Durch Erbe in den Ruin

Helfe. (anna) Die Vorweihnachtszeit ist für die alleinerziehende 44-jährige Patricia Thomas samt ihren drei Kindern alles andere als besinnlich. Der kleinen Familie droht wahrscheinlich die deprimierendste Weihnacht ihres Lebens. Eine Erbschaft stürzt die eh verschuldete Mutter gänzlich in den Ruin.

Obwohl sie vom Onkel ein Haus erbte, muss sie nun damit rechnen, obdachlos zu werden, denn ihre Miete kann sie nicht mehr zahlen. Für die zwei Söhne, sieben und 13 Jahre alt, und die Tochter, neun Jahre, die mit ihrer Mutter seit acht Jahren in Helfe wohnen, eine Katastrophe.

Wechselvolles Leben

Dabei blickt Mutter Patricia auf ein wechselvolles Leben: Die gebürtige Kölnerin zog als Kind nach dem Tod der Mutter mit ihrem Vater ins Saarland und wuchs dort auf. Sie arbeitete später als Hotelfachfrau und führte wenig später ihre erste eigene Gaststätte – allerdings mit mäßigem Erfolg.

Die Brauerei bot ihr trotzdem eine weiteres Lokal in Herne an, das sie ganz allein führte. „Mit diesen zwei selbstständig geführten Gaststätten habe ich mich total übernommen,“ berichtet Patricia Thomas, denn aus ihnen erwuchsen etwa 60.000 Euro Schulden an fast 20 Gläubiger. „Vor drei Jahren habe ich dann ein Insolvenzverfahren eröffnen lassen, damit ich irgendwann wieder sorgenfrei leben kann.“

Die dreifache Mutter Patricia Thomas aus Helfe erbte im Januar diese Jahres ein Haus von ihrem Onkel. Durch die Erbschaft stürzte die kleine Familie in den Ruin. Monatelang klapperte die 44-Jährige alle Adressen ab, die man ihr empfohlen hatte - auf der Suche nach Hilfe. Überall wurde sie vertröstet. Mittlerweile ist die Situation völlig verfahren, Hilfe nicht in Sicht. (Foto: Anna Linne)

Mit einem Mann aus Troisdorf bekam sie einen Sohn, doch die Beziehung hielt nicht lange. Auch heute hat sie zu ihrem ersten Ehemann keinen Kontakt mehr. Durch ihren zweiten Mann kam sie dann nach Hagen, wo sie sich nach eigenem Bekunden sehr wohl fühlt. Seit der Geburt der Tochter im Jahre 2001 ist Patricia Thomas arbeitslos. 2003 wird noch der zweite Sohn geboren. Ihre Kinder muss die 44-Jährige inzwischen alleine großziehen.

Ausbildungsversuch

Am Rahel-Varnhagen-Kolleg holt Patricia Thomas 2008 ihr Abitur nach und beginnt an der Ruhruniversität Bochum ein Physikstudium. Sie träumt davon, nach dem Studium einen Job zu ergattern, um ein geregeltes, schuldenfreies Leben führen zu können. „Im Gastronomiegewerbe sah ich keine Möglichkeit mehr, Arbeit zu finden, die uns alle ernähren kann“, erklärt die 44-Jährige, die abends bei den Kindern sein möchte. Durch eine Sonderregelung bekam Patricia Thomas ab 2009 über 800 Euro Bafög. So konnte sie leben und studieren.

Schweres Erbe

Als im Januar dieses Jahres Patricia Thomas’ Onkel stirbt, hinterlässt er ihr als gesetzliche Erbin ein Dreifamilienhaus in Frechen (bei Köln). „Die Wohnung in der ersten Etage ist allerdings verkauft“, erklärt die Physikstudentin, „und das macht alles noch komplizierter. Ich habe die Erbschaft dann sofort meinem Insolvenzverwalter in Wuppertal und dem Bafög-Amt in Bochum gemeldet, daraufhin wurde das Bafög ab April nicht mehr ausgezahlt. Um wieder Bafög beziehen zu können, sollte ich die unterschiedlichsten Papiere vorlegen – Papiere, die ich aber gar nicht hatte. Zum Beispiel den Erbschein, den ich erst vor vier Wochen vom Amtsgericht Kerpen bekommen habe, oder Kaufbelege für das Haus, die es aber nicht gibt, da meine Großeltern das Haus selbst gebaut haben.“

Geld reicht nicht

Finanziell geriet die dreifache Mutter fortan stark unter Druck. Die Arge zahlt zwar Geld für die Kinder, da ihre Mutter Studentin ist, aber die Summe reicht nicht aus, um Miete und Nebenkosten zu zahlen. „Für den Lebensunterhalt war jetzt gar kein Geld mehr da“, berichtet Patricia Thomas, „deshalb habe ich keine Miete bezahlt und mein Vermieter droht mit der fristlosen Kündigung.“

„Mit Hilfe eines Rechtsanwalts, von dem ich über eine Beratungsstelle kostenlose Hilfe bekam, hat die Arge mir nun von August bis Dezember leihweise 500 Euro monatlich bewilligt. Da ich 800 Euro Bafög bekommen habe, fehlen mir also jeden Monat 300 Euro. Wir sparen, wo wir können, trotzdem kann ich nicht alles bezahlen. Es fehlt jetzt wieder Geld für Miete, Strom und Heizung.“ Dazu kommen noch ständig Mahngebühren.

