Erinnerung an die Kaiserzeit

Von Michael Eckhoff

Wehringhausen. Die im Tal gelegenen Bereiche von Wehringhausen werden in den kommenden Jahren ihr Gesicht stark verändern. Vor allem die Gegend rund um den Bodelschwinghplatz mitsamt dem Drei-Kaiser-Brunnen wird betroffen sein. Schuld ist der Bau der Bahnhofshinterfahrung. Sie nutzt Teile des einstigen Varta-Geländes und mündet nahe dem früheren Varta-Verwaltungsbau in die Wehringhauser Straße.

Der Drei-Kaiser-Brunnen in Wehringhausen: Ein Denkmal, das typisch ist für den Zeitgeist jener Epoche, die wir oft „Gründerzeit“ oder auch das „Wilhelminische Zeitalter“ nennen. (Foto: Michael Eckhoff)

Um den Bodelschwinghplatz geht es auch in einer Veranstaltung des Architektenvereins AIV Mark-Sauerland am Freitag, 23. März 2012, Beginn: 16 Uhr. Der Bodelschwinghplatz gestern, heute und morgen“ heißt das Thema. Hierbei im Mittelpunkt: Der historische Kern Wehringhausens im Rückblick seiner bewegten Geschichte und mit Ausblick auf die Chancen seiner Wiederbelebung.

100 Jahre AIV

Der AIV Mark-Sauerland möchte anlässlich seines 100-jährigen Jubiläums mit den Bürgern an mehreren Orten Hagens über die Stadtgeschichte und Stadtentwicklung ins Gespräch kommen.

Einer dieser besonderen Orte ist der Bodelschwinghplatz. Seine städtische Funktion und Bedeutung hat der Platz schon vor langer Zeit eingebüßt. Architekturhistorisch wertvolle Gebäude am Platz und entlang der benachbarten Straßen zeugen von einstigem Wohlstand und Geschäftigkeit, wo heute Leerstand und Verkehrslärm dominieren.

Der Bodelschwinghplatz ist dennoch nicht unwiederbringlich verloren. Chancen sind erkennbar, um die vielleicht vergessene, aber doch unbestrittene Qualität des Quartiers wieder zur Geltung kommen zu lassen.

Rundgang

Der AIV Mark-Sauerland begrüßt die Teilnehmer um 16 Uhr auf dem Bodelschwinghplatz mit einem architekturhistorischen Rundgang unter Leitung von Jens Bergmann (Hagener Heimatbund) und führt ab 17 Uhr in das Kulturzentrum Pelmke zu spannenden Vorträgen und Gesprächen mit Bürgern, Historikern, Stadtplanern, Politik und Verwaltung, musikalisch begleitet von Elke Ortmann.

Vor hundert Jahren, also um 1900/10, wandelte sich das Gesicht des einstigen Kaiserplatzes und heutigen Bodelschwinghplatzes völlig. Zahlreiche Neubauten entstanden (darunter sogar mehrere Geschäftshäuser), die Kaiserliche Post richtete 1906 ihre neue Zweigstelle ein, und der Platz selbst erfuhr eine grundlegende Umgestaltung. (Foto: Postkarte)

Ausgangspunkt ist der Drei-Kaiser-Brunnen, errichtet vor 115 Jahren. 1897 regten örtliche Honoratioren – mit dem Fabrikanten Gustav Tesche an der Spitze – an, das bisherige, recht marode gewordene Wehringhauser Kriegerdenkmal abzubrechen und an seiner Stelle ein neues Erinnerungsmonument zu planen. Das Denkmal, das dann errichtet wurde, genauer: ein Brunnen, ist typisch für jene Epoche, die wir oft auch das „Wilhelminische Zeitalter“ nennen.

Das alte Kriegerdenkmal, 1874 aufgestellt, mit einer „Germania“-Skulptur im Mittelpunkt, diente der Erinnerung an die als Soldaten anlässlich des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 gefallenen Wehringhauser Männer. Rund ein Vierteljahrhundert nach der Einweihung dieses ersten Kriegerdenkmals zeigten sich bereits erhebliche Verwitterungsspuren, so dass eine Renovierung dringend geboten schien. Doch das bisherige Monument war den Zeitgenossen 1897 zu klein und zu bescheiden.

