Der Mut, ein Mensch zu sein

Von Reinhold Busch

Iserlohn/ Hagen. Es ist 70 Jahre her, da retteten vier mutige Jagdfreunde die Jüdin Anna Sibylla Stern aus Hagen und ihren Mann, den Notar und späteren Iserlohner Oberbürgermeister Dr. Georg Schenkel vor der Vernichtung durch die Nazis.

Anna Stern war die Tochter des Hagener Bankiers und Stadtverordneten Max Stern, der schon 1912 gestorben war. Die Mutter, die verwitwete Julia Stern, lebte mit ihrer jüngsten Tochter Gertrud Helene weiterhin in Hagen, bis beide 1939 zwangsweise ihre Wohnungen räumen mussten. Die ältere Tochter, die 1893 in Hagen geborene Anna Sibylla, hatte 1913 den aus Bielefeld stammenden, evangelischen Rechtsanwalt Dr. Georg Schenkel geheiratet, der sich zunächst in Essen niedergelassen hatten, 1919 aber nach Iserlohn umzog, wo er in der Hagener Straße 7 eine Praxis als Rechtsanwalt und Notar eröffnete. Noch in Hagen wurde 1915 der Sohn Dietrich geboren, der jedoch bereits 1931 in Iserlohn starb; Tochter Friederike Helene kam am 1919 in Iserlohn zur Welt. Sie wurde gerade noch vor dem Krieg 1939 nach Kapstadt/ Südafrika geschickt und in Sicherheit gebracht. Annas Bruder, der Hagener Arzt Dr. Georg Stern-Hanf, emigrierte 1937 mit Frau und zwei Kindern in die Niederlande, wo er den Holocaust überlebte.

Im Ghetto verliert sich die Spur

Nach der Zwangsräumung ihrer Wohnung kamen Julie Stern und ihre Tochter Gertrud bei Familie Schenkel in Iserlohn unter. Am 28. April 1942 wurde Gertrud Stern nach Dortmund gebracht; die Fahrt ging zunächst in ein Sammellager der Gestapo Dortmund auf dem Bahnhof Dortmund-Süd. Zwei Tage später wurde sie zusammen mit rund 1000 Juden aus dem Regierungsbezirk Arnsberg ins Ghetto von Zamosc im damaligen Generalgouvernement Polen deportiert, wo sich ihre Spur verliert. Die Ghettobewohner wurden in einem der Vernichtungslager ermordet.
Dr. Schenkel hatte seine Schwägerin zum Abtransport begleitet, ihre Koffer getragen und sie und andere Juden mit Handschlag verabschiedet. Dies wurde von der Gestapo beobachtet und übel vermerkt; daraufhin wurde er wegen „Dienstvergehens“ zu 5.000 Reichsmark Geldstrafe verurteilt und verlor er seine Zulassung als Rechtsanwalt und Notar, erhielt beides jedoch nach Widerspruch zurück. Ab 1. Mai 1944 wurde er auf Betreiben der NSDAP zur Arbeit in der Maschinenfabrik „A. Mengeringhausen Nachf.“ zur Zwangsarbeit dienstverpflichtet, deren Inhaber seit 1936 sein Jagdfreund Josef Heinrich Bodden war.

Drohende Deportation

Auf Ersuchen der Gestapo Dortmund vom 28.9.1944 wurde seine Frau Anna Sibylla aufgefordert, sich auf der Polizeiwache in der Kirchstraße Iserlohn zu melden. Das konnte nur eins bedeuten: Deportation ins Vernichtungslager. Sofort wandten sich Dr. Schenkel und seine Frau in ihrer Not an Josef Heinrich Bodden, der sie am Abend vor der drohenden Abschiebung am 30. September zunächst in seiner Jagdhütte im Lendringser Wald, danach beim in der Nähe wohnenden Bauern Franz Lürbke unterbrachte, mit dem zusammen Dr. Schenkel in einer Jagdgemeinschaft aktiv war.

Sohn und Tochter des Bauern berichten: „Herr Bodden brachte ihn zu uns; er war hier der Jagdpächter der benachbarten Oesberner Jagd. Der Hof ist einsam gelegen. Wir waren 14 Kinder, von denen die meisten nicht mehr im Haus wohnten. Mehrere Brüder standen als Soldaten an der Front, einer war in Stalingrad gefallen. Das Ehepaar Schenkel bezog im 1. Stock ein Fremdenzimmer, das im Krieg nicht mehr vermietet wurde, und konnte dort ein Bad benutzen. Das Essen wurde ihnen heraufgebracht; ab und zu speisten sie mit der Familie. Zum Beispiel konnten sie das Weihnachtsfest mit uns feiern. Das Haus konnten sie fast nur abends zum Spaziergang verlassen; gelegentlich hielten sie sich in der Jagdhütte versteckt. Unser polnischer Knecht durfte sie nicht sehen. Zum Jahresende waren alle Kinder zu Hause, auch die Soldaten von der Front. Sie hatten große Bedenken, aber die Familie hielt zusammen, nicht einmal der beste Freund unseres Vaters wusste von den Versteckten. Ende Dezember aber wurde es zunehmend gefährlich; eine in der Nähe lebende Kusine fragte schon, wer da abends spazieren gehe.“

Die Flucht geht weiter

Mit Erlass des Justizministers vom 18.1.1945 wurde „wegen der heimlichen landesverräterischen Flucht“ gegen Dr. Schenkel ein vorläufiges Berufsverbot erlassen sowie ein Ehrengerichtsverfahren eingeleitet. Inzwischen war durchgesickert, wo sich das Ehepaar aufhielt. Jetzt wurde Ernst Ebberg in Bergisch Gladbach eingeschaltet, ein Jagdfreund Josef Boddens, der aus Deilinghofen stammte und im Haus Talweg 32 wohnte.

