Erste Hilfe für Helfer

Hagen. Wenn sie aus der Nachtschicht kam, dann schaute Inga B. erst einmal kurz bei ihrer Nachbarin vorbei. Die ältere Dame litt an Parkinson und sich konnte nur mühsam mit Hilfe eines Rollators fortbewegen. Der Sohn und die Schwiegertochter wohnten weit weg; da war es selbstverständlich, dass Inga B. kleine Besorgungen machte, den monatlichen Treppenputz erledigte oder in der Apotheke ein Rezept einlöste. Von ihren Freunden wurde die 43-jährige Krankenschwester oft belächelt, weil sie niemandem eine Bitte abschlagen konnte.
Ihr Partner hatte sich von ihr getrennt, weil er das ständige Kümmern und Sorgen für fremde Menschen nicht mehr mit ansehen wollte. Seitdem war jede Minute des Tages erst recht mit irgendeiner Hilfsaktion ausgefüllt: „Wenn ich nicht helfen konnte, dann fühlte ich mich leer und nutzlos. Mir fehlte im Grunde ein eigenes Leben, das sich nicht ständig nur um Andere dreht.“

Hilfe für Helfende
Viele Menschen wie Inga B. nehmen irgendwann – wenn der Leidensdruck zu hoch wird – eine professionelle Beratung in Anspruch; in diesem Fall wäre eine Beratungspraxis mit einem Spezialangebot für Menschen in helfenden Berufen eine gute Wahl. Dort finden diejenigen Hilfe, die täglich Anderen helfen: Krankenschwestern, Ärzte und Sozialarbeiter, Erzieherinnen und Lehrer.
Hilfe annehmen
„Der größte Schritt ist für viele, erst einmal anzunehmen, dass sie selbst Hilfe und Unterstützung brauchen,“ weiß Lebensberater und Theologe Volker Dornheim. Er selbst hat viele Jahre lang im sozialen Bereich gearbeitet und kennt die Themen seiner Klientel gut: „Da ist auf der einen Seite dieses hohe Berufsethos, für andere Menschen da zu sein, ihnen etwas Gutes tun zu wollen, und auf der anderen Seite herrschen fast überall Sparzwänge und schwierige Rahmenbedingungen für soziale Arbeit.“ Vielen gelingt der Spagat nicht, den eigenen Anspruch dauerhaft runter zu schrauben, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Erst wenn der Partner oder die Kinder nicht mehr mitziehen, wenn langjährige Freundschaften in die Brüche gehen, oder die eigene Gesundheit leidet, wachen die Betroffenen aus ihrem Teufelskreis auf.
„Es ist wichtig, die Fähigkeit und den Wunsch zu helfen auch gezielt auf sich selbst anzuwenden, gut für sich selbst zu sorgen, damit genug Energie da ist, wenn andere Hilfe benötigen, zum Beispiel durch das konsequente Anwenden von Entspannungsverfahren und anderen Stress-Management-Methoden“, betont Frank Magiera, Berater und Entspannungspädagoge.
Körperliche Symptome
Ein häufiges Problem in den helfenden Berufen sind Depressionen, körperliche Symp­tome oder das so genannte Burnout-Syndrom. Wie eine Untersuchung des AOK-Gesundheitsinstituts WIdO für das Jahr 2009 belegt, standen Heimleiter und Sozialpädagogen mit durchschnittlich 164,1 Tagen Arbeitsunfähigkeit je 1.000 erwerbstätige AOK-Mitglieder an der Spitze der Berufe, in denen ein Burnout Anlass für eine Krankschreibung war, dicht gefolgt von Sozialarbeitern und Sozialpflegern mit 160,8 Tagen.
Motivation
Bereits hinter der Wahl eines helfenden Berufes steckt ein ganzes Bündel an individuellen Motiven, die dem Einzelnen manchmal gar nicht oder nur zu einem kleinen Teil bewusst sind. Eine große Rolle spielen dabei persönliche Vorbilder und tief verwurzelte familiäre oder religiöse Grundmuster.
In der Therapie können Helferinnen und Helfer den biographischen Wurzeln ihres Wunsches, anderen Menschen zu helfen, nachgehen, um eventuell daraus hervorgehende psychische Störungen oder Erkrankungen erkennen und auch behandeln zu lassen.
Dabei geht es gar nicht darum, die Helfertätigkeit als solche in Frage zu stellen, sondern vielmehr die zerstörerische Dynamik zu verstehen, die sich hinter dem Gefühl verbirgt, immer und überall Anderen helfen zu müssen.(Red./Jennifer Birke)