Ein „Jagdlager“ aus der Zeit vor 11.500 Jahren

Hagen. Die Holthauser Blätterhöhle gehört zusammen mit ihrem Vorplatz zu den wichtigsten Steinzeit-Fundplätzen in Mitteleuropa. Dies zeigt sich aktuell auch in Berlin, wo in der hochbedeutenden Ausstellung „Bewegte Zeiten“ zur Archäologie in Deutschland (bis zum 6. Januar) den Hagener Funden eine spezielle Vitrine gewidmet ist.

Momentan wird in Holthausen wieder „gebuddelt“. Allerdings neigt sich die elfte Grabungskampagne auf dem Vorplatz bereits ihrem Ende entgegen. Abermals waren Studentinnen und Studenten der Ruhruniversität Bochum mit von der Partie, die hier in der Praxis lernen konnten, wie fachmännisch ausgegraben wird. Richtig spektakuläre Funde blieben den jungen Leuten weitgehend versagt, sieht man von einem Knochen ab, der wahrscheinlich von einem Hund stammt (der Wk berichtete).

Sollte sich diese Vermutung bestätigen, wäre der bislang älteste bekannte westfälische „Haushund“ entdeckt worden – ein Lebewesen der Späteiszeit. Alle Funde deuten darauf hin, dass sich hier am Rande des Lennetals unter einer später abgestürzten Steinplatte ein oft und gern genutztes „Jagdlager“ befunden hat.

Seit August drangen die Wissenschaftler des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und ihre Kooperationspartner auf dem Vorplatz noch tiefer in die Schichten aus dem Ende der letzten Eiszeit vor. Verschiedene neue Funde geben seltene Einblicke in die Umwelt und Lebensweise der Menschen vor über 11.500 Jahren. Dazu gehören Tierknochen mit Bearbeitungsspuren und Werkzeuge aus Feuerstein.

Jagdgewohnheiten

Die Funde der diesjährigen Kampagne vermitteln Hinweise auf die Jagdgewohnheiten der Menschen und darauf, wie sie ihre Beute verarbeiteten. So sind auf dem Vorplatz der Höhle erstmals große Knochenfragmente von erlegten Tieren gefunden worden. Die Fragmente werden zur genauen Bestimmung an die Universität Köln gegeben. „Wir sind sehr gespannt zu erfahren, um welche Tierarten es sich handelt“, zeigt sich Grabungsleiter Wolfgang Heuschen neugierig. „Da sich die Umwelt und mit ihr die Tierwelt am Ende der letzten Eiszeit sehr rasch wandelte, stellt sich die Frage, welche Beute die Menschen zu dieser Zeit hier gejagt haben.“

Holthauser Blätterhöhle
Ein Student legt in der Blätterhöhle sorgfältig die Fundschichten frei. (Foto: LWL / Grabungsteam Blätterhöhle)

Schnittspuren

Auf den Knochenoberflächen konnten die Archäologen bei ersten Untersuchungen unter dem Mikroskop bereits Ritzungen entdecken. Der langjährige Projektleiter Dr. Jörg Orschiedt konnte diese Spuren aufgrund ihrer Beschaffenheit als Schnittspuren identifizieren: „Die Ritzungen verlaufen charakteristisch V-förmig. Sie sind ein Beweis dafür, dass die Menschen die Tiere nach erfolgreicher Jagd an der Blätterhöhle mit Steinwerkzeugen zerlegt haben.“

Die Forscher haben darüber hinaus kleine Knochenfragmente gefunden. „Die Splitter weisen darauf hin, dass die Röhrenknochen aufgeschlagen wurden, um an das Knochenmark im Innern zu gelangen“, erläutert Orschiedt. LWL-Archäologe Prof. Dr. Michael Baales könnte sich durchaus vorstellen, dass daraus vor Ort eine nahrhafte, leicht rußige Suppe gekocht wurde.

Weitere Hinweise über die damalige Jagd an der Blätterhöhle erhalten die Archäo­logen über die freigelegten Steingeräte. Auffällig ist, dass alle Rückenspitzen, aus Feuerstein gefertigte Pfeilspitzen, entweder fragmentiert oder beschädigt sind. Die Forscher schließen darauf, dass die Jäger die beschädigten Pfeile an der Blätterhöhle erneuert und dabei die defekten Spitzen zurückgelassen haben.

Der mutmaßliche Hundeknochen wird aktuell in München genetisch untersucht und anschließend in Mannheim mit der sogenannten Radiokarbonmethode (C14) datiert.

Noch eine Grabung

Für 2019 ist die nächste Grabungskampagne auf dem Vorplatz geplant. Da das Areal vor der Blätterhöhle jedoch für die Arbeiten zu klein wird, wird es sich wohl um die vorerst letzte Grabung handeln. Danach werden die Archäologen die umfangreichen Grabungsdaten der vergangenen Jahre erst einmal auswerten.

Bereits zum vierten Mal führte die LWL-Archäologie, Außenstelle Olpe, mit Unterstützung der Stadt Hagen und des Arbeitskreises Kluterthöhle, die Grabungen an der Blätterhöhle durch. Die Ausgrabungen werden von Prof. Baales, dem Leiter der Außenstelle Olpe, koordiniert.