Der „Totengräber der Demokratie“

Die Ehrenbürgerwürde an Paul von Hindenburg  - und gleichzeitig an Adolf Hitler - wurde am 6. April 1933 aufgrund eines Dringlichkeitsantrags der NSDAP-Ratsfraktion verliehen. Jetzt soll diese Ehrung aberkannt werden. Dem Rat liegt am Donnerstag ein Bürgerantrag vor. (Foto: Archiv)
Die Ehrenbürgerwürde an Paul von Hindenburg – und gleichzeitig an Adolf Hitler – wurde am 6. April 1933 aufgrund eines Dringlichkeitsantrags der NSDAP-Ratsfraktion verliehen. Jetzt soll diese Ehrung aberkannt werden. Dem Rat liegt am Donnerstag ein Bürgerantrag vor. (Foto: Archiv)

Hagen. (ME) In Hagen steht am Donnerstag, 11. Juli 2013, die letzte Ratssitzung vor den Ferien an. Eine lange Tagesordnung müssen die Hagener Hobby-Politiker durchziehen. Ein Punkt fußt auf einem Bürgerantrag: Der Hagener Geschichtsverein möchte – unterstützt vom DGB und vom Hagener Friedenszeichen – dem einstigen Reichspräsidenten Hindenburg die Ehrenbürgerwürde aberkennen.

Um Hagen nicht verdient gemacht

Normalerweise wird diese Würde einer Person verliehen, die sich um Hagen verdient gemacht hat. Man denke an Fritz Steinhoff oder Liselotte Funcke. Bei Paul von Hindenburg sah die Sache anders aus. Die Nationalsozialisten setzten – 1933 gerade „am Ruder“ – die Ehrenbürger-Verleihung durch, ohne dass es „Hagen-Gründe“ gab.

Wolfgang Müller, Vorsitzender des Geschichtsvereins, weiß: „Die Ehrenbürgerwürde an Paul von Hindenburg – und gleichzeitig an Adolf Hitler – wurde am 6. April 1933 aufgrund eines Dringlichkeitsantrags der NSDAP-Ratsfraktion verliehen.“ Dazu war eine spezielle Stadtverordnetenversammlung in der Stadthalle anberaumt worden, an der die gewählten KPD-Mitglieder nicht teilnehmen durften – wodurch die NSDAP die Mehrheit besaß. Der NSDAP-Stadtverordnete und spätere NS-Oberbürgermeister Heinrich Vetter begründete den Antrag auf Verleihung des Ehrenbürgerrechts: „Aus Dankbarkeit und Ehrfurcht (…) gegen den alten Generalfeldmarschall, der den Führer berief, um das Volk aus der Not zu führen, stellen wir diesen Antrag.“

Die Nationalsozialisten in Hagen schätzten am 6. April 1933 die Rolle Hindenburgs richtig ein. Denn Hindenburg selbst erklärte in seinem politischen Testament im Jahre 1934: „Ich scheide von meinem deutschen Volk in der festen Hoffnung, dass das, was ich im Jahr 1919 ersehnte und was in langsamer Reife zum 30. Januar 1933 führte (die Nazis kamen an die Macht, Anmerkung der Redaktion), zu voller Erfüllung und Vollendung der geschichtlichen Sendung unseres Volkes führen wird.“

Einschüchterung der Opposition

Müller kritisiert: „Der Ratsbeschluss beruhte auf der absoluten Missachtung demokratischer Grundsätze und auf einer gewalttätigen Einschüchterung der Opposition. Den noch vorhandenen Oppositionspolitikern schlug in dem reichlich mit Hakenkreuzbannern ausgestattetem Saal eine massive Drohkulisse entgegen. Die Parlamentarier waren umringt von uniformierten SA- und SS-Männern. Ein Blick in die Nachbarstadt Hohenlimburg zeigte, was demokratischen Stadtverordneten bei Widerspruch blühte. Die dortige SPD-Fraktion wurde aus dem Rathaus geprügelt, die Polizei bot keinen Schutz.“ Kein Wunder also, dass der NSDAP-Dringlichkeitsantrag in Hagen ohne Widerspruch angenommen wurde.

Wolfgang Müller kritisiert außerdem: „Paul von Hindenburg ist in seinem öffentlichen Wirken dem Anspruch an die Ehrenbürgerwürde, ’sich um die Stadt Hagen in besonderem Maße verdient gemacht zu haben’ nicht gerecht geworden.“ Vorsitzender Müller betont: „Im Ersten Weltkrieg sehnten die hungernden Bürger wie auch die erschöpften Soldaten an der Front spätestens seit 1917 den Frieden herbei. Doch Hindenburg, einer der führenden Köpfe der Obersten Heeresleitung, setzte weiterhin auf Krieg, obwohl sich das militärische Kräfteverhältnis längst zu Ungunsten des Reiches entwickelt hatte. Nach dem Krieg wälzte er die Verantwortung für die Niederlage geschickt auf die Vertreter der Weimarer Demokratie ab. Diese mussten die Friedensverhandlungen mit den Siegermächten führen und den Versailler Vertrag unterschreiben. Sie wurden dafür als ’Verräter’ und ’Erfüllungspolitiker’ gebrandmarkt. Seit 1919 machte Hindenburg Front gegen den demokratischen Staat, mit verheerenden Folgen.“

Totengräber der Demokratie

Der Rat der Stadt Hagen hat am 23. Juni 1983 einstimmig die Ehrenbürgerschaft Hitlers annulliert. „Nun sollte er endlich im Fall Hindenburg genauso verfahren,“ fordern Müller und der DGB. „Damit wird Klarheit für die Hagener Bevölkerung geschaffen, insbesondere für unsere Schülerinnen und Schüler. Sie können nicht verstehen, dass hier weiterhin ein Mann geehrt wird, der ihnen im Geschichtsunterricht als Totengräber der Demokratie entgegentritt.“