Und da das Deutsche Reich am Ende des 19. Jahrhunderts von einer regelrechten Denkmal-Manie „befallen“ war, wollte man wohl auch in Wehringhausen ein imposanteres Werk im damaligen Ortsmittelpunkt sehen.

Der griechische Gott Hermes und ein Schmied stehen am Drei-Kaiser-Brunnen symbolisch für „Handel und Gewerbe“ in Wehringhausen. (Foto: Michael Eckhoff)

Von Harkort bis Elbers

Wehringhausen erstreckte sich im 19. Jahrhundert vornehmlich beiderseits der 1788/94 ausgebauten Chaussee nach Schwelm (heutige B 7) und war voller gewerblicher Anlagen. Hierzu Martin Sellmann in dem 1979 vom Hagener Heimatbund herausgegebenen Buch „Wehringhausen“, Seite 78: „Mit Wasser- und Dampfkraft wurden hier Puddel- und Zementstahlöfen, Raffinier-, Amboß- und Breithämmer, Schleifkotten und Eisengießereien betrieben. Daneben wurden in zahlreichen Schmieden vielerlei Kleineisenwaren, Beile, Schüppen, Sackhauer, Hacken und Bratpfannen verfertigt.“

Namen wie Grueber, Post, Eicken, Harkort, Elbers, Vorster, Bechem und auch Adolph Müller, der Gründer der Accumulatorenfabrik AFA (später: VARTA Batterie AG), seien stellvertretend für viele andere Fabrikanten aus der Ära der Industriellen Revolution genannt.

Großer Wandel

Für die stark wachsende Bevölkerung war alsbald reichlich neuer Wohnraum vonnöten. Um die enorme Nachfrage befriedigen zu können, bot es sich zum einen an, an der Chaussee nach Schwelm mehrgeschossige Mietshäuser zu errichten, und zum anderen lag es nahe, den Hang südlich der Chaussee und der Eisenbahnstrecke zu bebauen.

Inmitten der prosperierenden Ortschaft: jener Platz, den man später Kaiserplatz nannte und wo 1874 das Kriegerdenkmal errichtet worden war.

Vor gut hundert Jahren, also um 1900/10, wandelte sich folglich das Gesicht dieses Viertels völlig. Zahlreiche Neubauten entstanden (darunter sogar mehrere Geschäftshäuser), die bisherigen beschrankten Bahnübergänge verschwanden zugunsten einer Unterführung, die Kaiserliche Post richtete 1906 ihre neue Zweigstelle ein, und der Platz selbst erfuhr eine grundlegende Umgestaltung.

Ein Stück Zeitgeist

Bereits 16 Jahre nach der Denkmal-Enthüllung war das Kaiserreich am Ende. Die ehedem schöne Gestaltung rund ums Denkmal gehört schon lange Zeit der Vergangenheit an, die industrielle Bedeutung Wehringhausens ist fast gänzlich geschwunden, und sogar der Name „Kaiserplatz“ musste weichen. Die Nazis nannten ihn 1933 „Boelcke-Platz“, in Erinnerung an einen Jagdflieger des Ersten Weltkrieges. Und nach 1945 taufte man den Platz nach dem evangelischen Pfarrer und prominenten Nazi-Gegner Friedrich von Bodelschwingh.

Von der gründerzeitlichen Bebauung rund um den einstigen „Kaiserplatz“ hat ein Großteil der Gebäude den Zweiten Weltkrieg und die späteren Modernisierungsmaßnahmen recht gut überdauert. Die Anwohner schauen auf einen Platz, der inzwischen einen eher trostlosen Anblick bietet. Dabei stellt das Wehringhauser Drei-Kaiser-Monument eigentlich mehr dar als ein x-beliebiges Denkmal – zeigt sich hier doch auf besondere Weise ein Stück Zeitgeist…