Ein Marder im Schuh

Diese beiden jungen Katzen wurden in einer Restmülltonne in der Lenneuferstraße gefunden. Tierärztin Natascha de Vries konnte sie retten. (Foto: Anna Linne)

Hagen. (anna) Die Hohenlimburger Tierärztin Natascha de Vries aus der Obernahmer Straße weiß um das Leid vieler ihrer Patienten – und es bricht ihr manchmal das Herz.

Denn neben dem normalen Praxisalltag muss de Vries immer wieder für herrenlose, gequälte und verlassene Vierbeiner in die Bresche springen – und das natürlich kostenlos, denn einen Verantwortlichen gibt es meist nicht.

Fälle häufen sich

„In den letzten Jahren häufen sich die Fälle von Tiermisshandlungen“, erklärt die Veterinärin, „diese Kreaturen sind wirklich ein Wegwerfprodukt der Gesellschaft geworden, dem kein Respekt mehr gezollt wird. Haustiere werden leichtfertig angeschafft und ebenso leichtfertig wieder entsorgt.“

Innerhalb von nur einer Woche waren es zwei Katzen, ein Marder, ein Igel und eine Taube, die außerplanmäßige Hilfe in Anspruch nehmen mussten, sonst hätten sie ihr Leben verloren:

In der Lenneuferstraße in Hohenlimburg hatten Passanten in einer Restmülltonne drei sechs Wochen alte Kätzchen gefunden und sie sofort zu Natascha de Vries gebracht. „Die Tiere waren völlig traumatisiert und zitterten am ganzen Körper“, berichtet die Tierärztin. „Eins der drei Kätzchen ist allerdings sofort gestorben. Warum wissen wir nicht, wir konnten ihm nicht mehr helfen.“

Die beiden hübschen Samtpfoten, die die Mülltonnen-Tortur überlebt haben, sind inzwischen genesen und werden bald geimpft und entwurmt zusammen in ein neues Zuhause entlassen.

Im Turnschuh

Ein ganz ungewöhnliches Tier kam dann einen Tag später in die Praxis: Spaziergänger hatten einen winzigen Marder auf der Straße gefunden, die der kleine Kerl gerade zu überqueren versuchte. Fast wäre er unter die Räder geraten. Gerade mal so groß wie eine Spitzmaus, machte das wilde Marderbaby mächtig Geschrei, als es auf Verletzungen hin untersucht wurde. Mit gerade mal 55 Gramm ist der kleine Nager in freier Wildbahn nicht überlebensfähig. „700 Gramm muss er schon wiegen, bevor er ausgewildert werden kann.“

Namenlos lebt der kleine Kerl jetzt im Turnschuh, den er lautstark verteidigt, wenn man sich ihm nähert. Und damit er nicht vorzeitig entwischen kann, steht sein Käfigkasten mit dem Turnschuh in der Badewanne. „Das wäre alles erträglich, wenn der kleine Kerl nicht so stinken würde“, berichtet de Vries lachend, „der stinkt wirklich wie der besagte Otter. Das ist morgens im Bad schwer zu ertragen. Aber mein Mann und ich müssen das wohl noch eine Zeitlang aushalten.“

Anfassen sollte man das Nagetier besser nicht. Für dringende Fälle kommt dann auch schon mal ein dicker Lederhandschuh zum Einsatz. „Noch besser ist aber, man lässt den Kerl in Ruhe. Er soll ja auch nicht zahm werden.“

Fußball mit Igel

Zwei Tage später war es ein Igel, der Natascha de Vries‘ Hilfe dringend brauchte. Eine couragierte ältere Dame brachte das verletzte Tier vorbei. 10- bis 12-jährige Kinder hatten mit dem Stacheltier Fußball gespielt und es dabei schwer verletzt. Die Frau hatte sich getraut, das Tier den Kindern unter deren Protest weg zu nehmen. Eine zweimal fünf Zentimeter lange Wunde klaffte auf des Igels Rücken, seine Stachel waren verschwunden. „Er sah entsetzlich aus“, erinnert sich de Vries.

Nach medizinischer Versorgung und liebevoller Betreuung konnte der Stachelhäuter nach fünf Tagen wieder in die Freiheit entlassen werden.

Kein Interesse

„Tragisch war auch das Schicksal einer belgischen Brieftaube, die uns verletzt und entkräftet gebracht wurde“, erzählt Natascha de Vries vom letzten Fall, der sich innerhalb einer Woche ereignete. „Durch ihren Ring am Fuß konnte ich mit meinen Sprechstundenhilfen mühsamst den Besitzer, einen Brieftaubenzüchter aus Flandern, ausfindig machen. Da der weder Englisch noch Französisch sprach, musste noch eine Dolmetscherin gefunden werden, die des Flämischen mächtig war.“

Doch der Dialog mit dem Züchter dauerte nicht lange. An seinem Tier hatte er nicht viel Interesse. „Setzen Sie die Taube nach draußen, entweder findet sie zurück oder nicht, dann hat sie Pech gehabt“, soll der Züchter am Telefon geantwortet haben.

Doch Natascha de Vries fand einen anderen Züchter, der dem belgischen Täubchen eine neue Heimat gab. „So findet alles ein gutes Ende, man muss es nur wollen“, schmunzelt Tierärztin de Vries, die glücklich ist, wenn ihr Engagement so erfolgreich war…