Familienpate: Die „gute Fee“ im Haus

Hagen. (nic) Über Langeweile kann sich Karin H. (Name v. d. Red. geändert) wirklich nicht beklagen. Während sich die einjährigen Zwillinge Tom und Lucy an den Stühlen hochziehen und dabei fast das Gleichgewicht verlieren, möchte die fünfjährige Kira von Mama ein Buch vorgelesen bekommen, obwohl eigentlich das Mittagessen zubereitet werden müsste. Gerade jetzt klingelt auch noch das Telefon. Nicht zu vergessen der Zahnarzttermin, der in einer Stunde ansteht und genau in die Schlafenszeit der Zwillinge fällt. Das ist Alltag in vielen Familien mit kleinen Kindern.

Wenige können heute noch auf die hilfreichen Hände von Tante oder Großmutter zurückgreifen, denn die Netzwerke von früher greifen im 21. Jahrhundert vielerorts nicht mehr. Genau hier setzt das Projekt „Familienpate“ an, den der Sozialdienst katholischer Frauen (skf) Hagen Anfang des Jahres aus der Taufe gehoben hat. Der Familienpate ist ein Ehrenamtlicher, der einmal wöchentlich für circa zwei bis drei Stunden in die Familie geht, um die Eltern zu entlasten. Diese kostenfreie Hilfe richtet sich an junge Familien und Alleinerziehende und wird nur dann durchgeführt, wenn Unterstützung gewünscht wird.

Bunte Aufgabenvielfalt

Die Aufgaben eines Familienpaten sind vielfältig, je nach Lebenssituation „seiner“ Familie. Da kann es um Hausaufgabenunterstützung beim Grundschulkind gehen, um die Betreuung des Geschwisterkindes, um Hilfe bei Behördengängen und Arztbesuchen. Häufig reicht es schon, dass ein weiterer Erwachsener da ist, zuhört, mit anpackt, wo gerade Hilfe benötigt wird. „Das können auch schon mal kleine handwerkliche Aufgaben sein“, berichtet Diplom-Sozialarbeiterin Renate Siegler-Vieregge vom (skf), die für die Projekt-Koordination verantwortlich und gemeinsam mit Diplom-Sozialpädagogin Yvonne Knura Ansprechpartner des Familienpaten-Projekts ist.

„Einer der Paten hat zum Beispiel einer alleinerziehenden jungen Mutter geholfen, ein Regalbrett anzubringen“, verdeutlicht sie die Vielfalt der Hilfen. Eine derart handwerkliche Tätigkeit sei aber die Ausnahme.

Endlich wieder Zeit!

Auch Karin H. freut sich über ihre Familienpatin Dagmar Hedtkamp-Bohne, die seit circa einem halben Jahr als „gute Fee“ für Entlastung sorgt. Mal geht die Patin mit der Fünfjährigen spazieren, mal passt sie auf die Zwillinge auf, damit die Mutter mit ihrer „Großen“ einen Arztbesuch wahrnehmen kann. „Dagmar hält mir den Rücken frei“, freut sich Karin H.

Doch nicht nur ihre Familie profitiert von der Zusammenarbeit, auch Dagmar Hedtkamp-Bohne ist begeistert. „Es ist schön, mal wieder etwas mit kleinen Kindern zu unternehmen“, sagt die Hagenerin. Ihre eigenen drei sind mittlerweile groß, deshalb habe sie den Wunsch gehabt, in eine Familie mit Kleinkindern zu kommen. „Und hier stimmt die Chemie“, ergänzt sie, während sie die einjährige Lucy auf den Knien schaukelt, die vergnügt quietscht. Erfahrung hat die Patin, zum einen, da sie selbst Mutter ist, zum anderen, da sie eine Mutter-Kind-Gruppe und die Naturerfahrungsgruppe „Waldzwerge“ leitet. „Ich weiß, wie stressig der Alltag mit drei Kindern sein kann“, schmunzelt Dagmar Hedtkamp-Bohne.

