Don Carlo hätte ausverkauftes Haus verdient

Umjubelte Darsteller, aber Minuspunkte für das Bühnenbild: Die Rückwand des könglichen Gemachs ist mit Fotos zugeklatscht. Da verzieht auch Filippo II. (Rainer Zaun) sein Gesicht, und Prinzessin Eboli (Kristine Larissa Funkhauser) zieht es vor zu schlafen. (Foto: Kühle/ Theater Hagen)

Von Peter Schütze

Hagen. Neue Maßgaben, die das Theater in die Enge treiben, machen es nötig, von hinten zu beginnen: mit einer Ansprache des Intendanten ans Publikum. Fortan sind wie in jedem anderen städtischen Betrieb Genehmigungen für alle Personaleinstellungen einzuholen; deren Notwendigkeit ist ausführlich zu begründen. Auf diese Weise können Engagements blockiert werden, und damit würde auf Dauer den Opernbetrieb lahmgelegt werden. Schmerzlich zu sehen, dass bei solchen Aussichten bei einer Verdi-Premiere im Hagener Haus Plätze frei bleiben. Denn ein ausverkauftes Haus hätte diese Aufführung verdient.

Bühnenbilder wie Zeitzeichen

Vor Norbert Hilchenbachs Rede gab es Ovationen für das Sänger-Ensemble, für Generalmusikdirektor Florian Ludwig und sein Orchester, für die imponierende Leistung von Haus- und Extrachor. Und einige Buhrufe für die Regie. Philipp Kochheim hat das Familiendrama aus dem 16. ins späte 19. Jahrhundert verlegt. Er inszeniert ein „Ära 1900“-Spektakel. Die Macht von Staat und Kirche ist nicht mehr unumschränkt. Das System trumpft noch auf, aber es bröckelt: Die Projektion im Hintergrund, eine zu schräger Faltentektonik gepresste Felswand, aus der die Steine sich lösen, deutet es sinnbildlich an. Uta Finks Bühnenbilder sind wie Zeitzeichen: Winterbäume in Sommerlandschaft, Fotowand im Kabinett des Königs, Prominenten-Outing mit Fotografen, überall Scheinwerfer. Und wo sie ausgeschaltet sind, da tappen die Akteure unbeholfen herum, bis sie ihre Irrtümer bemerken: Prinz Carlo und die vermeintliche Königin, seine Stiefmutter, die er liebt, mit der er einst verlobt war – und die sich dann als die Prinzessin Eboli entpuppt. Nun nimmt die Tragödie ihren Lauf.

Don Carlo (Xavier Moreno) verzweifelt: Seine Herzdame Elisabetta (Tamara Haskin) hat seinen Vater geheiratet. (Foto: Kühle/ Theater Hagen)

Also nicht das spanische Weltreich König Philipps wird gezeigt, in dem die absolute Macht noch von der monströsen kirchlichen Inquisition gestützt wurde, das Scheiterhaufen zündete, wo es nur konnte und sich unüberwindlich gab. Ketzerverbrennungen waren ein staatlicher Festakt. Siehe Verdi. Die kommen aber bei Philipp Kochheim nicht mehr vor.

Auch Ketzer kennt diese Inszenierung nicht mehr, nur eine Handvoll kläglich bewaffneter Bauern und Arbeiter und eine protestierende Volksmasse, die sich ihrer Kraft nicht bewusst zu sein scheint: Nein, dieses Regime muss schon an sich selber krepieren. Herrschergewalt und Bürgerfreiheit, Staatsmacht und Kirchenwillkür: Die großen Konflikte werden in kleinerer Münze auf die Bühne gezählt.

Kavaliersbariton in Höchstform

Ein beinah kretinistischer Thronfolger sorgt für den Absturz. Xavier Moreno schmeißt sich buchstäblich in die Figur dieses Tölpels (was sein Freund, der Marquis Posa, höflich übersieht: „Du musst König sein!“) und meistert seine Charakterstudie mit Bravour – gesegnet mit einer bewundernswerten Tenorstimme, mit der er der immens schwierigen und wenig dankbaren Partie Kraft und den Glanz von Spitzentönen verleiht. Posa, ein demokratischer Idealist mit Hosenträgern, Haartolle und Fahrrad. Im Sterben läuft Raymond Ayers‘ delikater Kavaliersbariton zu Höchstform auf.

Grandios, als blinder, mit Nosferatu-Fingern herumtastender Spinnenmensch: Orlando Mason als Großinquisitor. Seine Unterredung mit dem König ist eine der Gipfelpunkte in dieser Inszenierung; da schleicht sich Angst ein vor dem Schachspiel der Staatenlenker. Der König selbst (Rainer Zaun) liefert eine glänzende Studie: als Vater und Gatte auftrumpfend, aber gebrochen, als Potentat anmaßend, aber doch zu kurz geraten. Mit schön geführtem körnigen, dennoch zurückhaltendem Bass singt er seine große Arie über die Untreue seiner Frau, diesmal nicht einsam neben den heruntergebrannten Kerzen, sondern ständig umflattert von der Geliebten, der Prinzessin Eboli. Kristine Larissa Funkhauser spielt und singt sie als nervige Femme fatale, mit leichterer Stimme, als man es von der Partie kennt.

Elisabetta-Arie als Stern des Abends

Ohnehin wirkt es über längere Strecken so, als hätte die Regie den Darstellern eine Art gesanglichen Konversationsstil abverlangt und sie konsequent in Schauspielnähe gebracht, und leider fahren die zahlreichen Regieeinfälle den brillanten Gesangsnummern mitunter in die Parade. Dauernd passiert etwas ringsum und macht aus dem Singenden eine Nebenfigur. Die größte Spannung im Publikum war dort zu spüren, wo die Konzentration ganz auf den Sänger gerichtet blieb, zum Beispiel in der großen Arie der Elisabetta, die Tamara Haskin hinreißend schön und kantabel vorträgt – der Stern des Abends. Obwohl sie als Darstellerin hier und da wirkte, als ob sie nicht dazugehöre.

Das Schlussbild ein surrealer Flohmarkt, ein Kaisergrab und ein auf Möbeln gestrandetes Boot, in das die Gräfin Eboli sich zurückgezogen hat. Restlager einer abgebröckelten Zeit, in welcher der debile Prinz nicht länger Verlierer sein muss – er erschießt den Großinquisitor und richtet Vaters Jagdgewehr auf den über seinen Schreibtisch sich krümmenden König.

Bei allem Zwiespalt ein großer Abend. Kein ganz großer.