Erzieher: meist „Allein unter Frauen“

Mehr pädagogische Vielfalt in Hagener Kitas: Männer in Erzieherberufen sind beliebt, aber immer noch äußerst selten. (Foto: txn)

Hagen. (AnS) Wenn Julia in den Kindergarten geht, erwarten sie längst nicht mehr nur Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen. Immer mehr männliche Wesen haben sich unter die weibliche Schar gemischt, sehr zur Freude der Zwei- bis Sechsjährigen. Torsten und Co. sind bei den Kleinen äußerst beliebt, spielen – wenn man die Dötze fragt – irgendwie anders…

Männer braucht das Land und nicht nur das Land. Der AWO-Bezirk Westliches Westfalen beispielsweise will junge Männer für die pädagogische Arbeit gewinnen. Rund 2500 pädagogische Fachkräfte beschäftigt die Wohlfahrt in ihrem Bezirk, aber nur drei Prozent der Beschäftigten sind Männer. Der Anteil der Erzieher mit nicht-deutschen Wurzeln ist noch geringer, obwohl in zahlreichen Ruhrgebietskindertagesstätten mehr als 50 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben. Männer werden immer noch weitaus lieber Mechaniker als Erzieher. Aber auch konfessionelle und städtische Kindergärten haben die Zeichen der Zeit erkannt.

„Ich bin auffällig“, schmunzelt Adrian Ternka über seinen Job. Der 29-Jährige absolviert zur Zeit eine Ausbildung als Kinderpfleger an der Käthe-Kollwitz-Schule. Einmal in der Woche ist er als Praktikant zu Gast im Evangelischen Kindergarten In der Welle in Eilpe. Er spielt mit den Dötzen, malt und bastelt, lacht mit ihnen, tröstet sie, backt mit ihnen – und ist ständig von einer Traube Kinder umgeben.

Herausforderung

„Seit dem Zivildienst in einem Behindertenwohnheim war für mich klar, ich möchte auf jeden Fall mit Menschen im sozialen Bereich arbeiten.“ Der Hagener studierte Sozialarbeit, begann danach eine Ausbildung als Erzieher, die er aber aus gesundheitlichen Gründen zunächst abbrechen musste. Sein Wunschberuf, zu dem er übrigens über einen Freund kam, verlor er aber nicht aus den Augen, ab Sommer 2011 darf er sich ausgebildeter Kinderpfleger nennen. Der Beruf und besonders die Betreuung der Kleinen macht ihm viel Spaß: „Den Job kann ich empfehlen.“ Der für ihn aber auch neue Herausforderungen mit sich bringt. Die weiblichen Anteile liegen dem zukünftigen Kinderpfleger nicht wirklich: „Im Basteln bin ich nicht so bewandert“, lacht er, „das muss ich noch ein wenig üben. Aber: Man lernt schließlich nie aus.“ Gut, dass seine Ausbildung auch das Fach Hauswirtschaft beinhaltet, in dem Kochen und Backen gelehrt wird.

Hahn im Korb

Das er fast immer und überall der Hahn im Korb ist, stört Adrian Ternka nicht. In seiner Klasse ist er mittlerweile der einzige Mann, alle anderen haben aufgegeben, aus welchen Gründen auch immer.

Ob er als als Mann anders als Frauen in diesem Beruf arbeitet? „Darüber habe ich mir, ehrlich gesagt, nie Gedanken gemacht,“ erklärt der Praktikant und überlegt: „Ich bin genauso einfühlsam wie meine Kolleginnen, bekomme aber im direkten Vergleich unheimlich schnell Zugang zu den Kindern, aus denen sich schnell ausbaufähige Beziehungen entwickeln. Ich glaube einfach, dass vielen die männliche Person fehlt.“

Vaterrolle

Ist es sein Geschlecht oder doch seine Art, wie er mit den Kleinen umgeht? Eine Erzieherin weiß: „Männer arbeiten und wirken anders. Die Kinder toben beispielsweise auch schon mal mit unseren männlichen Kollegen. Sie könnten es auch mit uns, aber sie machen es nicht.“ Und fügt hinzu: „Männer in diesem Beruf übernehmen oft eine Vaterrolle, gerade bei Kindern, denen der Papa im Familienalltag fehlt.“

In vielen Köpfen stecken veraltete Vorstellungen über den pädagogischen Beruf mit den Jüngsten der Gesellschaft. Das weiß auch Adrian Ternka. Mit Vorurteilen hat der Kinderpfleger in spe allerdings weniger zu kämpfen. Seine Familie und seine Freunde nahmen seinen Berufswunsch positiv auf. „Der Job mit Kindern wird leider oft als lockere Arbeit angesehen, darüber witzeln schon mal einige.“ Er rät Männern allerdings, sich genau zu überlegen, ob sie den Job ergreifen wollen.

Dieser Problematik ist sich auch die AWO bewusst: „Wir sehen es nicht als Möglichkeit, sondern als Notwendigkeit an, mehr Männer für den Beruf des Erziehers zu begeistern“, sagt die Projektverantwortliche der AWO, Heike Wallis van der Heide. „Wir wollen neue positive Rollenmodelle anbieten und durch Männer die pädagogische Vielfalt sicherstellen.“

Andere Zeiten

Die Zeiten ändern sich. Auch in Spielkreisen und Krabbelgruppen sind immer mehr Väter zu sehen, die sich unter die Muttis mischen und bei Gesprächen um Kindererziehung und Haushalt nicht hinten an stehen.

Julia und ihre Kita-Freunde freut‘s: Endlich spielt mal jemand mit ihnen Fußball, ist aber genauso sorgfältig wie die weiblichen Kollegen. Zum Abschluss gab es rund um das Projekt „Ball“ von Adrian Ternka eine liebevoll gestaltete Urkunde, die beinahe mehr wert war als ein ähnliches Dokument von ihren Erzieherinnen. Und auch die Eltern sind durchweg begeistert über die männliche Verstärkung.