Engel der Hochstraße

Hassan, Senka und die kleine Medina Mehrez sind wieder glücklich in Hagen. In ihrem siebenwöchigen Tunesienaufenhalt haben sie einer Mutter mit zwei Kindern eine Existenz aufgebaut. (Foto: Anna Linne)

Hagen. (anna) Der Bürgersteig vor dem Haus Hochstraße 42 steht voll mit Krims und Krams. Vom Kinderwagen, Stepper, Fahrrad über Kleidung und Kleinmöbel bis hin zur Langspielplatte findet man hier Gebrauchtes aller Art. Über eine geschmackvoll dekorierte Treppe gelangt man dann in das Reich der Familie Mehrez, die hier im März 2009 einen Secondhand-Shop eröffnete. Längst hat sich der 150 Quadratmeter große Laden zum Treffpunkt für die ganze Straße entwickelt. Nachbarn geben sich hier täglich ein Stelldichein und klönen gern bei einer Tasse Kaffee. Inhaberin Senka Mehrez gilt schon lange als Engel der Hochstraße, weil sie für jeden und alles ein offenes Ohr hat und gerne hilft. Man liebt die fleißige Frau, die sich gerade gewissermaßen an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen hat.

Aber von Anfang an: Unter dem Titel „Mit Ramsch und Liebe in die Unabhängigkeit“ berichtete der wochenkurier vor fast zwei Jahren über die Familie Hassan (39) und Senka Mehrez (49) sowie Töchterchen Medina (3 ). Das Paar hat nach märchenhaftem Beziehungsanfang den schwierigen Schritt in die Selbstständigkeit gewagt.

Nicht gewillt, staatliche Unterstützung in Anspruch zu nehmen, haben sich Hassan und Senka seit fast drei Jahren mit dem Verkauf von gebrauchten Waren aller Art durchgeschlagen. Das eigentlich ungleiche Paar, das ein großes Herz für Arme und Benachteiligte hat und sich in vielen Bereichen ehrenamtlich betätigt, lernte sich 2003 in Tunesien kennen und etwas später auch lieben. Heute lebt die kleine Familie mit der fast dreijährigen Medina eher schlecht als recht von den Erträgen ihres Ladens, der sich von Anfang an als Treffpunkt für alle Bevölkerungsschichten ausgezeichnet hat. Immer ein großes Herz für Benachteiligte und Mittellose verschenkt Senka vieles und kleidet Hartz-IV-Leute, die ihr Herz gewonnen haben, auch schon mal komplett und kostenlos für den Winter ein. Viele einsame Seelen haben im Secondhand-Laden eine Heimat gefunden und helfen der Inhaberin, wo sie nur können.

Hilfe für Tunesien

Häufig schon verbrachten die Mehrez’ mehrere Wochen in Tunesien bei Verwandten von Hassan, die in einer kleinen Stadt in der Nähe der Hauptstadt Tunis leben. In den manchen Stadtteilen, die wie Slums anmuten, leben die Menschen dicht an dicht“, berichtet Senka Mehrez, die von der Einfachheit des Lebens immer wieder fasziniert ist. Schockierend ist allerdings, dass alleinerziehende Mütter hier an letzter Stelle stehen. Sie werden regelrecht geächtet und haben keinen Anspruch auf Unterstützung, egal, ob sie geschieden oder verwitwet sind.“ So leben insbesondere diese Kleinfamilien ohne Mann und Vater in größter Armut. Die Frauen haben erst wieder eine Chance auf Versorgung durch einen Mann, wenn die Kinder aus dem Haus sind“, hat Senka erfahren müssen.

Und als Senka Mehrez, die zu vielen dieser benachteiligten Frauen Kontakt unterhält, die 30-jährige Fatma mit ihren zwei Kindern (14 und acht Jahre alt) kennen lernt, reift in ihr eine Idee: Sie will der jungen, unversorgten Fatma zu einer neuen Existenz verhelfen. In einer angemieteten Garage soll ein Secondhand-Laden nach Senkas Vorbild entstehen. Die Waren müssten natürlich aus Deutschland kommen, denn in Tunesien gibt es keinen Wohlstandsmüll“, weiß die 49-Jährige.

Zurück in Hagen bittet Senka Freunde, Verwandte, Bekannte, Nachbarn, überhaupt alle, die sie kennt, um Kleiderspenden für Tunesien. Die Resonanz war überwältigend, wir konnten uns vor Spenden kaum noch retten.“

Am 29. Juli dieses Jahres geht es los: Das Ehepaar packt die Kleiderspenden mit vielen Helfern in den Familientransporter. Von 7 bis 12 Uhr haben wir gepackt“, erinnert sich Senka, und als wir nicht alles hineinbekamen, haben wir einfach die blauen Säcke entfernt und die Kleidung unverpackt ins Auto gelegt. So passte fast das Doppelte hinein“, freut sich Senka heute noch über diese Aktion. Vollbeladen ging’s dann zur Fähre nach Genua. Es war schrecklich heiß und es war Ramadan“, erklärt Senka, die sich mit dem Islam bestens auskennt. Wir durften nichts essen und nichts trinken und als wir nach 12 Stunden in Genua ankamen, war ich richtig krank.“

Dann folgten 24 Stunden auf der Fähre nach Tunis und Senka Mehrez fühlte sich immer schlechter. Es herrschten bestimmt 50 Grad, es war unerträglich.“ Endlich in Tunis angekommen, gab es Ärger mit dem Zoll. Ein Zöllner verlangte, dass wir auf der Stelle den ganzen Wagen ausräumen sollten“, erinnert sich Senka. Ich dachte ich werde wahnsinnig. Man wollte uns zwei Hilfskräfte zur Verfügung stellen, die wir mit 40 Euro pro Stunde bezahlen sollten. Ich weigerte mich, doch der Zöllner blieb hart und Hassan und ich begannen Stück für Stück auszupacken.“

Und weil Senka Mehrez inzwischen ganz gut Arabisch spricht, erklärte sie dem Grenzmann immer wieder, dass die Sachen nicht zum Verkauf, sondern für eine Freundin gedacht seien, die sich damit eine Existenz aufbauen soll. Plötzlich taucht beim Zoll ein Cousin Hassnas auf und wir fühlen uns gerettet“, erinnert sich Senka, doch der Cousin erkennt meinen Mann überhaupt nicht, weil dieser früher lange Haare hatte. Erst nach einem kurzen Gespräch wird die Verwandtschaft erkannt und schon helfen etliche Zöllner, den Transporter wieder einzupacken. Wir waren gerettet.“

Sieben Wochen verbrachte die Familie nun in Tunesien und half der alleinstehenden Mutter beim Aufbau eines Secondhand-Ladens. Wir hatten alles mitgebracht, Kleidung für Männer, Frauen und Kinder, für den Sommer und den Winter“, freut sich Senka, die die angemietete Garage noch nett dekorierte und mit den Waren aus Deutschland füllte. Und ihre Rechnung ging auf: In nur einer Woche hatte die alleinstehende Mutter Fatma bereits 300 Dinar verdient, damit konnte sie den Monat überleben und noch Schulsachen für den Sohn kaufen.

Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass der Nachschub nicht abreißt“, weiß die Secondhand-Chefin, die nicht jedes Jahr eine derartig strapaziöse Tour nach Tunesien machen will. Man kann die Sachen auch in Containern verschicken“, hat sich Senka Mehrez bereits erkundigt.