Dornröschen reloaded in Hagen

Eine klasse Leistung: Péter Matkaiscek, Débora Buhatem, Lara Lioi, Emanuele Pipi, Carolinne de Oliveira. (Foto: Kühle; Theater Hagen)

Hagen. (none) Die letzte große Opernpremiere im Theater Hagen, Mozarts „Don Giovanni“ – Oper aller Opern (E.T.A. Hoffmann) -, liegt gerade drei Wochen zurück. Jetzt war man gespannt auf ein ähnlich bedeutendes Meisterwerk, eines der berühmtesten und anspruchsvollsten, auf P. Tschaikowskys „Dornröschen“ – Ballett der Ballette (R. Nurejew). Hier wie da ist die Qualität einer Besetzung alles entscheidend. Sie war hoch – sowohl bei Giovanni wie auch am Samstag bei Dornröschen! Die großen Handlungsballette des 19. Jahrhunderts fordern allerdings auch Massen! 150 Tänzer standen bei der Uraufführung am 3. Januar 1890 im St. Petersburger Mariinski-Theater auf dem Besetzungszettel des genialen Choreographen M. Pepita; ein Mann, der die Glanzzeit des russischen Balletts zur Zarenzeit geprägt hatte!

„Wo ein Wille ist, ist auch ein (Tanz)Weg“ – nach dieser Devise konzipierte Hagens innovativer Ballettchef R. Fernando nun mit weniger als zwanzig Tänzern seine Fassung, ein „Dornröschen reloaded“ – also ein neu geladenes, ein umgeladenes, auch ein verschlanktes. Und das gelang! Zwar nichts von märchenhaft-opulenter Ausstattung (D. Gal) wie Schlösser, Dornenhecken, Feenclubs, hundertjährigem Schlaf etc.! Dafür schlicht, aber durchaus funktionabel und mit Atmosphäre: Hell für die Guten, dunkel für die Bösen! Die Handlung, ursprünglich auf dem Märchen La belle au bois dormant von Ch. Perrault (1697) basierend, wurde entsprechend „personalsparend“ bearbeitet. Was Bearbeitungen betrifft, befindet sich Fernando in bester Gesellschaft: Generationen von Choreographen taten das, haben das interpretatorische Spektrum immer wieder verändert, auch erweitert – von Diaghilev 1921 (London) über Neumeier (1978) bis hin zu M. Eks (1996), Dornröschen im Drogen- und Fixermilieu!

Dass die Hagener Compagnie die „neu geladene“ Fassung ihres Chefs mit Leib und Seele angenommen hat, das sieht und erspürt man während des knapp zweistündigen Abends. Y. Furihata , eine wahre, ausdrucksstarke Primaballerina: sie tanzt die Prinzessin Aurora (Dornröschen), die Morgenröte; eine symbolische Dimension, die sich schon in der Wahl der Namen zeigt!

Desiré, ihr Prinz – der Ersehnte -, ist Huy Tien Tran, nobel-elegant, tänzerisch souverän. Dramaturgisch wackliger wird es bei Fernando, indem er neue Familienbande knüpft, die es bei Pepita nicht gab: Desiré wird zum Sohn der Königin Carabosse, sein Vater der „dunkle König“. M. Moraes verkörpert Carabosse – die Böse (Fee) in ihrem dunklen Reich, mit zwingender Gestik, Kraft und Dämonie. Der „dunkle“ Vater: M. Williams, lebt die Aura. Dornröschens königliche Eltern, die „Hellen“: H. Macry und L. Januszewski, gestalterisch überzeugend. Wohl auch hier der Bearbeitung geschuldet, eine verwegene Wendung: die Mutter konspiriert mit Carabosse. Fernando erfindet die Patin, Ersatz für die originale Fliederfee, der gute Geist Auroras – eine sehr gelungene Idee. L. Lioi gestaltet die Rolle bezaubernd, technisch reif! Ein pittoresk-virtuoser Glanzpunkt auch der Blaue Vogel: A. Baeta, flatternd und fliegend!

Insgesamt eine bewundernswerte Leistung des gesamten Ensembles – darin Prinzen, Freundinnen, Kreaturen – in Anbetracht einer so riesigen Aufgabe, die enorme körperliche wie mentale Anforderungen stellt!

Ein spieltechnisch-interpretatorischer Koloss auch für das Philharmonische Orchester unter der Leitung von St. Müller-Gabriel! Der Dirigent hat ein feines Gespür für die speziellen Nuancen einer Ballettmusik, „die zu einer meiner besten Werke wird“ (Tschaikowsky 1889). Die farbprächtige Orchestration blüht auf. Wenn demnächst auch noch dezenter begleitend-repetierende Achtelbewegungen unter Melodiebögen gelingen und gewisse Soli aus der Familie der tiefen Streicher schwelgerischer und vibratofülliger erklingen, gerät das Ohr des Hörers vollends in märchenhafte Verzückung! Verdient großer Applaus von einem ballettverliebten Publikum: „Klassisches Ballett – eine ebenso dekadente wie kraftvolle, ebenso exklusive wie populäre Kunstform“ ! (H. Karasek zum Tode R. Nurejews 1993)

Die nächsten Vorstellungen: 31.05., 08.06., 13.06., 19.06. und 22.06. 2012