Die Flut erreicht die Stadt

Die Iserlohner Straße ist ein Bild der Verwüstung. Die Flut hat ganze Baumstämme, auch aus einem nahegelegenen Sägewerk, mit sich gerissen. (Foto: Stadtarchiv Schwerte)
Die Iserlohner Straße ist ein Bild der Verwüstung. Die Flut hat ganze Baumstämme, auch aus einem nahegelegenen Sägewerk, mit sich gerissen. (Foto: Stadtarchiv Schwerte)

Von Fritz-Günter Held

Schwerte. Es war der 17. Mai 1943, als britische Bomben auf den Staudamm des Möhnesees fielen und weite Teile des Ruhrtals verwüsteten. Die Zerstörung der bis zum höchsten Punkt gefüllten Talsperre forderte weit über tausend Menschenleben: 1.294 Tote und Vermisste wurden gezählt. Davon 800 Tote im Lager der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter oberhalb Neheim. An den Tag, der sich gestern zum 70. Mal gejährt hat, erinnert der Schwerter Pfarrer im Ruhestand Fritz-Günter Held. Im wochenkurier berichtet er von Schrecken und Leid der Menschen im Ruhrtal.

Obwohl Schwerte über 50 km von der Staumauer entfernt ist, hinterließ die Bombardierung schreckliche Folgen. Auch, weil den Anwohnern die Zerstörung der Möhnestaumauer verheimlicht wurde. Die Nazis glaubten, so eine Panik im Ruhrtal zu verhindern. Doch um 5.15 Uhr erreichten die Wogen die Straßen der Ruhrstadt. Anwohner hörten ein furchtbares Brausen und Rauschen und Schreie. Menschenleichen, Tierkadaver, lebendes Vieh, Reste von Häusern und Einrichtungen trieben durch die Stadt. Wegen der allgemeinen, die wirkliche Gefahr verschweigenden Vorwarnung wurden Menschen eingeschlossen, schwammen auf ihren Möbeln oder kamen gar zu Tode.

Noch ist das Wasser nicht ganz abgelaufen, doch schon jetzt ist die Verwüstung in der Hellpothstraße in der Schwerter Altstadt nicht mehr zu übersehen. Die Häuser sind bis ins Obergeschoss beschädigt. (Foto: Stadtarchiv Schwerte)
Noch ist das Wasser nicht ganz abgelaufen, doch schon jetzt ist die Verwüstung in der Hellpothstraße in der Schwerter Altstadt nicht mehr zu übersehen. Die Häuser sind bis ins Obergeschoss beschädigt. (Foto: Stadtarchiv Schwerte)

Flucht über die Dächer

Gastwirt Raulff wurde von der Polizei auf eine Beschädigung der Möhnemauer hingewiesen, ohne dass man über die als unzerstörbar geltende Sperrmauer hätte Genaueres verlauten lassen.

Martha Stahl geb. Remscheid wurde von einem Polizisten aufgefordert, die Nachbarn mit Kindern zu warnen. Ihre lauten Weck- und Hilferufe auf der Straße hatten jedoch unverzüglich eine barsche Zurechtweisung zur Folge. Kurze Zeit später kam schon ihr Bruder Wilhelm aus den Gärten mit dem Ruf: „Wasser, Wasser! Rette sich, wer kann!“ Für Martha Stahl, ihre Mutter und ihr Kind war die nahe Kirchentreppe an der St.-Viktor-Kirche die Rettung. Auch die Nachbarn Cassel konnten sich mühsam über fünf Häuser von Dach zu Dach zum Kirchhof hin retten. In der Brückstraße 24 floss das Wasser ins Schlafzimmer im Obergeschoss. Der Sohn Ewald der Eheleute Brüggemann wurde mit einem Kahn gerettet, indem man die Fenster einschlug.

In der Mühlenstrasse sprechen noch heute die Wasserstandsmarken eine deutliche Sprache. Das ganze erste Geschoss war binnen weniger Minuten überflutet. Im Haus Mühlenstraße Nr. 22 stand das Wasser im Obergeschoss gar tischhoch. Mithilfe eines am Strang wegen erwarteten Hochwassers eingesetzten Feuerwehrmannes war die gelähmte Hanna Grewe gerade noch rechtzeitig vor dem Einbrechen der Fluten von ihrer Schwester Elfriede Pitzer geb. Grewe ins Obergeschoss in Sicherheit gebracht worden. Ihre Mutter, die Witwe Auguste Grewe, Mutter von elf Kindern, erreichte die rettende Treppe nicht mehr und konnte erst nach Stunden mit großer Mühe tot geborgen werden. Käthe Maraun geb. Reinhardt aus der Mühlenstraße Nr. 24 rettete ihre Mutter in einer waghalsigen Kletterpartie in den Anbau des Nachbarhauses Nr. 26. Das Haus Mühlenstraße Nr. 9 der Schwestern Lisa und Hertha Hoppmann war durch das hereinflutende Wasser unbewohnbar geworden. Sie fanden bis zum Juni 1944 im Pfarrhaus Ruhrstraße 4 Zuflucht. Im tiefer gelegenen Teil der Ruhrstrasse hatte sich eine Frau schwimmend auf einen Baum gerettet. Erst gegen 8 Uhr morgens konnte sie von einem Boot geborgen werden.

Schwerter Hochwassermarken 1943

Ostenstraße 17 41 cm
Ostenstraße 28 150 cm
Hellpothstraße 20 282 cm
Brückstraße 22 132 cm
Brückstraße 28 294 cm
Mühlenstraße 7 336 cm
Mühlenstraße 20 344 cm
Mühlenstraße 22 353 cm
Ruhrstraße 16 278 cm

Aus dem Schwerter Raum starben neben Auguste Grewe auch Heinz Trappmann, Bergerhof, und Hugo Juckniess, Bergerhof, mit einem weiteren Helfer aus Holzen bei dem Versuch, Vieh in den Wandhofener Ruhrwiesen zu bergen.

Die Bombardierung der bis zum höchsten Punkt gefüllten Talsperre forderte weit über tausend Menschenleben: 1.294 Tote und Vermisste wurden gezählt. Davon 800 Tote im Lager der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter oberhalb Neheim.

Nazis planten erneute Sprengung

Staffelkapitän Gibson und die Piloten Maltby und Les Knight, die den Möhnedamm und den Ederdamm zerstörten, starben vor Kriegsende bei weiteren Einsätzen.

Im Herbst 1943 war die Möhne-Sperrmauer wieder aufgebaut. In den letzten Kriegstagen 1945 planten die Nazis trotz der schrecklichen Überflutungen von 1943 eine erneute Sprengung der Staumauer, um die vorrückenden Amerikaner aufzuhalten; diese Pläne konnten, Gott sei Dank, nicht mehr verwirklicht werden.

Museumsleiter Josef Spiegel mahnte nach dem Krieg: „Nur, wer die Erinnerung an den Krieg wach hält, weiß, was Frieden bedeutet.“