„Eine letzte Bombe gibt es nicht“

Dr. Henner Sandhäger, Dezernent beim Kampfmittelbeseitigungsdienst für Westfalen-Lippe in Hagen, vor einem recht seltenen Fund. Aus dieser Bombe baute sich im Zweiten Weltkrieg jemand einen funktionstüchtigen Ofen. (Foto: Anna Linne)

Hagen. (anna) Der weiße Punkt auf dem alten Foto ist winzig. Nur mit einer Lupe erkennt das geschulte Auge hier einen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst aus Hagen schätzt, dass jede zehnte damals abgeworfene Bombe nicht explodiert ist. Auch Dr. Henner Sandhäger, der zuständige Dezernent, weiß, dass seiner Behörde die Arbeit nie ausgehen wird. „Es wird nie eine letzte Bombe geben, die gefunden wird“, ist sich der 44-jährige Geophysiker sicher.

Auch mehr als sechs Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges werden beinahe täglich bei Erdarbeiten Kampfmittel aller Art gefunden. Die Beseitigung dieser oft noch recht explosiven Funde ist Aufgabe der städtischen Ordnungsbehörde. Bei der Entfernung bedient sich das Ordnungsamt allerdings der technischen Unterstützung des Staatlichen Kampfmittelbeseitigungsdienstes, der seinen Sitz in Hagen-Bathey, In der Krone 31, hat. Zuständig ist diese 40 Mitarbeiter starke Behörde der Bezirksregierung Arnsberg mit seinen Außenstellen in Münster und Detmold für den gesamten Bereich Westfalen-Lippe. Sie ist die größte Dienststelle dieser Art in NRW. Alle Bombenfunde zwischen Siegen und Minden, zwischen Bocholt und Höxter werden in Hagen bearbeitet. Der einzige Munitionszerlegungsbetrieb für diesen Bereich befindet sich im ostwestfälischen Ort Ringelstein nahe Büren. Dorthin werden alle Funde verbracht und vernichtet. Für den rheinischen Kampfmittelbeseitigungsdienst in Düsseldorf gibt es noch einen Zerlegungsbetrieb in Hünxe.

Arbeit ohne Ende

Rund 300 Anträge im Monat gilt es zu bearbeiten. Denn immer, wenn tiefer als 80 Zentimeter ins Erdreich eingegriffen wird, muss die Baustelle auf mögliche Kriegslasten untersucht werden. Dazu zählen Bomben, Granaten, Munition und Munitionsteile, aber auch Waffen und Waffenteile, die durch die Wehrmacht oder die ehemaligen Alliierten im Zuge der Kampfhandlungen hinterlassen wurden. Es kann sich dabei gleichermaßen um sogenannte „Blindgänger“ wie um ungebrauchte Kampfmittel handeln.

Baugrundstücke müssen frei von Kampfmitteln sein. Dies ist vor allem von Bedeutung bei Bauvorhaben auf Grundstücken, die in Bombenabwurfgebieten oder in ehemaligen Hauptkampfgebieten des Zweiten Weltkriegs liegen und bei denen nicht unerhebliche Erdeingriffe vorgenommen werden. „Normalerweise liegen die Blindgänger in einer Tiefe von drei bis vier Metern“, weiß Sandhäger, „aber wir mussten auch schon mal eine Bombe bergen, die 22 Meter tief im Boden steckte.“

Luftaufnahmen

Die Briten und Amerikaner haben ihre Bombenangriffe mit einer Kamera am Flugzeugrumpf umfangreich dokumentiert. Rund 300.000 dieser Aufnahmen von NRW erleichtern Dr. Henner Sandhäger und seinem Kollegen Ubbo Mansholt die Suche nach der explosiven Kriegslast, die sich vorwiegend in den Ballungsräumen des Ruhrgebietes, an Bahnhöfen und auf Industrieflächen findet. Aber auch auf Äckern und in Wäldern entdeckt man versprengte Kampfstoffe. „Die meisten Aufnahmen wurden uns von den Briten aber erst 1999 zur Verfügung gestellt“, erklärt Sandhäger, „so ist zu erklären, dass sich viele Blindgänger unter Gebäuden oder in unmittelbarer Nähe befinden.“ In Hattingen detonierte zum Beispiel vor Jahren ein Blindgänger, der im Fundament des Hauses verborgen war.

Die Anfragen der Ordnungsbehörde bearbeitend, sitzt Ubbo Mansholt mit der Lupe am Computer, um auf den entsprechenden Luftbildaufnahmen auch den winzigsten Punkt (der eines Blindgängers ist der winzigste) erkennen zu können.

„Als wir das Böhfeld in Kabel für die Erstellung des Evolutionsparks kampfmittelfrei machen mussten, fanden wir unter anderem auch zwei Blindgänger-Bomben direkt nebeneinander“, berichtet Sandhäger. „Bei solchen Funden gehen wir davon aus, dass die Piloten bewusst alle Bomben unentschärft abwarfen, weil ihr Flugzeug gerade abstürzte.“ Und auch das gehört zur Arbeit des Kampfmittelbeseitigungsdienstes: „Die Entsorgung der Munition aus den im Krieg abgestürzten Maschinen. In den Trümmerteilen finden wir immer noch reichlich“, weiß Sandhäger, „manchmal sogar noch die sterblichen Überreste der Piloten.“

„Es wird nie eine letzte Bombe geben, die gefunden wird“, ist sich der 44-jährige Geophysiker sicher.