Gebärdensprache im Theater

Hagen. (AnS) Dass Gretel bei ihrer letzten Vorstellung im Theater Hagen ein Loch in der Bluse hatte, welches gestopft werden musste – das war nur einer von vielen „Einblicken“, die sich aus der Führung durch das Theater ergaben. Es war in diesem Fall eine besondere Führung – die erste einer Gehörlosengruppe.

Stille. Theaterpädagogin Miriam Walter genießt die Ruhe einen Augenblick. 800 Kinder tobten bis vor kurzem beim Weihnachtsmärchen „Hänsel und Gretel“ noch durchs Foyer. Jetzt sind andere Sinne gefragt. Eine Gebärdensprachlerin erklärt mit Mimik, Gestik und vollem Körpereinsatz, was die Theaterpädagogin erzählt. Und irgendwie kann man als Außenstehender ein bisschen nachfühlen, wie es den Gehörlosen im Alltag gehen muss. Auch wenn einige Gebärden durchaus verständlich sind.

Die Führung gibt Einsichten, die den Tauben sonst verwehrt bleiben. „Was soll man im Theater, wenn man nichts versteht?“, weiß Claudia Seidel von der Gehörlosenberatung. Viele kulturelle Veranstaltungen gibt es in Hagen nicht, das weiß auch Monika Schroiff, die an diesem Mittag mit Elan „übersetzt“.

Die pensionierte Lehrerin beschäftigt sich seit 2010 mit der Gebärdensprache und hat die Probleme der Gehörlosen schnell erkannt. „Ich wollte mir ein Betätigungsfeld suchen, das neue Ziele setzt“, erklärt sie und will ihre Interessen, Kultur und Sprache, verbinden: für die Gruppe Gehörloser. „Ich möchte auch in Zukunft weitere Führungen anbieten“, erklärt sie. Nicht nur im Theater, auch eine „Skulpturenführung“ in der Innenstadt in Zusammenarbeit mit der Hagenagentur ist in Planung. Ihre Absicht: Sie möchte einen Stein ins Rollen bringen, etwas anstoßen.

Sie hat sich akribisch auf den Tag im Theater vorbereitet, selbst die Führung als Hörende im Vorfeld mitgemacht, Fachbegriffe nachgeschaut, Namen zu Papier gebracht, denn nicht alle Gehörlose können das Fingeralphabet. „Gebärdensprache ist eine ganzheitliche Sprache, bei der man sich einiges trauen muss. Wichtig ist vor allen Dingen, Blickkontakt zu halten. Anders als bei Hörenden.“ Da gilt es auch nicht als unhöflich, jemanden anzustupsen, wenn derjenige mal nicht „zuhört“.

Blick hinter die Kulissen

Zurück zur Theaterführung. Die Teilnehmer sind mittlerweile in der Maske angekommen und erneut werden zwei weitere Sinne angesprochen: Es gibt viel zu schauen: Perücken und Schminke, die Theaterpädagogin erklärt anschaulich, was, wo und wie zum Einsatz kommt. Und dann gibt es eine Geruchsprobe: Miriam Walter hält den Teilnehmern Mastix, einen Hautkleber unter die Nase. Da riecht es im Kostümfundus, der kurze Zeit später auf dem Programm steht, doch wesentlich besser, wenn auch nicht angenehm – da sind sich alle einig. Überhaupt sind sie beeindruckt von der Vielfalt hinter den Kulissen, die Monika Schroiff mit viel Engagement erklärt.

Wie gerne würden die Gehörlosen mal ein Theaterstück besuchen. Eine Induktionsschleife, eine technische Hilfe für das Hörgerät, gibt es hier nicht mehr, einen Dolmetscher an der Seite der Bühne zu platzieren, sehen die Gehörlosen als zu ablenkend an. Aber Monika Schroiff und Claudia Seidel sprudeln über vor Ideen, den Wunsch umsetzen. „Wenn man das Orchester in den Graben setzt und die Gehörlosen direkt davor, könnten musikalische Schwingungen durchaus übertragen werden.

Ballett besuchen

Und so hat die Führung nicht nur Spaß gebracht, sondern ein konkretes Projekt ins Leben gerufen: Gemeinsam wollen sie das Ballett „Alice im Wunderland“ besuchen. Monika Schroiff tippelt anschaulich dazu auf den Fußspitzen.

„Es gibt immer wieder Schwierigkeiten, auf die wir treffen“, erklärt sie. So ist bei der Führung klar geworden, das die Übersetzung doch mehr Zeit als geplant in Anspruch nimmt. Macht nichts, wenn die Teilnehmer nicht alles im Theater gesehen haben. Denn: „Wir bieten im nächsten Jahr weitere Führungen an.“ Termine werden rechtzeitig veröffentlicht.