Eisbein bei “Stucky’s”

Von Frank Schmidt (zurzeit in Südafrika)

Nelspruit/White River. „Leisegang“, die Unterkunft in Bloemfontein ohne verschlossene Tore und mit dem Bretterbudenflair auf Township-Niveau, haben wir überlebt, und noch ist Zeit bis Kapstadt, wo die Argentinier auf uns Deutsche warten. Also auf zum Krüger-Nationalpark, wo die afrikanische Tierwelt auf einer Fläche so groß wie Rheinland-Pfalz ein von Safarijägern und Zivilisation unbehelligtes Rückzugsgebiet gefunden hat.

Hinkommen – aber wie?

Meine Freunde Frank, Michael und ich stellen schnell fest, dass unsere Faustformel „hundert Kilometer pro Stunde“ auf dem Weg von Bloemfontein nach Nelspruit nicht zieht. Vor allem auf dem ersten Teil des über 800 Kilometer langen Weges erweisen sich fett in der Karte eingezeichnete Straßen als rustikale Schotter-Rüttelpisten mit reichlich „Potholes“ – Schlaglöchern also, und wer schneller fährt als Fünfzig, riskiert Achsenbruch und andere Scherereien. Zwischendurch machen wir Rast in einem Nest und lesen im „Bimbo’s“ Horrorschlagzeilen über sinnlose Mordfälle: „Umgebracht wegen Müll“.

Immerhin taucht irgendwann, kurz vor einem Kaff namens Volksrust, ein Schild mit der Aufschrift „Stucky’s Gästehaus“ auf, das mit Weizenbier, Eisbein („the best you’ve ever eaten“) und anderen vertrauten Qualitätsgrüßen aus good old Germany zum Abbiegen einlädt. Noch immer vibrierend von der Schotterstrecke, machen wir das auch, und das Zimmerangebot ist klasse. Noch während wir einziehen, machen wir Bekanntschaft mit Johan, der zwischen zwei Zügen aus dem Flachmann wissen will, was wir denn so vorhaben.

Krüger-Nationalpark?

Johan muss es schließlich wissen, denn er ist selbst schon 15-mal da gewesen. Während wir uns noch fragen, warum, erklärt er uns, dass das Gras dort im Winter viel zu hoch sei. Man sehe dort so gut wie nichts. Und rein zufällig weiß er einen erheblich schöneren Naturpark, zu dem seine Frau gute Drähte hat. Da stehe man dem Nashorn praktisch Auge in Auge gegenüber, und wenn es rülpst, könnten wir riechen, was es gegessen hat. Wir hingegen wissen, was Johan getrunken hat und entscheiden uns für Krüger. Blöd nur, dass wir wegen des penetranten, nicht enden wollenden Vortrags Holland gegen die Slowakei verpassen.

Immerhin wartet abends der Kracher Brasilien gegen Chile auf uns, und bis dahin gilt es, das Eisbein („the best you’ve ever eaten“) und andere Köstlichkeiten, zum Beispiel ein 900 Gramm schweres T-Bone-Steak, zu verkosten.

Während wir noch auf die Mahlzeiten warten, erscheint „Stucky“, ein circa 75-jähriger Deutscher, der den Laden in den 50-er Jahren in die Landschaft gepflanzt hat, auf der Bildfläche. Nach dem Krieg hatten vielen Deutsche ihre gewissen Gründe, das Abenteuer am anderen Ende der Welt zu suchen, und auch, wenn Roland „Stucky“ zu jung ist, um an den Verbrechen des Naziregimes beteiligt gewesen zu sein, so wird er doch wissen, warum er sich in Südafrika mit seinem Spitznamen hat registrieren lassen. „Früher war es schöner in Afrika“, befindet er und meint damit die Zeit der Apartheit, der Rassentrennung, die erst Anfang der 90-er Jahre endete. Den Krüger-Nationalpark empfiehlt er uns wärmstens und bucht für uns ein Hotel namens „The Winkler“.

Lichter gehen aus

„That’s Afrika“, flötet die Dame von der Rezeption grinsend. Irgendjemand hat nach einem Kneipenbesuch mit seinem Wagen einen Strommasten in der Nähe des Gästehauses umgemäht, was hier in der südafrikanischen Diaspora polizeitechnisch kein Warzenschwein interessiert. Kerzen werden ausgeteilt, und wir rücken nach dem leckeren Abendessen aus, um eine Bar mit Fernseher zu suchen. Der erste Versuch schlägt zwar fehl, denn Volksrust besteht im wesentlichen aus Tankstellen und Autohäusern, doch nachdem ich bei „Stucky’s“ eine genaue Wegbeschreibung zu einem gemütlichen Wirtshaus erhalte, rücke ich noch mal allein aus und sehe zumindest die zweite Halbzeit des Brasilienspiels. Mit dem guten Rat, den Krügerpark auf keinen Fall zu verpassen, kehre ich zurück.

Nach einer weiteren Mammutfahrt kommen wir im traumhaft schönen „The Winkler“ an, und am nächsten Tag geht’s auf in den bekannten Park, in dem alle das Gleiche machen: Mit dem Auto über unbefestigte Straßen fahren, gaaanz viele verschiedene Tiere erspähen, Foto machen, Tierart im Nationalparkkatalog abhaken und weiterfahren. Wo man Tiere sieht, erkennt man dies an den bereits an den jeweiligen Stellen wartenden Autos.

