Erholung für Körper und Geist

Von Michael Eckhoff

Hagen. Wenn in wenigen Wochen das neue Buch „Jugendstil und mehr – Hagener Baukunst zwischen 1870 und 1930“ erscheint, werden die Leser darin ein „Objekt“ vergebens suchen: den Hagener Stadgarten. Dabei ist der am Buschey gelegene Park eigentlich auch ein bedeutendes „Überbleibsel“ aus jener Bau-Epoche. Beschrieben wird der Stadgarten allerdings im HagenBuch 2012 – dieser Band wiederum wird Mitte November auf den Markt kommen. Der wochenkurier bringt heute schon einen Auszug aus diesem Beitrag:

Franz Heinrich Siesmayer (l.) war zusammen mit seinem Bruder einer der wichtigsten Gartengestalter des 19. Jahrhunderts; in Hagen entwarf er 1884/85 den Stadtgarten. (Abb. aus: Möller‘s Deutsche Gärtner-Zeitung, 1882, Seite 243)

Um 1910 erschien ein „Offizieller Führer durch Hagen i. W. und Umgegend“, worin auch der Stadtgarten beschrieben wird:

„Der Hagener Stadtgarten und der angrenzende Hagener Stadtwald ist zweifellos der schönste Schmuck in Hagens Städtekrone; ein Besitztum, um das Hunderte von Gemeinwesen – und nicht nur Industriestädte – uns beneiden können. Du steigst von der Buscheystraße den kleinen Aufgang hinan und befindest dich gleich mitten zwischen schattigen Bäumen, umduftet von dem würzigen Geruche alten Laub- und Nadelholzes und bunter Blumenbeete. Auf weichen, wohlgepflegten Pfaden kannst du rechts oder links zur kleinen Anhöhe steigen; breite Wiesenflächen laben das Auge; Baumpflanzungen und Ziersträucher aller Art geben Gelegenheit zu botanischen Studien, bequeme Ruhebänke laden zur Rast. Dabei läßt sich lange dem idyllischen Spiele der Schwäne zuschauen, die in dem malerischen Teich hin und her ihre Kreise ziehen. […] Nicht lärmend und rauschend wie bei den Massenansammlungen der Großstädte, aber auch belebt genug, um nicht das Gefühl der Einsamkeit aufkommen zu lassen, sind solche Stunden im Hagener Stadtgarten wirkliche Erholungen und Erfrischungen für Körper und Geist.“

Der Hagener Stadtplan von 1888 zeigt den „frisch“ geschaffenen Stadtgarten. (Plan: Stadt Hagen)

Hohes Niveau

Unter dem Titel „Überraschende Entdeckung in Hagen: Gartenkunst auf hohem Niveau“ schrieb der Bochumer Kunsthistoriker Christoph Dorsz im HagenBuch 2011 auf Seite 9: „Die historischen Gärten im Hagener Stadtgebiet zeugen von einer über Jahrhunderte gewachsenen Gartenkunst, die heute kaum noch als solche wahrgenommen wird.“ Das gelte laut Dorsz insbesondere auch für den Stadtgarten. Und er nennt im HagenBuch den Namen des Gartenarchitekturbüros, das einst den Stadtgarten schuf: Gebr. Siesmayer.

Vor Dorsz war es bislang lediglich der seinerzeitige städtische Mitarbeiter Dr. Kurt Bartels, der den Namen dieses Büros schon einmal in einem HagenBuch erwähnte, wenngleich in falscher Schreibweise und lediglich „nebenbei“: Nach einem Wettbewerb sei „der Plan der Gebrüder Schießmeyer herangezogen“ worden, lesen wir 1963. Bartels beschäftigte sich in diesem Beitrag unter der Überschrift „Der Hagener Stadtgarten – einst und jetzt“ mit der Entstehungsgeschichte des innerstädtischen Erholungsgeländes.

Große Bedeutung

Dass die 1842 in Bockenheim bei Frankfurt gegründete und 1933 in Konkurs gegangene Firma Gebr. Siesmayer im 19. Jahrhundert eine große Bedeutung besaß, hat Bartels vielleicht nicht wissen können. Schließlich stand in den 1960er Jahren die Beschäftigung mit wegweisenden Gartenarchitekten des 19. Jahrhunderts nur selten auf der Tagesordnung.

Der von Clara Huth 1902/03 gespendete Pavillon stand bis etwa 1936 nahe dem Teich. (Foto: Archiv Ardenkuverlag)

Während der Name „Siesmayer“ generell in Hagen bislang kaum bekannt ist, sieht dies in anderen Städten völlig anders aus. Etwa in Frankfurt am Main und in Bad Homburg. Oder insbesondere auch in Bad Nauheim: Hier wird der Kurpark-Eingang sogar von einem „Siesmayer-Denkmal“ geziert – was wiederum damit zusammenhängt, dass Franz Heinrich Siesmayer (1817-1900) als erster Ehrenbürger Bad Nauheims in die Geschichte eingegangen ist. Diese Ehrung erfolgte einst, weil Siesmayer 1857/58 den Nauheimer Kurpark entworfen hat.

Für alle Volkskreise

Doch zurück an die Volme und zu dem Beitrag von Kurt Bartels im Heimatkalender 1963. Es sei einst der weit bekannte Kommerzienrat C.J. Schwemann gewesen, auf dessen Anregung einige Bürger zusammenkamen – „zur Beratung eines Plans zwecks Einrichtung eines für alle Volkskreise öffentlichen Gartens“. Für diesen Garten habe man das Gelände an der Nordwestseite des Goldbergs als sinnvoll eingestuft. Doch vor der Verwirklichung habe die „Aufbringung der erforderlichen Mittel“ erfolgen müssen.

