Die Ukraine: Ein Fass ohne Boden

Hagen. (anna) Die aus der Ukraine stammende Oksana Marscheider fühlt sich in Deutschland sicher. Seit ihrer Hochzeit mit dem Hagener Ratsherrn Otto Marscheider kann die 45-Jährige in Frieden an der Volme leben. Sie kommt aus der Stadt Poltava, 300 Kilometer südöstlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Hier leben ihr Sohn und ihre Mutter, deshalb fliegt sie natürlich immer wieder in die Ukraine zurück. Jetzt, kurz nach der Revolution, die über hundert Menschen das Leben gekostet hat, besuchte die Hagenerin abermals ihren 21-jährigen Sohn und ihre 70-jährige Mutter.

Otto Marscheider und seine aus der Ukraine stammende Ehefrau Oksana verfolgen mit Spannung die Ereignisse in Kiew und auf der Krim. (Foto: Anna Linne)
Otto Marscheider und seine aus der Ukraine stammende Ehefrau Oksana verfolgen mit Spannung die Ereignisse in Kiew und auf der Krim. (Foto: Anna Linne)

Oksana Marscheider, die allein 25 Jahre lang in Jalta auf der Krim gewohnt und als Bankangestellte gearbeitet hat, kann sich vieler Freundschaften rühmen. Auch in Kiew hat sie gute Freunde, die sie jetzt für zwei Tage besuchte. Es sei gespenstisch in der Stadt gewesen, so kurz nach dem Aufstand, erzählt sie, überall war Militär, das die Taschen der Zivilisten kontrollierte. Tatsächlich erlebte sie, wie man einer jungen Mutter mit einem Baby zwei Pistolen aus dem Handgepäck zog.

Viel Chaos

„Allerorten sieht man Häuser, die Brandspuren aufweisen“, berichtet Oksana Marscheider, „eine alte Frau, die ich gut kenne, lebt jetzt in ihrer ausgebrannten Wohnung, weil sie nicht weiß, wohin. Es herrscht überall Chaos, die Straßen sind noch immer voller Barrikaden. Die Atmosphäre ist drückend und bedrückend.“

„Die Menschen sind arm, sehr arm“, berichtet sie weiter, „obwohl die Ukraine über eine der fruchtbarsten Landschaften weltweit verfügt und große Gasvorkommen hat. Doch in dem von Korruption beherrschten Land werden immer die selben Leute reich und reicher. Die Ukrainer schreien nach einem starken Mann, der das Land aus der schrecklichen Situation errettet. Doch bei den Wahlen am 25. Mai kandidiert bislang niemand, dem eine solche Aufgabe zugetraut wird.“

Wie weiter?

Keiner wisse, wie es weitergehen soll, meint die Ukrainerin. Russlands Präsident Wladimir Putin sei im Moment der Mann, dem 90 Prozent der Menschen im Osten der Ukraine und auf der Krim ihr Vertrauen schenkten. Er verspreche ihnen doppelte Gehälter und ein besseres Leben, erklärt Oksana Marscheider. Ob er die finanzschwache Region auf Dauer tatsächlich unterstützen kann? Das bleibe fraglich.

„Wenn man den betroffenen Menschen einen Teller mit einem Kotelett und einen Teller mit der Aufschrift ’Demokratie’ vorsetzt, werden sie das Kotelett bevorzugen“, erklärt sie. „Meine Mutter, die in Poltava lebt, bekommt im Monat 70 Euro Rente und die Lebensmittelpreise sind bei uns annähernd so hoch wie in Deutschland, das kann nicht funktionieren.“

„Als ich unlängst mit meinen Freunden in Jalta (Krim) telefonierte, hofften fast alle, bald zu Russland gehören zu dürfen.“ Bekanntlich hat ja die Regierung in Kiew mittlerweile den vollständigen Abzug der ukrainischen Truppen von der Krim angeordnet und reagierte damit auf die Erstürmung von Militäreinrichtungen durch russische Einheiten. Tausende Soldaten seien zu den russischen Truppen übergelaufen. Seit Montag, 24. März, ist der Rubel auf der Krim offizielle Währung und die Angliederung der Krim an Russland beschlossene Sache.

Hoffnung

Oksana Marscheider: „Jetzt haben die Menschen auf der Krim wieder Hoffnung.“ Das könnte Auswirkungen auf die Ostukraine haben. „Denn wie auf der Krim gibt es dort einen großen russischstämmigen Bevölkerungsanteil“, berichtet Oksana Marscheider. „Ich glaube nicht, dass Putin sich durch Blockaden in die Knie zwingen lässt. Im Gegenteil! Durch den Druck der Westmächte in die Enge getrieben, wird er doch zu aggressivem Verhalten gezwungen“, meint die Ukrainerin, die trotz der angespannten Lage auf eine bessere Zukunft hofft.