„What is it?“

„What is it – was ist dort?“ lautet das geflügelte Wort des Tages, wenn man den Grund des kleinen Wagenparks am Straßenrand nicht gleich erspähen kann. Wir erlauben uns den Spaß, halten grundlos an, und bald umringen uns ein paar Autos.

Im Wesentlichen geht es um die „Big 5“, die großen Fünf des afrikanischen Kontinents, die unbedingt auf den Kamerachip müssen: Büffel, Elefant, Nashorn, Löwe, Leopard. Warum zum Beispiel Giraffen, Flusspferde oder Krokodile dagegen nur „zweite Liga“ sind, weiß so recht kein Mensch. Eine Dame beschreibt uns, wo sie einen Löwen gesehen hat, und wir heizen stundenlang durch die  Karpaten“, um schließlich in weiter Ferne eine Löwin im Gebüsch zu erahnen, die nach einer Viertelstunde sogar mit dem Ohr wackelt. Der absolute Hammer! Ich verliere allmählich die Lust an der Sache und verbringe den Rest der Tour damit, auf dem Rücksitz Postkarten zu schreiben. Man ist schließlich auch schon im Wuppertaler Zoo gewesen.

Am nächsten Tag verzichte ich auf die nächste Touristenrallye namens „Panorama Route“, ziehe zur Abwechslung mal wieder auf eigene Faust los und tauche ein in ein Farbigenviertel am still gelegten Bahnhof von White River.

Fröhliche Menschen

Es wird ein wundervoller Tag. Die zahllosen Plaudereien mit freundlichen, fast kindhaft fröhlichen Menschen werde ich nie vergessen. Constane Zucub, die mir für umgerechnet drei Euro einen wilden Gürtel mit Elvis-Gitarrenschnalle verkauft, auf der sich in der Mitte ein Dollarzeichen dreht, hat noch nie eine Digitalkamera gesehen und bestaunt sich lachend im Display. Im Barbershop, der aus vier Stangen und einer dazwischen gespannten Stoffplane besteht, werden Haare auf Millimeterlänge rasiert. Ich bestelle einen etwas anderen Haarschnitt, der nicht einmal in die Hose geht.

Dann gehe ich in eine urige Volksküche, bekomme für ein paar Rand einen Berg aus Fisch mit Fritten und löse emsige Betriebsamkeit aus, als ich nach Messer und Gabel frage. Irgendwo findet sich schließlich Besteck, das rasch gespült wird, und das Trockentuch wird mir als Serviette gereicht. Ein kauziger alter Bettler gibt mir sogar etwas Wechselgeld raus, weil er umgerechnet zwei Euro nicht annehmen mag. Und Petunia, die mir für kleines Geld eine afrikanische Amateur-CD andreht, schreibt hinter ihren Namen auch gleich kess ihre Handynummer auf die braune Papiertüte, die ich jedem, über den ich schreiben will, nebst Kuli hinhalte. So geht es stundenlang weiter.

White River Bahnhofsviertel, das ist aber auch eine endlose Menschenschlange vor dem Sozialamt, in der sich nicht ein Weißer befindet. Immerhin zahlt die Regierung jenen, die keine Arbeit haben, einige Rand zum Broterwerb. Zum Leben zu wenig, genug aber, um stundenlanges Warten zu ertragen. Mit 20 Schwarzen in einen Kleinbus gequetscht, fahre ich zurück ins Hotel und plaudere unterwegs mit der neben mir sitzenden Aisha über ihre Tätigkeit als Avon-Beraterin. Sie hat einen Pappkarton mit Schönheitsartikeln auf dem Schoß.

Abends treffe ich Frank und Michael wieder, die auf der „Panorama Route“ Wasserfälle, Schluchten und anderes Schöne gesehen haben. Am Aussichtspunkt „Wonder view“ allerdings herrschte Waschküchenwetter, sprich dicker Nebel. 400 Kilometer haben die Beiden im Auto zurückgelegt. Ich bin nicht unbedingt neidisch…

Gnadenlos lecker

Wir essen in der „Trattoria Stefano“ italienisch, und es schmeckt gnadenlos lecker. Dahinter kann nur ein echter Italiener stecken, und Stefano kommt dann auch aus der Küche und bestätigt die Vermutung. Dass die Rezepte allerdings nach den strengen Vorschriften der „offiziellen neapolitanischen Pizza-Gesellschaft“ kreiert worden sind, wie die Karte allen Ernstes behauptet, ist vielleicht doch etwas dick aufgetragen. Die beiden jungen Bedienungen, die so hübsch unter ihren italienischen Hüten hervorschauen, lassen sich mit mir fotografieren.

Am nächsten Tag geht es nach Johannesburg, wo wir Abschied nehmen von Frank, der „nur“ drei Wochen Urlaub bekommen hat und heim fliegen muss. Michael und ich düsen weiter in Richtung Kapstadt, zum Viertelfinale gegen Maradonas und Messis Argentinier. Eine ganz harte Nuss, gewiss, doch wir sind voller Zuversicht, dass unser Südafrika-Abenteuer auch weiterhin vom Erfolg unserer deutschen Mannschaft begleitet wird.

Auf Wiederlesen also – erneut aus Kapstadt!