog über das Dahler Denkmal zu berichten weiß:

Im Katalog

Die im Juli 1890 gelieferten Kanonen waren von Beginn an dazu bestimmt, das frei stehende Denkmal – bestehend aus einer von Gladenbeck gegossenen Bronzebüste und einem Sockel aus schwedischem Granit – zu flankieren. Büste und Kanonen wurden um 1944 zur Einschmelzung entfernt; ihr tatsächliches Schicksal ist aber ungewiss. (Foto: Archiv Böhm)

„Am 31. August 1890 wurde auf einer ’Niederwald’ genannten Anhöhe im Tal der Volme bei Dahl, heute Hagen-Dahl, in der damals preußischen Rheinprovinz ein Denkmal für Kaiser Friedrich III. errichtet. Das Vorhaben fiel in eine Phase wirtschaftlicher Prosperität, in der die Eisenindustrie in der ländlich geprägten Region Aufschwung nahm. Die Gesamtkosten des Denkmals betrugen 7.600 Mark und wurden durch freiwillige Spenden der Einwohner und der lokalen Kriegervereine aufgebracht, darunter war auch der erst kurz zuvor begründete Landwehr-Unterstützungs-Verein.

Die im Juli 1890 anlässlich des Vereins-Stiftungsfestes gelieferten Kanonen waren von Beginn an dazu bestimmt, das frei stehende Denkmal – bestehend aus einer von Gladenbeck gegossenen Bronzebüste und einem Sockel aus schwedischem Granit – zu flankieren. Büste und Kanonen wurden gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zum Zweck der Einschmelzung entfernt; ihr tatsächliches Schicksal ist aber ungewiss. Sockel und Umfriedung – Letztere aus hellgrauem belgischen Granit – blieben erhalten.

Auf der Sockelrückseite befindet sich die wohl der Krönungsrede entnommene Inschrift: ’Unbekümmert um den Glanz ruhmbringender Großtaten werde ich zufrieden sein, wenn dereinst von meiner Regierung gesagt werden kann, sie sei meinem Volke wohltätig und meinem Lande nützlich gewesen.’“

Militarismus

In Dahl habe – so lesen wir weiter im Katalog – die politische Instrumentalisierung durch die Auftraggeber im Vordergrund gestanden. Diese artikulierte sich etwa in der mit der Enthüllung verbundenen Sedan-Feier, die an den Krieg von 1870/71 erinnerte und die für den erstarkten Militarismus und Nationalismus im Kaiserreich kennzeichnend gewesen sei.