Die Neugeborenen-Intensivstation am AKH

Hagen. (nic) Milas (Name geändert) ist nur wenige Stunden alt – nur eine Handvoll Mensch, gerade einmal so schwer wie zwei Päckchen Mehl. Aber er lebt und kämpft und hat reelle Chancen, später unbeschwert durchs Leben zu gehen. Obwohl das kaum vorstellbar ist, wenn man das winzige Baby im Inkubator liegen sieht, von oben bis unten verkabelt und rund um die Uhr überwacht.

Beschönigt werden muss hier nichts: zwischen Beatmungsgeräten, grell blinkenden Lichtern, schrillen Warnsignalen, Magensonden und Infusionsschläuchen kommt die romantische, warme Atmosphäre, die überschäumende Freude, die oftmals nach der Geburt eines Kindes vorherrscht, nicht an. Das Überleben, möglichst ohne Folgeschäden, hat hier oberste Priorität. Und doch, zwischen all dem technischen Gerät und den nüchternen Fachbegriffen, spürt man die menschliche Wärme.

Da ist die Schwester, die kurz den Arm der Mutter drückt, der Kinderarzt, der den Eltern Mut zuspricht und erklärt, was ihr Kind schon gemeistert hat, anstatt darüber zu sprechen, was noch nicht. An den Wänden hängen Bilder und Briefe, die auch den Hartgesottetsten nicht unberührt lassen. Danke, für die Zeit, die ihr uns mit unserem Sohn ermöglicht habt – auch wenn er gehen musste“ – lauten die Zeilen, darunter ein Foto. Namen bekommen Gesichter. Direkt daneben lacht einen eine quirlige Dreijährige an: „Danke, das ihr uns durch die schwere Startphase geholfen habt – unser ’Floh’ hat sich prächtig entwickelt“, lautet die Botschaft.

Gerade bei den Frühgeborenen ist der Körperkontakt und die Körperwärme der Eltern ganz wichtig für die weitere Entwicklung. (Foto: Nicole Stember)

Maximale Versorgung

Nirgendwo liegt die Grenze zwischen Erleichterung und Verzweiflung, Glück und Unglück, Leben und Tod, unbändiger Wut und und unsagbarer Freude so nah beieinander wie auf der Neugeborenen-Intensivstation, das wissen auch Dr. med. Marc Schüssler, Chefarzt der Frauenklinik am Allgemeinen Krankenhaus Hagen, und sein Kollege Chefarzt Dr. med. Gerhard Koch, Leiter der Kinderklinik, die beide für das Perinatalzentrum am AKH – ein sogenanntes Level-1-Zentrum – verantwortlich sind.

Perinatalzentren sind Einrichtungen zur Versorgung von Früh- und Neugeborenen, das Zentrum Level 1 garantiert eine Maximalversorgung und hat besonders hohe Standards zu erfüllen – ein Segen für etliche Hochrisiko-Schwangere. Dazu gehört unter anderem, das zwei Neonatologen (Neonatologie: Schwerpunkt der Kinder- und Jugendmedizin, der sich mit Neugeborenenmedizin, häufig auch Frühgeborenenmedizin und Neugeborenenvorsorge befasst) und zwei Perinatologen (die Perinatalmedizin spezialisiert sich auf die gesundheitliche Versorgung von Schwangeren und Fötus kurz vor und nach der Geburt) zum Team gehören. Level-1-Zentren haben räumlich miteinander verbundene Entbindungsstation, Operationssaal und Neugeborenen-Intensivstation mit mindestens sechs Plätzen. Sie verfügen zudem über ständige Arztbereitschaft.

Schicksale

Jedes Kind, das hier liegt, hat seine eigene Geschichte: Linus ist etliche Wochen zu früh auf die Welt gekommen, Clara hat sich im Mutterleib nicht mehr weiter entwickelt und musste eher geholt werden, die Zwillinge Lara und Lennard hatten erhebliche Anpassungsstörungen kurz nach der Geburt, bekamen keine Luft, der Blutzuckerspiegel sackte rapide ab.

Sieht man die lebhaften Wonneproppen heute, anderthalb Jahre später, zeugt nichts mehr von den ersten bangen Wochen nach der Entbindung. Charlene, eine weitere kleine Patientin, wird hingegen wohl nie so munter durchs Leben gehen. Sie hat schlimme Entzugserscheinungen, nachdem die Mutter während der Schwangerschaft Alkohol und Drogen konsumiert hat (alle Namen v. d. Red. geänd.). Folgeschäden sind mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen.

