Einäscherung im Trend

In der hochmodernen Ofenanlage des Hagener Krematoriums, 2008 erneuert, werden täglich bis zu zehn Leichen bei 800 Grad verbrannt. Aus wirtschaftlichen Gründen ist nur noch der rechte Ofen in Betrieb. (Foto: Anna Linne)

Hagen. (anna) Was bleibt übrig von einem Menschen, der in einem Krematorium verbrannt wird? Drei Kilogramm Asche, ein paar weiße Knochenreste und je nach Leichnam auch Zahngold und das Metall von Kunstgelenken. Fein gesiebt und zermahlen, landet die Asche dann in der Urne und kann so beigesetzt werden. In Hagen ist dies die kostengünstigste Art, unter die Erde zu kommen, denn die Kremierung samt Aufbewahrung und zweiter Leichenschau durch einen Rechtsmediziner kostet in der Volmestadt nur 340,90 Euro.

Und der Trend zur Kremierung sei ungebrochen, weiß Dipl.Ing. Michael Haneke vom städtischen Fachbereich für Grünanlagen- und Straßenbetrieb, in dessen Verantwortungsbereich das Krematorium fällt. Der städtische Baudirektor ist zuständig für neun städtische Friedhöfe, das Krematorium und den Ruheforst auf der Philippshöhe.

Wie er erzählt, wählten im letzten Jahr 60 Prozent aller Verstorbenen die Verbrennung im Krematorium, nur 40 Prozent entschieden sich für die Erdbestattungen. „Vor sieben Jahren war das noch genau umgekehrt“, berichtet Michael Haneke, der diese Zahlen auch von kirchlichen Trägern bestätigt sieht. „Es hat eindeutig ein Generationenwechsel stattgefunden. Die Menschen haben keine Zeit, keine Lust und kein Geld mehr, große Grabstellen 30 Jahre lang und länger aufwändig zu pflegen. Da ein Urnengrab kaum Pflege braucht, entscheiden sich immer mehr für die Kremierung“, weiß der stellvertretende Fachbereichsleiter Haneke, „auch die Urnengräber auf dem Waldfriedhof auf der Phillipshöhe werden weit über Hagens Grenzen hinaus nachgefragt.“

Konkurrenz ist groß

Obwohl die Einäscherung momentan die beliebteste Bestattungsform zu sein scheint, musste das Hagener Krematorium starke Einbußen in Kauf nehmen. Seit der Eröffnung des privaten Krematoriums in Lüdenscheid im Herbst 2005 haben sich die Kremierungen um 50 Prozent verringert. „Damals umfasste unser Einzugsgebiet die gesamte Märkische Region und sogar das Südsauerland bis weit nach Siegen hinunter“, erinnert sich Haneke, „aber auch die Krematorien in Wuppertal, Siegen, Hamm und Werl stellen natürlich eine Konkurrenz für unseren Gewerbebetrieb Krematorium dar.“ Es gäbe allerdings sehr viele auswärtige Bestatter, die dem denkmalgeschützten Krematorium in Hagen treu geblieben seien, betont Haneke stolz, „schließlich war Hagen 1911 die erste Stadt in Preußen, die überhaupt über so eine Einrichtung verfügte.“

Wirtschaftlichkeit gewährleistet

Mit etwa 2600 Verbrennungen im Jahr kann das Krematorium trotz allem noch wirtschaftlich arbeiten. Bis zu zehn Leichen werden pro Tag in der hochmodernen Ofenlinie verbrannt, die 2008 gänzlich erneuert wurde. Waren es früher zwei Öfen, ist jetzt nur noch einer in Betrieb. „Die Lebensdauer eines Ofens beträgt etwa 25 Jahre“, erklärt Michael Haneke. „Da wir für acht bis zehn Verbrennungen am Tag nur noch einen Ofen brauchen, wurde auch nur dieser auf den neuesten Stand gebracht.“

Hightech verbirgt sich dann auch im Felsenkeller neben dem Krematorium, denn der frühere Verbrennungsort direkt unter dem Gebäude wurde durch die hohen technischen Ansprüche viel zu klein. Während es früher aus dem Schornstein des Krematoriums kräftig qualmte, ist heute kein Rauchwölkchen mehr zu entdecken, weggefiltert von einem riesenhaften Reinigungssystem.

