Drei „Musentempel“

Das einstige, vor 100 Jahren in Betrieb gegangene Parkhaus im Stadtgarten. Nach Auffassung von Experten schuf Stadtbaurat Ewald Figge hiermit einen der wichtigsten deutschen Gesellschaftsbauten vor dem Zweiten Weltkrieg. (Foto: Sammlung Eckhoff)

Von Michael Eckhoff

Hagen. Um 1905/08 waren in Hagen diverse Honoratioren in verschiedenen Vereinen und Ausschüssen damit rege beschäftigt, die Planungen für drei „gutbürgerliche Musentempel“ voranzutreiben. Zum einen wollte man einen Konzertsaal (Stadthalle) schaffen, zweitens ein Theater und drittens am Stadtgarten ein Parkhaus. Das Parkhaus war das erste dieser drei Bauwerke, das fertiggestellt werden konnte.

Der Bochumer Kunsthistoriker Christoph Dorsz berichtet in der im Frühling 2010 erschienenen Heimatbund-Zeitschrift „Hagener Impuls“ (Heft 34) über die Einweihung und stellt unter anderem dar: „Das Parkhaus-Komitee warb Anfang Juni 1909 um wohlwollende Aufnahme der neuen Einrichtung als ,erstklassiges Erholungs- und Vergnügungslokal’.“ Es sei nach Ansicht des Komitees „nicht bloß für die Hagener Bevölkerung“ gedacht, sondern auch „für große Scharen von Ausflüglern aus dem Industriebezirk“.

Als „Lock-Mittel“ sollten die von dem städtischen Orchester zwei- bis dreimal wöchentlich zu veranstaltenden Konzerte dienen. „Um aber die mannigfaltige Verwendbarkeit der Halle zu zeigen und zugleich den in unserer Stadt von Kunstfreunden in Wort und Schrift vertretenen modernen künstlerischen und literarischen Ideen Gestalt zu geben, ist geplant, zur Einweihung der Halle eine Reihe künstlerischer Schauspielvorstellungen zu veranstalten“ kündigte – so erfahren wir von Dorsz – das von Karl Ernst Osthaus geführte Komitee an.

Beraten von Behrens

Der berühmte Designer und Architekt Peter Behrens inszenierte die Parkhaus-Eröffnungsveranstaltung. (Foto: Sammlung Eckhoff)

Bei seinen Planungen ließ sich Osthaus von dem Maler Christian Rohlfs und von dem Designer Peter Behrens beraten, wobei Behrens – der ja auch der Planer des Hagener Krematoriums war – obendrein das zur Eröffnung ausgesuchte Stück „Diogenes“ inszenieren sollte. Zur Ausstattung gehörten Künstlerkattune (das waren spezielle Baumwollstoffe) der Hagener Textilindustrie, Einrichtungsgegenstände aus Osthaus’ Folkwang-Museum sowie Aquarellbilder „von juwelenhafter Leuchtkraft“, die Rohlfs zum Teil eigens für die Vorstellungen malte.

Nach Auffassung von Kunsthistoriker Dorsz schuf Figge mit dem Parkhaus seinerzeit einen der wichtigsten deutschen Gesellschaftsbauten, „dessen progressiver Entwurf noch immer auf eine angemessene Würdigung wartet“.

Von Bomben zerstört

Wie erwähnt, entstand der Bau 1909. In der Folgezeit war das Parkhaus aus dem Vereinsleben der Hagener nicht mehr wegzudenken. Doch im Zweiten Weltkrieg fiel das wunderschöne Bauwerk, das übrigens vom seinerzeitigen Stadtbaurat Ewald Figge entworfen worden war, im März 1945 den Bomben zum Opfer.

