Ein bisschen Zucker ist wie ein bisschen schwanger

Ein kleiner Stich in den Finger: So kontrollieren Diabetiker ihren Blutzucker. (Foto: Fotolia)

Iserlohn. (Red.) Typ-2-Diabetes zählt weltweit zu den größten Volkskrankheiten der heutigen Zeit. Laut Deutschem Diabetiker-Bund (DDB) sind hierzulande rund acht Millionen Menschen von Diabetes betroffen – etwa 90 Prozent von ihnen haben einen Typ-2-Diabetes. Das Deutsche Diabetes-Zentrum sagt in einer aktuellen Hochrechnung für das Jahr 2030 einen Anstieg um 1,5 Millionen Erkrankte voraus. Anlässlich des Welt-Diabetes-Tages beantworteten vier Diabetologen am wochenkurier-Telefon alle Leser-Fragen zu Risikofaktoren für eine Entwicklung des Typ-2-Diabetes, zur Vorbeugung und zur Behandlung dieser chronischen Störung des Zuckerstoffwechsels.

Hier das Wichtigste zum Nachlesen:

Wie kann ich herausfinden, ob ich ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes habe?

Dr. Elmar Jaeckel: Es gibt eine Reihe von Risikofaktoren für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes. Zunächst die familiäre Vorbelastung: Ist ein Elternteil Typ-2-Diabetiker, liegt das eigene Erkrankungsrisiko bei 40 Prozent, sind beide Eltern betroffen sogar bei 60 Prozent. Daneben begünstigt ein ungesunder Lebensstil mit Übergewicht, mangelnder Bewegung und einer fett- und zuckerreichen Ernährung die Entstehung der Krankheit. Mit zunehmendem Lebensalter steigt das Erkrankungsrisiko generell an.

Was tun, wenn mein Diabetes-Risiko erhöht ist?

Dr. Hans-Martin Reuter: Sie können viel dazu beitragen, Ihr Erkrankungsrisiko zu mindern: Bei Übergewicht sollten Sie auf eine gesunde Ernährung mit kalorienreduzierter Mischkost und ausreichende Bewegung achten. Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Die meisten Menschen brauchen bei einer solchen Umstellung ihres Lebensstils Unterstützung. Insbesondere die niedergelassenen Diabetologen bieten häufig Programme für Menschen mit einem erhöhten Diabetesrisiko an. Ihre Krankenkasse oder Ihr Hausarzt können Informationen zu einem Angebot in Ihrer Nähe geben.

Wie ernähre ich mich richtig bei Diabetes und Übergewicht?

Dr. Reuter: Menschen mit Diabetes können sich aus dem ganz normalen Angebot an Lebensmitteln bedienen. Wichtig bei Übergewicht ist eine Mischkost aus Kohlenhydraten, Eiweiß und Fetten, die um etwa 500 Kalorien im Grundumsatz reduziert ist – da sind sich die Fachgesellschaften für Ernährung, Diabetologie und Adipositas einig. Diabetiker sollten sich möglichst ballaststoffreich ernähren und Weißmehlprodukte eher meiden. Ich empfehle eine Ernährungsberatung.

Warum wird ein Typ-2-Diabetes häufig erst spät diagnostiziert?

Dr. Jaeckel: Die Symptome für einen Typ-2-Diabetes sind unspezifisch und meist nicht so deutlich ausgeprägt wie bei einem Typ-1-Diabetes – daher werden sie von den Betroffenen nicht immer mit einer möglichen Erkrankung in Verbindung gebracht. Müdigkeit und Infektanfälligkeit, gesteigerter Hunger und Durst, verschwommenes Sehen oder ein Taubheitsgefühl in Händen und Füßen sowie häufiger Harndrang können auf eine Diabetes-Erkrankung hindeuten.

Mein Hausarzt hat gesagt, ich hätte „ein bisschen Zucker“. Was heißt das jetzt genau?

Dr. Ludwig Merker: „Ein bisschen Zucker“ ist wie „ein bisschen schwanger“! Hier sollten Sie noch einmal nachfragen, ob mit gesicherten Diagnosemöglichkeiten wie einem Blutzuckerbelastungstest eine Diabetes-Erkrankung festgestellt wurde.

Bei mir wurde gerade ein Typ-2-Diabetes diagnostiziert, was erwartet mich jetzt?

Dr. Tobias Ohde: In der Regel diagnostiziert der Hausarzt die Diabetes-Erkrankung und veranlasst, dass Sie an einer Diabetiker-Schulung teilnehmen. Hier erfahren Sie alles Wichtige zu Ihrer Erkrankung sowie notwendigen Änderungen von Lebensstil und Ernährung. In einer frühen Krankheitsphase reichen oft schon die konsequente Ernährungsumstellung und ein Bewegungsprogramm für eine zufriedenstellende Blutzuckerkontrolle aus. Treten Probleme bei der Zuckereinstellung auf, sollte der Hausarzt Sie im Idealfall zeitnah an einen Diabetologen überweisen. Er kann weitere Therapiemöglichkeiten hinzunehmen. Gut behandelt, haben Typ-2-Diabetiker heute einen weitgehend einschränkungsfreien Alltag.

Was kann ein schlecht eingestellter Diabetes bewirken?

Dr. Ohde: Dank der modernen Behandlungsmöglichkeiten lassen sich ernste Folgeschäden heute weit hinauszögern oder ganz vermeiden. Ein dauerhaft schlecht eingestellter Diabetes kann allerdings langfristig Blutgefäße und Nerven schädigen. Die Folge können ernste Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und der Nieren sein. Werden die Gefäße in den Augen geschädigt, kann es zur Erblindung kommen. Sind Nerven und Blutgefäße in den Beinen beeinträchtigt, können schwer heilende Wunden an den Füßen auftreten, die schlimmstenfalls eine Amputation erforderlich machen.

Wie hoch sollte mein Blutzuckerwert im Idealfall sein?

Dr. Merker: Abhängig von Ihrem Lebensalter und eventuellen Begleiterkrankungen wird Ihr Arzt einen individuellen Blutzuckerzielwert für Sie festlegen. Besonders aussagekräftig für die Erfolgskontrolle einer Diabetes-Therapie ist der sogenannte HbA1c-Wert: Er ist gewissermaßen unser „Blutzuckergedächtnis“ und spiegelt die durchschnittliche Blutzuckereinstellung der letzten drei Monate wider. Das ideale Therapieziel ist ein HbA1c unter 6,5 Prozent, dieser Wert kann aber in Abhängigkeit von Alter und Begleiterkrankungen auch höher liegen. Der Arzt wird dies gemeinsam mit dem Patienten festlegen.