Freudentaumel in Kapstadts Szenekneipen

Von Frank Schmidt, zurzeit in Südafrika

Kapstadt. „Your team is playing so fresh and inspired“ – frisch und ideenreich spielt unsere deutsche Mannschaft in Südafrika auf, doch dass selbst uns völlig unbekannte Engländer im Drei-Löwentrikot auf dem Tafelberg über den Dächern von Kapstadt per Handschlag zum 4:0 der Löw-Truppe gegen Argentinien gratulieren, ist schon etwas Besonderes. Hier oben auf dem Wahrzeichen der angesagtesten Stadt des afrikanischen Kontinents ist es nicht anders als unten in der Long Street, rund um das Greenpoint Stadium oder sonst wo: Die Deutschen werden als die Sensation der WM von jedermann gefeiert.

Auch für Eugene ist die DFB-Auswahl nun der absolute Favorit auf den Titel. Beim Frühstück im Gästehaus von „David & Hannes“ unterhält sich der circa 50-jährige Brasilianer gerade mit Hannes über die In-Saunen für Schwule in Bangkok, Bali und anderen Orten, an denen sich Eugene so herumtreibt, als Michael und ich am Morgen nach dem Argentinienspiel an der Tafel Platz nehmen. Interkontinentale Szenetipps für Homosexuelle haben wir zwar nicht auf Lager, doch mit jemandem, der unterm Zuckerhut groß geworden ist, lässt sich selbstredend auch über „Soccer“ fachsimpeln.

Eugene legt los, als hätte er das Spiel höchstpersönlich erfunden – der aufgekratzte kleine Toupetträger weiß alles noch ein bisschen besser, sodass selbst Hannes zwischendurch bei einer Zigarettenpause Luft holen muss. So ernsthaft Eugene auch aus dem Nähkästchen plaudert, besitzt er für uns „Krauts“ doch einen hohen Unterhaltungswert. „Was mir Sorgen macht ist, wie Eugene das Alles aufnehmen wird“ – dieser Satz wird fortan zwischen Michael und mir zum geflügelten Wort, das vielfach strapaziert wird.

Deutschlands größter Fan

Am Spieltag selbst ist vor dem Anpfiff noch gar nicht alles so klar. Mit einem Riesenaufgebot an Fans sind die Argentinier in Kapstadt eingefallen, und gern werde ich von den blau-weißen Anhängern gefragt, ob ich schon die Koffer für den Heimflug gepackt habe. „Für Durban, wo das Halbfinale steigt“, gebe ich zurück. Vor dem Stadion taucht dann „Chris, der Gigant“ in Deutschlandklamotten auf, und sein Erscheinungsbild muss einfach jedem „Kraut“ Mut machen. 2,11 Meter misst der Südafrikaner mit deutschen Wurzeln, und damit überragt er die Maradonas und Eugenes dieser Welt ungefähr so deutlich wie später unsere Mannschaft die „Albiceleste“, die Nationalmannschaft Argentiniens. Als ich Chris nach dem Spiel wiedertreffe, berichtet er, dass er an diesem Tag bereits „etwa 1.300 Mal fotografiert worden ist“. Ich stelle mich an die Seite des Hünen, und zum 1.301-sten Mal macht es vor Deutschlands größtem Fan „klick“.

Immer wieder staune ich, wie viele Deutschstämmige hier leben, die unsere Sprache so perfekt beherrschen, obwohl sie „old Germany“ nur aus Büchern kennen. Miriam aus Namibia ist gerade 20 und bejubelt auf der Tribüne ausgelassen die vier deutschen Treffer mit einem ausrollbaren kleinen Banner. „Tooor“ steht da drauf, und Miriam freut sich so doll, dass es ruhig noch ein paar mehr „Os“ sein könnten.

Finito la musica

Aber auch die Argentinier erhalten nicht nur Unterstützung aus ihrem Heimatland. James, der sich mit mir auf der Tribüne ablichten lässt, ist zwar in Himmelblau und Weiß gehüllt, kommt aber aus England. Wegen des nicht gegebenen Tores für die Briten beim 1:4 von Bloemfontein hofft er auf die Rache Maradonas. Die Herzlichkeit des Gastgeberlandes freilich hat nach nun über drei WM-Wochen alle milde gestimmt. „Good luck – viel Glück“, wünscht James. Und dann verliert er ein weiteres Mal gegen Deutschland. 4:0 – wir können es selbst kaum glauben, ebenso wie der Argentinier Pablo, der mit einem riesigen Maradona-Transparent, das an Revolutionär Che Guevara erinnert, im Stadion erschienen ist. „Comando Sidieguista – hasta la victoria“ steht da drauf, doch „Schweini“ und Co. haben Tango mit Messi und seinen Mitstreitern getanzt. „Finito la musica“ – aus und vorbei!

