Doppelt Glück gehabt

Hagen. (ME) Der im Raum Hagen für seine geschichtlichen Forschungen bekannte Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach ist auch ein begeisterter Naturfreund. In diesem Herbst wählte er das westliche Neufundland und das südöstliche Labrador zum Ziel seines diesjährigen Wander-Abenteuers. Im ersten Teil seiner Reisereportage hat er den Aufstieg zum Gros Morne Mountain beschrieben.

Heute folgt Teil 2:

Warum muss man auf den Gros Morne Mountain? Die große Attraktion ist hier der Blick mehrere hundert Meter hinunter in die Schlucht des „Ten Mile Pond“. Doch daraus wurde bei mir nichts. Ich wagte mich bei dem inzwischen zum Sturm gewordenen Wind einfach nicht an den Rand der Schlucht, da ich fürchten musste, mitsamt Rucksack hinunter gefegt zu werden.

Der Rückweg führte meistens über Felsen oder Geröll und dabei ging es auch noch ständig auf und ab. Etwas mehr als acht Stunden brauchte ich – optimale Zeit: sieben Stunden. Ich war ziemlich erschöpft, als ich endlich unten anlangte. Dies ist ein Trail, sagte ich mir, den ich nicht noch einmal machen werde. Ich hätte bei dem Vorsatz bleiben sollen. Doch der Wunsch, einen Blick in die Schlucht zu werfen, war stärker…

Glück im Unglück

Als einige Tage später der Wind etwas nachließ, habe ich erneut den Aufstieg unternommen und konnte schließlich auch den Blick hinunter in die Schlucht riskieren. Er ist in der Tat im doppelten Wortsinn atemberaubend und die Mühe wert. Doch auf dem Rückweg passierte es dann. Ob ich erschöpft war? Jedenfalls blieb ich mit meinem linken Wanderstiefel in einer Geröllspalte stecken – und ehe ich mich versah, lag ich in voller Länge auf dem Boden.

Mit dem Gesicht schlug ich dabei auf einen – zum Glück flachen – Stein auf. Der volle Rucksack prallte dazu noch auf meinen Kopf. Ich dachte schon, ich hätte zumindest einige Zähne verloren. Doch ich hatte Glück im Unglück: Der starke Wangenknochen hatte den Sturz weitgehend aufgefangen. Außer verstauchten Daumen, einigen Hautabschürfungen und einem kleinen Bluterguss am linken Oberschenkel war mir weiter nichts passiert.

Künstlicher See

Am nächsten Tag habe ich mir dann aber einen leichteren Trail ausgesucht. Der führte zu einem der vielen Seen in der Wildnis des Parks – zum Western Brook Pond. „Pond“ (Teich) ist hierfür allerdings eine starke Untertreibung. Es handelt sich um einen 30 km langen und bis zu 165 m tiefen Fjord, der während der letzten Eiszeit vor ca. 25.000 bis 10.000 Jahren aus dem Gestein heraus gehobelt wurde. Bis zu 600 m ragen die Felswände auf, von denen sich mehrere Wasserfälle herabstürzen. Der – inoffiziell – so genannte Pissing-Mare-Wasserfall ist mit einer Höhe von 343 Metern sogar der höchste im östlichen Nordamerika. Sein Wasser – Süßwasser – ist ausgesprochen sauber. Ich habe es selbst probiert und für schmackhaft befunden.

Auf dem Erdmantel

Es ist aber nicht nur die außerordentliche Schönheit der Natur, die dem Park die Weltnaturerbe-Auszeichnung einbrachte. Der Park ist auch eine geologische Schatzkammer. Das erfährt man am eindrucksvollsten in den Tablelands. Eine solche Landschaft erwartet man im grünen Neufundland eigentlich nicht, sondern eher im trockenen Südwesten der USA. Man gerät hier nämlich in eine gelblich-braune Steinwüste. Doch es sind nicht irgendwelche Steine. Bei dem Gestein handelt es sich um präkambrisches Peridodit.

Dieses Gestein befand sich ursprünglich im Erdinneren und gehörte zu dem Erdmantel, der den Erdkern umgibt. Durch gewaltige Kräfte wurde es in dieser Gegend vor Urzeiten an die Erdoberfläche gedrückt. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, wenn man auf dem Trail darüber nachdenkt, dass die Steine, über die man geht, bis zu mehreren hundert Millionen Jahre alt sind. Dieses Phänomen findet man nur noch einmal auf der Erde, nämlich in Australien.

Obwohl auch die Tablelands reichlich Niederschläge erhalten, wächst dort fast nichts. Dem Peridodit-Gestein fehlen die für den Pflanzenwuchs erforderlichen Nährstoffe. Es enthält wenig Kalzium, aber viel Magnesium und außerdem giftige Schwermetalle. Überdies hat es einen hohen Eisengehalt, was auch die braun-gelbe Färbung bewirkt.

Freundliche Begegnung

Nachdem ich ziemlich alle Trails im Gros-Morne-Nationalpark erkundet hatte, musste ich mir neues Gelände suchen. Doch auch außerhalb des Nationalparks gibt es eine riesige Wildnis. Hier bin ich häufig ehemaligen Holzabfuhr-Schneisen gefolgt, die meist tief in die Wälder führten. Das war immer spannend, denn man wusste nie, wo man schließlich landen würde.

Wenn möglich, bin ich auch ausgetretenen Tierpfaden (vorwiegend von Elchen) gefolgt. Allerdings hatte ich dabei doch manchmal ein mulmiges Gefühl, weil ich fürchten musste, unverhofft mit einem solchen mächtigen Tier zusammenzustoßen. Und genau das ist mir dann auch passiert. Als ich gerade aus dem Wald auf eine Lichtung zugehen wollte, stand plötzlich eine ausgewachsene Elchkuh rechts vor mir.

Wir haben uns etwas überrascht angeblickt, und dann tat die Elchkuh etwas, was ich nicht erwartet und bisher bei meinen Begegnungen mit diesen Tieren auch noch nicht erlebt hatte: Sie fuhr ungerührt fort zu äsen. Meine Anwesenheit beachtete sie überhaupt nicht. Ich war ihr so nahe, dass ich sogar hörte, wie sie die Gräser kaute. Irgendwann wurde mir die Sache doch etwas bedrohlich und ich habe mich dann diskret von ihr verabschiedet…

Alle Teile der Serie:

  1. Auf dem Gros Morne Mountain
  2. Doppelt Glück gehabt
  3. „Highway“ zum Fürchten
  4. Das Land, das Gott Kain gab