Chaos pur

„Das geerbte Haus in Frechen ist ein Dreifamilienhaus, wobei die mittlere Wohnung schon vor vielen Jahren als Eigentumswohnung verkauft worden ist. Mir gehören jetzt also die untere Wohnung (leerstehend), die vermietete Dachgeschosswohnung und anteilsmäßig das Grundstück. Das Objekt ist von meinem verstorbenen Onkel zudem mit 20.000 Euro beliehen. Die Miete der Dachgeschosswohnung trägt lediglich die Abzahlungsrate“, erklärt Patricia Thomas die Haus-Situation.

„Der Eigentümer der mittleren Wohnung hat meinem Insolvenzverwalter in Wuppertal 80.000 Euro für meinen gesamten Anteil am Haus geboten, obwohl die Bank 2005 gesagt hat, dass der Verkehrswert allein für die untere Wohnung bei 120.000 Euro liege, der Beleihungswert bei 90.000 Euro“, weiß die 44-Jährige. „Meine neuen finanziellen Verpflichtungen durch die Erbschaft belaufen sich jetzt schon auf 100.000 Euro, Erbschaftssteuer und Grabkosten kommen noch hinzu“, erklärt die Studentin, die seit der Erbschaft kaum zur Uni gekommen ist. „Ich selber habe kein Geld, um meinen laufenden Verpflichtungen nachzukommen.“

Noch schlimmer

„Da ich kein Geld hatte, um den Erbschein zu bezahlen (über 200 Euro), hat der Insolvenzverwalter die Miete der Dachgeschosswohnung in Frechen auf sein Konto überweisen lassen. Ich dachte, das sei einmalig, aber die Miete geht jetzt schon seit drei Monaten auf dieses Konto“, beschreibt Patricia Thomas das finanzielle Chaos. „Die Bank bekommt keine Zahlung mehr für die Kredittilgung und droht mit der Versteigerung des Hauses. Mein Insolvenzverwalter erklärte, er brauche schließlich ein bisschen Spielgeld, zum Beispiel, um sich am Ölkauf für die Heizung in Frechen zu beteiligen.“

Patricia Thomas ist vom Verhalten des Insolvenzverwalters entsetzt: „Das Konto von meinem Onkel ist mit 1600 Euro überzogen, die Zinsen dafür trage ich. Darauf angesprochen meinte der Insolvenzverwalter, dies seien doch nur ein paar Euro“, ärgert sich die 44-Jährige. „Es ist aber mein Geld, ich muss die ’paar Euro’ bezahlen, außerdem kommen Lastschriftzahlungen für Strom und Abgaben fürs Haus zurück, was dann wieder unnötige Mahn- und Bankgebühren nach sich zieht.“ Kurzum: Der Insolvenzverwalter mache alles nur noch schlimmer.

Wie kann es weitergehen?

Mittlerweile hat Patricia Thomas getan, was Ämter und Insolvenzverwalter von ihr wollten. Vergebens. Sie steckt in einer Sackgasse, aus der es kein Entkommen zu geben scheint. „Mein Familienleben ist völlig außer Kontrolle geraten, ich habe drei Kinder, für die ich allein sorgen muss. Ich bin nervlich total angespannt, kann mich wegen der finanziellen Probleme nicht mehr mit dem Studium befassen“, klagt die 44-Jährige.

„Ich bin mir fast sicher, dass ich ständig über den Tisch gezogen werde und weiß es nicht zu verhindern. Nach Weihnachten bekommen wir kein Geld mehr, stattdessen die Kündigung für unsere Wohnung. Wo soll ich dann mit den Kindern hin? Wir haben keine Verwandten mehr. Und dann steht auch noch Weihnachten vor der Tür. Ich werde an allen öffentlichen Stellen abgewiesen, ich habe auch schon beim Jugendamt nachgefragt, was ich machen soll, denn ich habe definitiv zu wenig Geld, um meine Kinder normal versorgen zu können. Meine Kinder sind durch die Situation extrem belastet, wie auch Rückmeldungen aus den Schulen zeigen. Ich brauche dringend kompetenten Rat und Hilfe…- sonst weiß ich nicht, was werden soll.“