Dumm gelaufen

Für den britischen Geschichtsphilosophen Arnold Toynbee war die Sache ganz
einfach: Politik besteht aus „Challenge and response“. Auf Deutsch: aus
Herausforderungen und Antworten. Toynbee sagt, dass eine Gesellschaft stets vor
Herausforderungen steht, auf die passende Antworten gefunden werden müssen.
Trump etwa ist eine solche „Challenge“. Findet man auf ihn in Europa die falsche
Antwort, kann das schnell bis in unsere Volmestadt durchschlagen und uns alle
viel Geld kosten, etwa beim Klimaschutz oder bei den Ausgaben für die
Bundeswehr.
Obendrein fühlt sich derzeit so mancher Politiker „weit rechts von der Mitte“
auch in Hagen im Aufwind und sieht sich gestärkt. „Volkes Stimme“ habe in den
USA gesprochen und das „Establishment“ abgewatscht, so oder ähnlich klingt’s an
hiesigen Stammtischen. Hämisch zeigt man auf Meinungsforscher, die allesamt
prophezeit hatten, dass Hillary Clinton am Ende gewinne.
Schauen wir mal genauer hin. In den USA sind in den vergangenen Jahren im
Durchschnitt etwa 125 Millionen Menschen zur Präsidentenwahl gegangen, also
ungefähr jeder zweite. Obama konnte bei seinen beiden Erfolgen jeweils klar über
60 Millionen Stimmen holen, seine Kontrahenten von der republikanischen Partei
kamen vor vier beziehungsweise acht Jahren auf je knapp 60 Millionen. Und was
hat Trump diesmal geholt? 59,69 Millionen. Das heißt, er hat ziemlich genau das
eingesackt, was auch seine Parteifreunde geholt hatten.
Mrs. Clinton hingegen hat mit ebenfalls knapp 60 Millionen deutlich weniger
Stimmen auf sich vereinen können als weiland Obama – das heißt, nicht Trumps
Stimmen waren ihr Problem, sondern die Millionen an einstigen
Demokraten-Anhängern, die ihr das Kreuzchen verweigert haben. Hinzu kommt noch
eine Besonderheit des seltsamen US-Wahlsystems:
Hillary Clinton hat tatsächlich landesweit 220.000 Stimmen mehr als Trump
geholt.Gemessen an der tatsächlichen Wählermenge stellen die Trump-Wähler
letztlich nur 25,5 Prozent dar. Nutzt Clinton jedoch nix, weil in den
Vereinigten Staaten nicht die Stimmen allein, sondern vorrangig die „Wahlmänner“
zählen – und davon hat der Immobilien-Tyconn, dessen Opa übrigens ein Pfälzer
Migrant war, etliche mehr als Clinton auf seiner Haben-Seite.
Trump wird folglich mächtigster Mann der Welt, obwohl er gar nicht richtig
gewonnen hat. Dumm gelaufen für Clinton. Offenbar war sie in den USA die falsche
Antwort auf den um sich greifenden „Trumpismus“. Jetzt müssen wir hoffen, dass
die Europäer die richtige Erwiderung finden – damit unsere Ruhe im beschaulichen
Hagen nicht von Washington aus allzu sehr gestört wird.

Tilo