Keine Begleitung ohne Vorbereitung

Über die Medien hatte Karin H. beiläufig von Familienpaten gehört. „Als sich unsere Zwillinge ankündigten, habe ich mich gleich auf die Suche begeben, ob so etwas auch in Hagen angeboten wird“, erzählt die junge Mutter. Die Schwiegerelten leben nicht mehr, die eigenen Eltern wohnen weiter weg und verbringen zudem einen großen Teil des Jahres außerhalb Deutschlands. Welch Glück, dass der Sozialdienst katholischer Frauen gerade mit dem Projektaufbau begonnen und die ersten Ehrenamtlichen gefunden hatte. Allerdings werden die Familienpaten nicht gleich „ins kalte Wasser“ geworfen, sondern in mehreren Treffen auf ihre Aufgabe vorbereitet.

„Keine Begleitung ohne Vorbereitung“ lautet das Motto. Auch während des Einsatzes, der als Hilfe zur Selbsthilfe angesehen wird, findet einmal monatlich ein Erfahrungsaustausch und eine Praxisanleitung im skf-Gebäude in der Hochstraße 83 b statt. Themen sind beispielsweise der Umgang mit Behörden oder auch die Frage: Was darf ein Familienpate – und was nicht.

Was muss ein potentieller Familienpate mitbringen?

„Motivation, Freude an der Tätigkeit und soziale Kompetenz“, nennt Projektleiterin Renate-Siegler Vieregge gleich drei wichtige Merkmale. Auch muss der Familienpate mit anderen Wertvorstellungen, die in der jeweiligen Familie vorherrschen könnten, umgehen können, schließlich ist es ein Kontakt auf Augenhöhe.

„Manchmal kollidiert diese Andersartigkeit jedoch mit unseren mittelständisch geprägten Wertevorstellungen“, gibt skf-Geschäftsführer Michael Gebauer zu bedenken. Zudem müssen die zukünftigen Familienpaten ein Großes Führungszeugnis vorlegen. Versichert sind sie über ihre Tätigkeit als Ehrenamtliche.

Wer passt zu wem?

Ebenso bunt wie die Familienpaten, die zur Verfügung stehen, sind auch die Adressaten des Projekts: Das Angebot richtet sich an junge Familien und Alleinerziehende, an Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, an Hartz-IV-Empfänger und an Besserverdienende, an Ein-Kind-Familien ebenso wie an Großfamilien. „Wir sind da, wenn Unterstützung gewünscht wird“, erklärt Renate Siegler-Vieregge.

Die Verantwortliche schaut dann, wer zu wem passen könnte und berücksichtigt die Vorstellungen beider Seiten. Dann findet ein erstes Treffen statt – auf Wunsch auf neutralem Boden in den skf-Räumlichkeiten. Sollten sich beide Seiten sympathisch finden, wird eine vier- bis fünfwöchige Probezeit gestartet. In einem Abschlussgespräch muss entschieden werden, ob die Zusammenarbeit fortgeführt werden soll.

Verbindlichkeit und Loyalität

Der Dienst des Familienpaten ist ehrenamtlich. „Das heißt aber nicht, dass keine Verbindlichkeit und Loyalität besteht“, weist Renate Siegler-Vieregge hin. Deshalb unterschreibt der Familienpate eine Selbstverpflichtungserklärung, die beiden Seiten Sicherheit gibt. Das Projekt Familienpate fällt unter die “Frühen Hilfen“, und die werden in Hagen nicht finanziert.

In diesem Jahr fördert der Lions-Club Hagen-Mark e.V. mit seiner Adventskalenderaktion das Familienpaten-Projekt. Zur Zeit gibt es elf Familienpaten (drei bei der Caritas und acht beim skf). Mehr als die Hälfte ist im Einsatz. Der skf sucht weitere Ehrenamtliche, denn die Nachfrage der Hagener Familien ist groß. Wer einen Familienpaten sucht oder selbst Familienpate werden möchte, kann sich unter Telefon 0 23 31 / 36 74 30 oder per E-Mail unter info@skf-hagen.de melden. Ansprechpartner sind Yvonne Knura und Renate Siegler-Vieregge.