Eine wohlfeile Woche

Hagen. (ME) Was stand bei den Hagenern vor 100 Jahren – also am Vorabend des Ersten Weltkriegs – im Mittelpunkt des Interesses? Wir setzen unsere Serie „Hagen 1914“ abermals mit einem Blick in den Juni fort.

Es berichtet wieder Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach:

Weiße Wochen

Im Juni 1914 herrschte über viele Tage hinweg mieses Wetter. Um trotzalledem Kunden in die Kaufhäuser zu locken, mussten sich die Geschäftsleute daher etwas einfallen lassen. Das Warenhaus Sinn & Co in der Mittelstraße startete daher am Dienstag, dem 2. Juni, eine „Wohlfeile Woche“ mit einem „Reklame-Verkauf“ von Damenwäsche sowie von Weiß- und Baumwollwaren. Dieser Sonderverkauf wird in der am selben Tag im „Westfälischen Tageblatt“ veröffentlichen großformatigen Anzeige als eine „unbedingt vorteilhafte Gelegenheit“ angepriesen, deren „unschätzbare Ersparnis beim Einkauf“ man sich nicht entgehen lassen solle. Doch die Konkurrenz schlief nicht. Am selben Tag kündigte das Kaufhaus Kornblum am Markt in der Lokalpresse seine am Montag, dem 8. Juni, beginnende „Weiße Woche“ an. In der Anzeige wird versichert, dass man das „denkbar Günstigste“ bieten werde und sich ein Warten mit dem Einkauf bis dahin lohne.

Schon am nächsten Tag konterte das Textilgeschäft Gebrüder Alsberg in der Elberfelder Straße mit einer Zeitungsanzeige, in der es eine eigene, im Lauf des Monats stattfindende „Weiße Woche“ ankündigte. In der Anzeige machte das Geschäft die „verehrte Kundschaft“ darauf aufmerksam, dass man in der „Weißen Woche“ Vorteile „wie nie zuvor“ bieten werde. Auch hier wurde geraten, bis dahin noch mit Käufen zu warten. Am folgenden Tag schaltete das Geschäft nochmals eine Anzeige, in der seine „Weiße Woche“ erneut angekündigt und als die „populärste Einkaufs-Gelegenheit des Jahres“ angepriesen wurde.

Total-Ausverkauf

Um nicht zu kurz zu kommen, zogen auch noch weitere Geschäfte in Hagen mit Sonderpreis-Aktionen nach. Die ebenfalls in der Elberfelder Straße ansässige „Manufakturwaren-Handlung“ Gebrüder Kaufmann führte daher einen „beschleunigten Total-Ausverkauf“ durch. Kostümröcke, Blusen, Unterröcke, Jackenkleider usw. sowie sämtliche Herrenkonfektion waren um 50 Prozent und mehr herabgesetzt. In der betreffenden Zeitungsanzeige wurde der nunmehr beschleunigte Ausverkauf als eine „nie wiederkehrende Gelegenheit“ bezeichnet, sich „gute Ware“ für einen „kleinen Bruchteil des Wertes“ zu beschaffen. Das rief wiederum das Warenhaus Kornblum auf den Plan. Durch eine weitere, am 8. Juni, in den drei Hagener Zeitungen veröffentlichte Anzeige, ließ das Geschäft bekannt machen, dass während der „Weißen Woche“ außerdem auf sämtliche (weiße) Möbel wie Metall- und Kinderbettstellen sowie Veranda- und (gebleichte) Peddigrohrmöbel 10 Prozent Preisnachlass gewährt werde.

Die Textilwarenhandlung Geschwister Müller in der Mittelstraße mit einer Filiale in Wehringhausen an der Lange Straße suchte dagegen mit einer „95-Pfennig-Woche“ Kunden in ihr Geschäft zu ziehen. Diese Idee wurde prompt von dem Warenhaus Sinn kopiert. In der am 30. Juni in den Hagener Tageszeitungen als großformatige Anzeige erschienenen Ankündigung von „Sinn’s Weiße-Woche“ wird vollmundig betont, dass eine Verkaufsveranstaltung von solcher Größe und Vielseitigkeit wie die jetzt von Sinn gestartete von „keiner anderen Seite geboten werden kann“.

Seinerzeit muss offensichtlich unter den nicht der alltäglichen Versorgung dienenden Geschäften ein regelrechter Wettstreit bei der Kundenwerbung geherrscht haben. Ob dieser sich letztlich für die Geschäftsleute oder die Kunden oder für beide gelohnt hat, muss allerdings offen bleiben.

Forsetzung folgt.

→ Alle bisher erschienenen Teile der Serie.

Noch eine Anmerkung:

K-Brote, Lebensmittel-Polonaisen und Volksküchen sind nur einige der Erscheinungen des Kriegsalltags in Hagen in den Jahren 1914 bis 1918. Davon handelt ein Bilder-Vortrag, der im Rahmen der Reihe zur Ausstellung „Weltenbrand – Hagen 1914“ am Donnerstag, 26. Juni 2014, um 18 Uhr im Vortragssaal des Osthaus-Museums, Museumsplatz 3, zu hören und sehen ist: „Eine Stadt im Krieg – Ernährung und Verwaltung in Hagen 1914-1918“. Es spricht Dr. Sollbach.