„Frag mi nich na Sonnenschein…“

Hagen. (21.04.10) Oliver Nickel, bereits vor zwei Jahren Verfasser eines Buches über den Hagener Slang („Von Haus aus auf schlau“), plant eine erweiterte Neuauflage dieses Werkes. Exklusiv im wochenkurier stellt(e) er vorab in einer kleinen Serie die typischen Eigenheiten der hiesigen Sprache vor.

Heute folgt der letzte Teil – „Frag mi nich na Sonnenschein…“:

Von Dr. Oliver Nickel

Von den Ärappeln , Himmel und Erde und dem Durcheinander, über Bütterchen und Hasenbrot, bis zu Reibeplätzkes, Striezel und Teilchen… – man hat es gerne mündkesmohte. Und wenn es dann zum Alkohol-Trinken geht, dann schaut man wieder sehr genau hin. Grob werden hier fünf Stufen für die durch Alkohol erreichte Zustandsbeschreibung verwendet. Ist jemand nur angeschickert oder strunkelich (Stufe 1), ist er schon dicke oder knülle (Stufe 2) oder gar breit oder schicker (Stufe 3)? Richtig problematisch wird es meist erst ab Stufe 4, wenn jemand stier, stramm, verstrahlt oder „voll wie‘n Eimer“ ist. Lediglich bei Stufe 5 ist für den Hagener die Angelegenheit eindeutig: Mehr als scheißenvoll geht eben nicht.

Beim Arbeiten wird geackert, geastet oder auch gebückt. Es wird gepüngelt, gefriemelt und man ist zugange („Wie lange willße denn noch mit der Schweißerei zugange sein? Gezz bisse doch da hinten am Kofferraum schon drei Stunden dran.“), bis man so richtig „am Ölen“ ist.

„Inne Wicken“

Wichtig ist, dass die verwendeten mechanischen oder motorisierten Hilfsmittel wie ein Döppken gehen und nicht inne Wicken sind („Die Maschine is inne Wicken.“), dass Schrauben nicht dull sind („Hör auf zu schrauben! Datt Dingen is dull.“), dass man beim Starten nicht zu lange orgeln muss. Beste Voraussetzungen, um am Ende des Tages alles „inne Reihe zu kriegen“.

Bewegen wir uns nun in die Stadt oder in die Natur rund um Hagen, dann treffen wir auf eine Vielzahl an Spezialbegriffen für Hagener Orte.

Vergangenheit sind a) Langer Oskar, b) Langer Heinrich oder das c) Hasper Gold – Bezeichnungen für a) das ehemalige, grüne 98 Meter hohe Verwaltungshochhaus der Hagener Sparkasse, b) für den zentralen, 135 Meter hohen Schornstein der ehemaligen Hasper Hütte, und c) für die gelblich-braunen Staubwolken über Haspe, die aus den Stahlkonvertern aufstiegen.

Den Drögen Pinn hingegen, der Kaiser-Friedrich-Turm, den gibt es noch, der angeblich so heißt, weil er anfangs der einzige der vier Türme gewesen sei, an dem man als Besucher keinen Ausschank vorfand. Und auch die Ata-Dose steht noch, das Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf der Hohensyburg.

Raue Sitten

Nicht besonders freundlich empfangen wurden „Eindringlinge“ in Klein-Amerika und in Klein-Texas, wo früher – „frag mi nich na Sonnenschein“ – raue Sitten herrschten. Beides Bezeichnungen für heute nicht mehr existierende Hagener Siedlungen, die eine im Bereich der Schwerter Straße in Kabel, die andere am Iserfeld in Eilpe.

Da war man am Schipka-Pass sicherer. So bezeichnete man den Übergang von Altenhagen nach Eckesey in der Nähe der Fehrbelliner Straße, dort wo die Schubkarren vom Güterbahnhof die Hauptstraße zur Altenhagener Straße überquerten. Und früher gab es da wohl eine Fuhrmannskneipe mit gleichem Namen.

Nach Boele ging es mit der Vatikan-Linie (Straßenbahn-Linie 7), die in den traditionell katholischen Stadtteil Hagens führte. Außerhalb Hagens bewegt man sich in Richtung Karpaten oder Walachei und freut sich, wenn der Lorenz verschärft knallt. Heute nimmt dazu auch der Hagener das Auto, früher ging es zu Fuß mitte Bütters inne Berge oder im Herbst auch mal inne Pilze.

Und mehr als in manch anderen Städten trifft man in Hagen auf einen ausgeprägten Szeneslang.

Von Simpl bis Spinne

Vieles ist dabei in den 70er und 80er Jahren entstanden, in einer Zeit, in der man sich – stärker als heutzutage – durch die Verwendung von „Szenesprech“ als besonders „cool“ profilieren konnte. Geschürt wurde dies durch eine Club- und Kneipenszene, die in Zeiten eines „Komm nach Hagen, werde Popstar, mach Dein Glück“ besonders dynamisch erschien. „Alibi“, „Alt Nürnberg“, „Auberge“, „Beverly“, „Chakra“, „Chez Nous“, „Enge Weste“, „Gatto Nero“, „Hype“, „Island“, „Joya“, „Kronenburg“, „Le Quartier“, „Limit“, „Madison Number One“, „Monello“, „Neue Heimat“, „Öse“, „Pink‘s Place“, „Simpl“, „Spinne“: so hießen damals die „Durchlauferhitzer“ für den Szeneslang rund um das „Bermuda-Dreieck“ in der Hagener Innenstadt.

„Vom Allerfeinsten, Alter, weiß man hier immer was ambach ist, wer gerade nen Schnapp gemacht hat und wie man sich frisch macht oder nur Kamine macht. Hier und da trifft man auf die Spezies des Verschneideprinzen, immer auf kaif und solche Sachen im Auge, wo er richtig ins Futter muss. Aber am Ende meint er in seiner Stammkneipe, es gäbe Zosch für lau und dann dauert es meist Monate, bis er wieder aus dem Durst ist. Kein Scheiß!“

„Von Haus aus auf schlau“ eben…

Wer‘s versteht, ist Experte. Wer‘s nicht versteht, der findet die Auflösung dazu und über 600 weitere Hagener Slangbegriffe im Taschenbuch „Von Haus aus auf schlau – Hagener Slang zum Nachschlagen“, das bereits 2008 im heimischen Ardenku-Verlag erschienen ist.

Soweit Oliver Nickel.

Von seinem Buch sind allerdings nur noch wenige Exemplare im Handel erhältlich – weshalb eine Neuauflage geplant ist. Mit noch mehr Slang-Begriffen! Hagener, die hierzu Anregungen oder Ergänzungen „auf Lager“ haben, werden gebeten, sich samt „Übersetzung“ per Mail an Oliver Nickel zu wenden: vonhausausaufschlau@gmx.com.