Etliche Kinder, die auf der Neugeborenen-Intensivstation liegen, hätten noch vor wenigen Jahrzehnten keine Überlebenschance gehabt. Doch im Hagener Perinatalzentrum am AKH, neben Dortmund und Witten eines der wenigen Level-1-Zentren in der Region, sind Mutter und Kind in fachkundigen Händen. Die Zusammenarbeit zwischen Kinder- und Frauenklinik ist eng. Liegen erhöhte Risiken vor, so planen von Anfang an Geburtshelfer, Hebammen und Neonatologen gemeinsam die Geburt schon weit im Vorfeld. „Durch die optimale Terminierung und die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist ein höchstes Maß an Sicherheit für Mutter und Kind gegeben“, betont Dr. Schüssler.

Frühgeburten

Gerade in Hagen gibt es viele Hochrisikogeburten und Frühgeborene mit geringem Geburtsgewicht. Die Lebensfähigkeit von Frühgeburten beginnt in der 23. Schwangerschaftswoche und einem ungefähren Geburtsgewicht von 500 Gramm. In Deutschland liegt die Überlebenschance ab der vollendeten 24. Schwangerschaftswoche bei 50:50. Bei diesen extremen Frühchen besteht jedoch die große Gefahr von Folgeschäden. Im AKH werden Frühgeborene auch unter 500 Gramm betreut.

„Allerdings führen wir im Vorfeld ausführliche Gespräche mit den Eltern und weisen sie auf die möglichen, durchaus schwerwiegenden Folgen für das Kind hin“, betont Dr. Schüssler. Auch in der Perinatalmedizin gebe es Grenzen, die nicht überschritten werden sollten. In den darauffolgenden Lebenswochen erhöht sich die Überlebenschance der Kinder rapide: in der 28. Schwangerschaftswoche liegt sie bereits bei über 90 Prozent, während die Gefahr von späteren Behinderungen abnimmt. Im Perinatalzentrum am AKH gab es im vergangenen Jahr 19 Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm.

„Die Zahl der Frühgeburten insgesamt hat zugenommen“, bestätigt Dr. Schüssler, „allerdings konnten wir die Beatmungszeit halbieren.“ Das liege an den immensen Fortschritten in der Medizin und der frühen und umfassenden Betreuung und Diagnostik der Risikoschwangeren. Am AKH gibt es eine eigene Perinatalsprechstunde. Das AKH bietet nicht nur Frühgeborenen eine sichere medizinische Gesamtversorgung, sondern auch anderen Risikoschwangeren mit kindlichen oder mütterlichen Erkrankungen. Wir legen Wert auf eine menschzentrierte Geburtshilfe“, betont Dr. Schüssler, Leib und Seele stünden im Mittelpunkt.

Fachmann und Seelentröster

„Gerade die Neugeborenen-Intensivstation ist ein hochsensibler Bereich – im wahrsten Sinne des Wortes“, weiß auch Dr. Koch, Fachmann für Neugeborenenmedizin. Für Ärzte und Schwestern ist die Belastung groß. Sie sind nicht nur für Leib und Leben verantwortlich, sondern müssen gleichzeitig Seelentröster, Mutmacher und Krisenmanager sein. Bei gefühlten 40 Grad Celsius auf der Neugeborenen-Intensivstation müssen manchmal ganz schnell Entscheidungen getroffen werden. Plötzlich geht in mehreren Zimmern zeitgleich der Alarm los. Besteht eine reelle Gefahr für den Säugling oder hat sich eventuell nur ein Sensor am kleinen Körper gelöst? Fachmännisch und routiniert reagieren die Schwestern, die immer ganz nah dran sind am Geschehen.

Anschließend müssen die verzweifelten Eltern beruhigt werden. Da ist es wichtig, dass das Team funktioniert, dass jeder weiß, wer wen im Notfall hinzuziehen kann. Manchmal muss der Arzt auch ein Stück weit Sozialhelfer sein. „Wir können eine 15-Jährige, die gerade unter erschwerten Bedingungen ein Kind bekommen hat, nicht einfach mit dem Säugling nach Hause gehen lassen, ohne gewisse Dinge geregelt zu haben“, weiß der Leiter der Frauenklinik, Dr. Schüssler, aus Erfahrung.

Doch der Lohn für die Arbeit ist groß – immer dann, wenn eine mittlerweile Dreijährige gesund durchs Leben springt und ein kleiner Brief ein riesengroßes Dankeschön zum Ausdruck bringt.