Einem Massensterben auf der Spur

Von Antje Selter

Hagen. Weiter geht’s in unserer Serie „Geotope in Hagen“. Heute ist Autorin Antje Selter (Geotouring) einem Massensterben auf der Spur. In Gesteinsablagerungen der letzten 600 Millionen Jahre sind weltweit sechs große und zahlreiche kleinere Massensterben überliefert. Das bekannteste, dem auch die Dinosaurier zum Opfer fielen, ist dabei noch nicht einmal das größte!

Durch Nachrutschen des Hanges, Laubfall und den Aufwuchs von Buschwerk verfiel der Aufschluss immer mehr, so dass die Böschung im Hasselbalbachtal heute eigentlich „nach nichts“ aussieht - dennoch hätte sie um ein Haar weltweite Geologiegeschichte geschrieben. (Foto: Geotouring)

Sie zählen zu den spannendsten und rätselhaftesten Ereignissen in der Erdgeschichte, deren Erforschung die Wissenschaft vor zahlreiche Probleme stellt. So sind ihre Ursachen, aber auch ihre genauen Auswirkungen bis heute vielfach ungeklärt. Sie gelten jedoch mittlerweile als wichtige Weichensteller der Evolution, ohne die die Entwicklung des Lebens auf der Erde vielleicht einen anderen Verlauf genommen hätte.

Auch in den Gesteinen des Harzes und des Rheinischen Schiefergebirges finden sich Hinweise auf zwei große Massensterben: Dem so genannten „Kellwasser-Ereignis“ im Oberkarbon und dem „Hangenberg-Ereignis“ an der zeitlichen Grenze von Devon und Karbon. Aussterbe-Ereignisse sind keinesfalls nur Überbleibsel einer fernen Vergangenheit. Sie werden auch in Zukunft das Gesicht der Erde und die Entwicklung des Lebens entscheidend beeinflussen.

Klima-Veränderung

Im Devon-Karbon-Grenzbereich setzten einschneidende klimatische Veränderungen ein und spiegeln sich in einem der bedeutendsten Aussterbe-Ereignisse wider, dem globalen Hangenberg-Event vor etwa 358 Millionen Jahren. In kurzer Zeit sind etwa 40 bis 50 Prozent der Tiere und Pflanzen ausgestorben. Was war wohl der Grund dafür, dass dieses ,,Massensterben“ stattfand? Es kann ein katastrophales Ereignis sein wie ein sehr großer Meteoriteneinschlag, der weltweite Auswirkung gehabt haben könnte. Man könnte sich auch vorstellen, dass es am Ende der Devon-Zeit zu Veränderungen im Klima und in den Nahrungsketten durch eine rasche Entwicklung der Landpflanzen kam, die letztendlich in einer weltweiten ökologischen Krise gipfelten. Den Übergang dokumentiert diese „Grenze“ zwischen den beiden Erdzeitaltern Devon und Karbon.

Im Hasselbachtal

Die Devon-Karbon-Grenze lässt sich u.a. durch Überreste von Lebewesen bestimmen. Für bestimmte Zeitabschnitte der Erdgeschichte sind derartige „Leitfossilien“ für bestimmte Zeitabschnitte der Erdgeschichte kennzeichnend und treten weltweit auf. Weil das Alter dieser Fossilien bestimmt wurde, konnte die exakte zeitliche Grenze Devon/Karbon bei 358 Mio. Jahren festgelegt werden. Im Rahmen von wissenschaftlichen Untersuchungen wurden diese Leitfossilien auch in den Gesteinsschichten des Hohenlimburger Hasselbachtals gefunden.

Beinahe hätte das kleine Tal des Hasselbaches bei Hohenlimburg-Reh deshalb weltweite Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Der Aufschluss blieb lange unbeachtet, bis in den siebziger Jahren eine Arbeitsgruppe einer Internationalen Kommission eingesetzt wurde, die nach einem Typprofil suchte, das weltweit den Standard für diese wichtige Zeitmarke definieren sollte. Zur Auswahl standen vorrangig drei Kandidaten für die Festlegung der Devon-Karbon-Grenze: Das Profil La Serre in der französischen Montagne Noire, das Profil Nanbiancun in Süd-China und eben das Hasselbach-Profil. Aus verschiedenen Gründen fiel die Entscheidung zugunsten des Profils La Serre.

Eher unscheinbar

Der Aufschluss im Hasselbach ist recht unscheinbar. Es handelt sich um eine Bachböschung von knapp zwei Metern Höhe, in der die Schichten auf einigen Meter Länge hin frei liegen. Durch Nachrutschen des Hanges, Laubfall und den Aufwuchs von Buschwerk verfiel der Aufschluss immer mehr und war zum Schluss kaum noch zu erkennen. Bei den verantwortlichen Stellen der Stadt und in der Bevölkerung geriet dieser wissenschaftliche Hit in Vergessenheit.

Ganz anders die Situation in Frankreich und vor allem in Nanbiancun in China: Hier führte der Stolz der Chinesen über die internationale Anerkennung ihres Aufschlusses und der zu seiner Erforschung geleisteten wissenschaftlichen Arbeit dazu, dass er in der Art eines Denkmals hergerichtet und für die Öffentlichkeit erschlossen wurde.

Auch das Umweltamt der Stadt Hagen hat in Erwägung gezogen, den Hasselbacher Bereich zu „verschönern“. Diese Maßnahme ist allerdings noch nicht realisiert worden.

Mehr über das Massensterben lesen am kommenden Samstag,  4. Juni 2011, im wochenkurier – kostenlos in Ihrem Briefkasten.