Zweite Leichenschau

„Mit der Abgabe des Sarges durch den Bestatter beginnen unsere Arbeit und unser Verantwortungsbereich“, erklärt Michael Haneke den Betrieb im Krematorium. „Jetzt liegt die Verfügungsgewalt einzig bei der Stadt Hagen und an der Leiche darf nichts mehr verändert, hinzugefügt oder weggenommen werden.“

Die Leichen sollten ohne Wertgegenstände eingeliefert werden. Das Entfernen von Gegenständen jeglicher Art wie zum Beispiel Edelmetall, Zahngold, weitere Metalle und Legierungen, Kleidung, Beigaben usw. ist vom Zeitpunkt der Leicheneinlieferung an im Krematorium oder dessen Nebenräumen verboten. Die Verstorbenen werden mit den Gegenständen kremiert, wie sie bei der Einlieferung vorhanden sind. Herzschrittmacher, Knochen- und Zahnersatzimplantate, Silikoneinlagen (hergestellt nach dem Jahr 1965) sowie Munitionssplitter müssen vor der Einäscherung nicht entfernt werden. Die ausgesonderten Reste der vorgenannten Materialien werden dem Metallkreislauf der Wirtschaft zugeführt.

Vor der eigentlichen Verbrennung wird ein Rechtsmediziner, beauftragt vom Gesundheitsamt, eine zweite Leichenschau vornehmen und Totenschein und Leiche überprüfen. Bei Ungereimtheiten informiert der Mediziner sofort die Staatsanwaltschaft. „Auch das ist schon mal passiert“, erinnert sich Haneke. „Dann muss die Leiche obduziert werden, um die genaue Todesursache doch noch ermitteln zu können.“

Verbrennung bei 800 Grad

Dipl.-Ing. Michael Haneke vom Fachbereich für Grünanlagen- und Straßenbetrieb ist zuständig für neun städtische Friedhöfe, das Krematorium und den Ruheforst auf der Philippshöhe. Zusammen mit seinem Kollegen Hubert Peters informierte er den wk über die Arbeit im Krematorium. (Foto: Anna Linne)

Ist alles in Ordnung wird der Sarg mit dem Leichnam bei 800 Grad im Ofen verbrannt. Jeder Leiche wird zuvor eine Gipsmarke zur späteren Identifizierung mit in den Sarg gelegt. Eine Stunde und zehn Minuten dauert der dreiphasige Verbrennungsakt in der Regel. Sehr korpulente Leichen oder solche, die vor ihrem Tod viele Medikamente schlucken mussten, brauchen entsprechend länger.

Zwei vollangestellte Ofenwarte und ein Teilzeitangestellter verrichten im Keller des Krematoriums ihren Dienst und sorgen für einen reibungslosen, aber auch würdevollen Ablauf des ganzen Prozesses. Sie schaffen die Särge in die Öfen, kontrollieren den Verbrennungsvorgang und schaffen die Asche in die Urne. Zugegeben kein einfacher Job, doch laut Aussage der Ofenwarte ein wirklich notwendiger.

Metallerlös fürs Krematorium

Nach dem Abkühlen wird die sehr grobe Asche dem Ofen entnommen. Nun werden mit einem magnetischen Stab größere Metallteile aus der Asche herausgezogen und in einem abschließbaren Behältnis aufbewahrt. Die für die Urne viel zu grobe Asche wird nun in die Aschemühle gefüllt, die gleichzeitig die letzten Metalle aus dem Mahlgut separiert. Dann kann die vollständig gereinigte und zerkleinerte Asche in die Urne gefüllt und den Angehörigen übergeben werden.

Die gesammelten Metalle werden drei bis viermal im Jahr zur Wiederverwertung an Metallhändler verkauft. Dabei erzielt die Stadt jedes Mal einen kleineren dreistelligen Betrag, der zu hundert Prozent wieder ans Krematorium fließt. „Das machen die meisten Krematorien so“, weiß Haneke, „nur einige wenige spenden diesen Betrag an soziale Einrichtungen. Wir gewährleisten mit dem Geld aus der Asche weiterhin unsere Wirtschaftlichkeit und können den Verstorbenen gleichsam einen würdevollen Abschied bereiten.“