Abends feiern wir in der ganz besonderen Atmosphäre der Long Street, die einen Hauch von New Orleans vermittelt, und von einem der alten Balkone grüßt ein anderes, nach wie vor aktuelles Laken: „We are proud of our Krauts“! Die Hälfte des „The Dubliner on Kennedy‘s“, einer Szenekneipe, die wir aufsuchen, ist eingerichtet wie ein gemütliches Wohnzimmer. Viele Nationen sind anwesend, besonders gefragt aber sind wir Deutsche. Alles Mögliche wird uns angeboten; vorzugsweise Illegales und nicht Jugendfreies. Ein kühles „Savanah Dry“, ein cidreartiges, nicht zu süßes Erfrischungsgetränk reicht jedoch völlig aus, zumal die Nationalmannschaft für genug Euphorie gesorgt hat. Emile, mit dem ich mich länger unterhalte, weiß schon jetzt, wie das Halbfinale endet: „Das ist Spanien“, zeigt er auf seinen kleinen Finger, „und das ist Deutschland“, präsentiert er mir den deutlich längeren Ringfinger. Womit schon alles gesagt ist.

Hohe Kunst

Gediegener geht es im „Cubana“ in Greenpoint zu, wo Louis beweist, wie man den Beruf des Toilettenwärters zur hohen Kunst erheben kann. „How do you feel today – wie geht es Ihnen heute“, wird natürlich jeder „Kunde“ begrüßt, und nach getaner Tat reicht Louis nicht nur persönlich ein frisches Handtuch an. Nein, er hat sogar ein kleines Regal mit Deos und Duftwässerchen bestückt, an dem man sich kostenfrei bedienen darf. Der Teller für Louis‘ Trinkgelder ist entsprechend gut gefüllt. Bei meinem zweiten Besuch erweist sich der emsige WC-Wächter auch für den Ernstfall gewappnet und macht sich mit einem Pümpel eifrig an einem der Becken zu schaffen. „How do you feel today“, flötet er zwischendurch Neuankömmlingen über die Schulter entgegen.

Im brechend vollen Lokal lerne ich auch ein paar „Urus“ kennen. Ja, meine Sympathieträger aus Uruguay haben es Sapperlot bis ins Halbfinale geschafft! Miguel, der eine deutsche Frau und zwei Kinder hat, die er mir stolz auf Fotos präsentiert, sowie sein Kumpel Rafael sind überglücklich und träumen vom nächsten Stern auf dem himmelblauen Trikot. Das wäre in der Tat eine Sensation – salute!

An fast jedem Tisch macht die Shisha, eine orientalische Wasserpfeife, die Runde, und immer neue Luxusschlitten fahren vor dem „Cubana“ vor – Maserati, Chevrolet Corvette, Jaguar, Mercedes, aus denen gut gekleidete, schöne Menschen steigen. Auch ihnen wird Louis schon bald das Handtuch reichen. Wir werfen selbiges gegen vier Uhr morgens.

Auf dem Weg zurück zu „David & Hannes“ will mir unser Taxifahrer, ein zweiter Eugene, noch etwas Kuscheliges für die Nacht vermitteln. „Less than 200 Rand“, umgerechnet weniger als 20 Euro, soll das kosten. „Finito la musica“, lautet knapp meine Antwort, wobei es mir zu allerletzt Sorgen macht, wie Eugene I. das Alles aufgenommen hätte.

Träume am Tafelberg

Am nächsten Tag auf dem Tafelberg ist zwar Touristenkarneval, doch im Vergleich zur Nacht geht es hoch über Kapstadt noch immer beschaulich zu. Ein kleiner Dachs, der mit seinen schiefen Zähnen sehr putzig aussieht, lässt sich geduldig von jedermann fotografieren, und auch die Rabenvögel, die ein verschmähtes Stück Sahnetorte zerrupfen, kennen keine Scheu. Weit reicht das Auge an diesem sonnigen Tag, über die Stadt bis zum Horizont, und die Gedanken schweifen. Wie ein Traum kommt mir dieses sagenhafte Südafrika-Abenteuer mit unserer überragenden Fußballmannschaft vor.

Nun aber muss sich zeigen, ob Emile Recht behält und auch Spanien gegen uns Krauts den Kürzeren zieht. Auf Wiederlesen also – erneut aus Durban!