Ein Spendenaufruf erbrachte schon in kurzer Zeit 91.000 Mark, was dazu führte, dass am 15. Mai 1884 offiziell die „Aktiengesellschaft Hagener Stadtgarten“ entstehen konnte. Das Ziel der AG: „ einen neutralen Vereinigungspark zu schaffen für alle Gesellschaftskreise, für Reich und Arm, für Hoch und Niedrig, wo der Arbeiter sehe, daß für seine Erholung und Erfrischung in eben dem Maße gesorgt sei, wie für dasjenige anderer Leute“ (zitiert nach Bartels).

Zahlreiche prominente Bürger waren unter denen, die 1884 Aktien zeichneten – so beispielsweise Bürgermeister Prentzel, die Familien Funcke, Huth, Post, Kerckhoff, Osthaus, Altenloh und natürlich auch Fabrikant Carl Josef Schwemann.

In Bad Nauheim schuf Heinrich Siesmayer einen Kurgarten nach den Prinzipien des englischen Landschaftsgartens, wozu auch die Pflanzung fremdländischer Gehölze (unter anderem Zedern, Eiben und Christusdorn) und die Schaffung eines Teiches gehörten. Die Kurstadt ernannte ihn zum Ehrenbürger und hat zur Erinnerung ein Denkmal geschaffen, das sein Antlitz zeigt. (Foto: Michael Eckhoff)

Offenbar wurde umgehend ein Gestaltungswettbewerb ausgelobt, den das Büro Siesmayer für sich entschied. Franz Heinrich Siesmayer, „Königlich-Preußischer Gartenbau-Direktor und Großherzoglich-Hessischer Hof-Garten-Ingenieur“, hielt in seinen 1892 niedergeschriebenen Erinnerungen im Kapitel „1880 bis heute“ fest, unter den Entwürfen dieser Jahre sei zu nennen „ferner der Stadtpark in Hagen, ca. 50 Morgen, mit großen Fahr- und Fußwegen aus der Stadt, freien Plätzen, bedeutenden Terrassenanlagen usw.“.

Nicht „irgendein“ Planer

Dieser Heinrich Siesmayer war nicht „irgendein“ Gartenplaner, sondern in Deutschland im 19. Jahrhundert einer der wichtigsten Vertreter seiner „Zunft“. Zusammen mit Brüdern und Söhnen führte er ein Büro, das zwar nahe Frankfurt beheimatet, aber weit über die Grenzen Hessens hinaus bekannt und tätig war.

Bereits 1885/86 nahm die Hagener Stadtgarten-AG – laut Bartels – erste Anpflanzungen vor und gab Gartenteile zur Benutzung frei. Weitere Spenden folgten, so dass schon 1887 der Kinderspielplatz vergrößert werden konnte. In den Sommermonaten diente das neue Gelände, für dessen Betreten man übrigens einen kleinen Obolus bezahlen musste, sogar als Schauplatz diverser Konzerte, die – so Bartels – „Besucherzahlen bis in die Tausende gehabt haben sollen“.

Musikpavillon

In dieser Phase sei deshalb auch der Wunsch nach einem Parkhaus aufgekommen, doch dafür reichten wohl die Finanzen nicht aus, vermutet Bartels. Stattdessen durften sich die Hagener ab 1889 über einen „zierlichen, aus Eisen hergestellten Musikpavillon“ freuen, dessen Errichtung auf einer „Schenkung großzügiger Förderer“ basierte. Bis 1904 stand dieser erste Musikpavillon im Stadtgarten, dann wurde er durch einen Neubau ersetzt, den die „Witwe Hermann Huth zum Geschenk machte“.

Über den Verbleib dieses Geschenks weiß Kurt Elbers (im Hagener Heimatkalender 1967) mehr: „Bis etwa 1936 stand es an der Kopfseite des Teiches. Leicht verwittert, von vielen Autogrammen im Innern ‚verschönt‘, aber doch noch als Wetterschutz für Spaziergänger bekannt.“

Laut Elbers wurde der Pavillon 1902 von der Firma Bovermann Inh. Huth‘sche Erben für eine große Industrie-Ausstellung in Düsseldorf zusammengestellt. Alle Firmen, die im Ruhrgebiet Rang und Namen hatten, waren seinerzeit hier vertreten, etwa Krupp, die Gutehoffnungshütte oder der Bochumer Verein, und natürlich auch mehrere Hagener Unternehmen.

Der „Bovermannsche Tempel“ zeigte als Ausstellungsstand allerlei Erzeugnisse dieser Firma und sollte eigentlich abgebrochen werden. Doch Clara Huth setzte sich stattdessen dafür ein, den Pavillon zu „recyceln“ und ihn neben dem Stadtgartenteich wieder aufzubauen. Das erfolgte laut Elbers 1903.

Weitere Eingriffe

Doch was blieb aus den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg erhalten? Wenig! Der Musikpavillon verschwand bereits um 1936, das vom seinerzeitigen Stadtbaurat Ewald Figge 1907 entworfene wunderschöne „Parkhaus“ wurde ein Opfer des Bombenkriegs und musste 1956 durch einen Neubau (Entwurf: Herbert Böhme) ersetzt werden, die von F.H. Siesmayer entworfenen allerersten Stadtgarten-Pläne sind nur noch in Resten erlebbar und auch die Eigentumsverhältnisse haben sich längst verändert. Die Stadtgarten-AG löste sich 1900 auf – ihr Vermögen, also die Parkanlage, übernahm die Stadt Hagen.

Trotz aller Veränderungen ist der Hagener Stadtgarten ein heimatgeschichtliches Dokument von hohem Rang – es wird Zeit, dass sich die Denkmalschützer dieser ursprünglich dem Historismus zuzurechnenden Anlage annehmen…