Ähnliches Schicksal

Ursprünglich sollte ein kombinierter Theater-/Konzerthaus-Bau entstehen. Doch dann entschied man sich, lieber zwei „Musentempel“ zu errichten. Die Stadthalle wurde allerdings erst 1923 fertiggestellt. (Foto: Sammlung Eckhoff)

Ein ähnliches Schicksal erlitt auch die Stadthalle. Mit ihrer Errichtung war kurz vor dem Ersten Weltkrieg begonnen worden. Dann mussten die Arbeiten – kriegsbedingt – längere Zeit ruhen. Erst nach 1918 konnten sie wieder aufgenommen werden. Am 20. Januar 1923 durften die Hagener „ihren“ mächtigen, auf der Springe errichteten (wo heute der Cinestar steht) und ebenfalls von Figge geplanten Kuppelbau endlich einweihen. Geprägt wurde er insbesondere von zahlreichen Skulpturen – so zierten markante Löwen, geschaffen von der Bildhauerin Milly Steger, die Dachpartie oberhalb des Haupteinganges.

Der Stadthalle war keine lange Lebensdauer beschieden. Bomben machten aus ihr eine Ruine. Anfangs bemühten sich die Hagener um den (durchaus möglichen) Wideraufbau. Ja, sie sammelten sogar Geld. Doch dann schwenkten die Stadtväter um – stattdessen gab der Rat dem (deutlich preiswerteren) Neubau des Parkhauses den Vorzug, die Entwürfe hierfür stammten vom Reißbrett des Architekten Herbert Böhme (später Hagens Stadtbaurat). Was aus den Stadthallen-Löwen Milly Stegers wurde, ist unbekannt. Vielleicht fielen sie den Abriss-Baggern zum Opfer, eventuell waren sie aber auch schon durch die Bomben irreparabel beschädigt worden.

Bedeutendes Baudenkmal

Von den drei um 1905/08 geplanten „gutbürgerlichen Hagener Musentempeln“ ist einzig das Theater weitgehend im Original erhalten. Es ist heute ein wichtiges Baudenkmal. Im Sommer 1910 wurde mit der Ausschachtung gestartet. Ein Jahr später erfolgte die Einweihung.

Die Planung ist alles andere als in einem „Rutsch“ erfolgt. Bereits am vergangenen Mittwoch berichtete der wochenkurier über das zunächst erfolgte „Hü und Hott“ bei der Suche nach einem geeigneten Bauplatz, bis man sich endlich darauf verständigte, das ehemalige Krankenhaus-Gelände an der Konkordia-/Ecke Elberfelder Straße zu nutzen. Einen Teil der ehemaligen Hospitalbauten ließ man sogar stehen, um sie für die Theaterwerkstätten nutzen zu können. Erst vor wenigen Jahren – als das Opus, das Lutz und die neue Theaterwerkstätte gebaut wurden – verschwand das Ex-Krankenhaus endgültig.

Kein „Einheitsbau“

Doch zurück ins alles entscheidende Jahr 1908. Seit Februar 1908 gab es die „Hagener Stadthallen-Aktien-Gesellschaft“, in deren Aufsichtsrat so bekannte Männer wie Oberbürgermeister Willy Cuno, Kommerzienrat Theodor Springmann, Kommerzienrat Wilhelm Funcke, Kommerzienrat Hermann Putsch und der Museumsgründer Karl Ernst Osthaus saßen. Der Vorstand der AG schlug im Mai 1908 vor, endgültig zwei Bauten zu planen – ein Theater und einen Saalbau für Musikveranstaltungen (Stadthalle). Die Begründung: „In einem Einheitsbau könnten die verschiedenen Interessen nicht zu ihrem Recht kommen.“ Für einen Einheitsbau bräuchte man eine 5000-Quadratmeter-Fläche, hieß es. Doch eine solche Fläche stünde in der Innenstadt nicht zur Verfügung. Auch die Springe, die immer häufiger ins Visier genommen wurde, sei für derartige Zwecke nicht groß genug. Aber hier, so war man überzeugt, könnte für etwa 400.000 Mark eine rund 2000 Zuschauer fassende Stadthalle entstehen.

Manche Hagener vertraten damals die Auffassung, eine 2000er Halle reiche gar nicht aus. Dem hielt der damalige Stadtbaurat entgegen, dass für eine Groß-Halle gar kein Geld da sei und man sich allein schon deshalb beschränken müsse. Für das Theater wiederum wurde ein Fassungsvermögen von etwa 1000 Besuchern ins Auge gefasst – die Kosten sollten bei gut 700.000 Mark liegen.

Wie dann gebaut wurde, erfahren die wk-Leser nächste Woche.