Ein Stück heile Welt

70 Kinder besuchen täglich den Paul-Gerhardt-Kindergarten. Kinder mit und ohne Behinderung kommen gerne hierher. „Anders-sein“ wird als Normalität täglich gelebt. (Foto: Yannik Springkämper)

Hagen (ric) Der evangelische Paul-Gerhardt-Kindergarten feiert sein 20-jähriges Jubiläum. Wie in allen anderen Kindergärten auch wird hier gespielt und getobt, gebastelt und gesungen. Freundschaften werden geschlossen, es gibt auch mal Streit, manche Kinder bleiben bis zum Mittag, andere werden erst nachmittags abgeholt. Alles ganz normal also. Oder auch nicht?

Das Motto des Kindergartens stammt vom ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der 1993 in einer Rede sagte: „Es ist normal, verschieden zu sein.“

Unterschied

Etwas unterscheidet den Boelerheider Kindergarten nämlich doch von anderen: Als eine der ersten Stätten überhaupt in Hagen wurden hier auch Kinder aufgenommen, die eine Behinderung haben. Diesen war es früher nur selten möglich, in der Nähe des Zuhauses einen Regelkindergarten zu besuchen. Dies änderte sich mit der Eröffnung 1990 zumindest hier grundlegend: In den Jahren des Bestehens wurden 25 Familien, deren Kinder verschiedenste Behinderungen hatten, betreut. Aktuell gibt es Platz für 70 Kinder, fünf von ihnen haben eine Behinderung. Um diese kompetent betreuen zu können, bilden sich die Mitarbeiterinnen der Stätte laufend fort.

Schließlich ist jede Behinderung anders und ändert die Bedürfnisse des Kindes. Somit sind spezielle Schulungen nötig. „Wir leisten jedoch keine medizinische Arbeit“, sagt die Kindergartenleiterin Susanne von Ort. „Im Notfall dürfen wir aber Medikamente geben. Und natürlich kümmern wir uns bei Krankheiten wie Diabetes um die dazugehörige Versorgung.“ Ansonsten nehmen behinderte Kinder wie alle anderen auch am normalen Tagesgeschehen teil. „Jedes Kind, ob mit oder ohne Handicap, wird hier individuell gefördert. Wir unterstützen so viel wie nötig und helfen den Kindern so, möglichst selbstständig und selbstbewusst zu werden“, erklärt Leiterin von Ort weiter.

Geduld und Feingefühl

Dennoch benötigen die Mitarbeiterinnen bei ihrer Arbeit viel Geduld und Feingefühl. Häufig sind sie es, die erste Anzeichen von Schwierigkeiten wie Entwicklungsverzögerungen oder Vorstufen einer Behinderung erkennen. „Wir stehen auch im engen Kontakt mit den Eltern“, sagt Susanne von Ort. „Sie sind oft starken Belastungen ausgesetzt, haben im Alltag viele Aufgaben und oftmals auch Sorgen wegen der Behinderung ihres Kindes.“ So sind die Mitarbeiterinnen mehr als bloße Erzieherinnen: Sie fangen die Eltern auf, hören zu, sind die starke Schulter, die manchmal so dringend gebraucht wird.

Den behinderten Kindern helfen sie nicht nur bei der Bewältigung von Problemen und Schwierigkeiten, sondern unterstützen auch bei Unsicherheiten. Die bestehen auch im allgemeinen Umgang, allerdings eher bei Erwachsenen als bei Kindern. „Diese haben einfach eine geringere Hemmschwelle“, stellt Christiane Müller, Integrationsbeauftragte und Erzieherin im Kindergarten, fest. „Sie gehen viel offener auf andere zu, sind ganz ungezwungen und natürlich.“ Die Verschiedenheit untereinander spielt unter Kindern keine besondere Rolle. Sie sind vor allem eines: Eine Gemeinschaft, in der niemand ausgeschlossen wird. „Wir haben eine starke Verbundenheit zu jedem der Kinder hier. Wir alle finden hier ein Stück heile Welt“, fasst Susanne von Ort zusammen.

Renovierung zum Geburtstag

In der nächsten Zeit wird der Kindergarten renoviert. Da täglich 70 Kinder die Einrichtung benutzen und „sie natürlich auch auf ihre Haltbarkeit untersuchen müssen, geht eben auch immer mal wieder etwas kaputt“, schmunzelt Christiane Müller. Das große Außengelände wird ebenso erneuert wie die Räume im Inneren. So werden die Gruppenräume ebenso erneuert wie der Waschraum, der selbstverständlich behindertengerecht gestaltet wird. Die neuen Räume sollen dann noch mehr zum spielen und wohlfühlen einladen.

Am Sonntag, den 3. Oktober, wird ab 10 Uhr mit einem Gottesdienst das Jubiläum gefeiert. Unter dem Motto „Einfach nur so bist du von Gott geliebt – 20 Jahre integrative Kindergartenarbeit“ beginnt die Feier in der Paul-Gerhardt-Kirche, Overbergstraße 83. Danach geht es im Kindergarten weiter. Am 8. Oktober lockt dann die nächste Aktion: Im Hameckepark treffen sich von 15 bis 17 Uhr alle mit ihren Winddrachen zum Drachenfest.