Sein Sohn Günter berichtet: „Über das Telefon meldete sich Josef Bodden. Er sagte, Vater müsse ihm umgehend helfen, weil er sofort einen Bock schießen müsse. Für Vater war klar, dass dies ein dringender Alarmruf war: Für Rehwild war Schonzeit, die Bodden niemals ignoriert hätte, und für einen simplen Rehbock hätte er nicht ausgerechnet Vaters Hilfe benötigt. Vater verabschiedete sich unter einem Vorwand und fuhr nach Iserlohn.

Nach drei Tagen kam er zurück, um mit uns Silvester zu feiern. Zu Fragen wich er aus, aber es musste etwas geschehen sein, was er uns verschwieg. In Iserlohn war Vater zu Bodden gefahren und von ihm informiert worden, dass in der Boddenschen Jagdhütte im Lendringser Wald das Ehepaar Schenkel Zuflucht gefunden hatte. Das Ehepaar hatte in der Nacht einen Anruf erhalten, dass sie ,Besuch bekommen‘ würden.

Ein Beispiel für Zivilcourage

Herr Schenkel erkannte die Stimme eines Iserlohner Polizeioffiziers. Sie flohen sofort in die Jagdhütte. Dort konnten sie aber nicht bleiben, weil die Hütte nahe einer belebten Straße lag. Sie mussten schnellstens aus dem Iserlohner Umland verschwinden. Vater, der den Notar nur sehr locker kannte, war sofort bereit, die Flüchtlinge in seinem Haus zu verbergen. Mutter war weg und der Mieter Freiß irgendwo in der Rüstungsindustrie dienstverpflichtet. Die Luft war also ziemlich rein. Vater fuhr mit der Bahn heim, Herr Bodden organisierte eine ,Geschäftsfahrt‘ mit einem kleinen Firmen-Lkw, auf dem die Flüchtlinge unter Gerümpel verborgen wurden. Ohne Schwierigkeiten kamen sie in Bergisch Gladbach an und Bodden fuhr sofort zurück. Herr und Frau Schenkel mussten sich unbedingt versteckt halten und Vater durfte an seinen Gewohnheiten nichts ändern, ging also ins Geschäft, besuchte seine Freunde und lud sogar seine Skatrunde ein, als er an der Reihe war. Niemand bemerkte etwas von den neuen Mitbewohnern. Ein Problem war natürlich die Ernährung, denn beide hatten ja keine Lebensmittelkarten.

Aus Schenkel wurde Schneider

Eines Morgens traf auf dem Güterbahnhof ein Transport mit Leuten aus Kevelaer ein, die in der Nacht zuvor ausgebombt worden waren. Man schickte sie in einer langen Schlange zum Rathaus, wo sie behelfsmäßige Ausweise und Lebensmittelkarten erhalten sollten. Vater lief, so schnell er konnte, zu Schenkels, um sie in die Wartenden einzuschleusen. Unter den falschen Namen ,Georg Schneider und Frau aus Kleve‘ wurden sie problemlos registriert. Herr Schenkel hatte sich einen hübschen Spitzbart wachsen lassen, und als Bombenflüchtlinge konnten sie nun ein unauffälliges Leben führen.“

Sofort nach dem Einmarsch der Amerikaner am 13. März gab sich Herr Schenkel zu erkennen; am 16. April besetzten die Amerikaner Iserlohn, und Dr. Schenkel und seine Frau wurden von einem amerikanischen Offizier zurückgebracht. Dort war Josef Bodden in einen Bürgerausschuss berufen worden, dem die Neuordnung in der Stadt oblag. Ein Großteil der Bürger wünschte sich Dr. Schenkel als Oberbürgermeister; er wurde daher bereits am 6. Mai von der alliierten Militärbehörde mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Oberbürgermeisters beauftragt und einen Tag später im Beisein des Kommandanten der Besatzungstruppen durch den Landrat in sein Amt eingeführt. In diesem Amt blieb er bis Oktober 1946 und war noch bis Oktober 1948 Ratsmitglied. Er starb 1954, seine Frau Anna Sibylla 1978.

Was wurde aus den Rettern?

Die Tochter blieb in Kapstadt und gründete dort eine Familie.

Josef Heinrich Bodden (1887-1966) und Ernst Ebberg (1893-1971) gingen in die Kommunalpolitik. Bodden wurde Stadt- und Kreisvorsitzender der Zentrumspartei und Fraktionsvorsitzender im Stadtparlament, Ebberg Fraktionsvorsitzender der FDP im Stadtparlament Bergisch-Gladbach und stellvertretender Bürgermeister. Beider erhielten das Bundesverdienstkreuz. Der Bauer Franz Lürbke (geb. 1879) starb 1952.