Gemälde als Lehrstoff

Ennepetal. (Sche) „In diesem Werk herrscht eine besondere Ausgewogenheit“, meinte Kunstlehrerin Marlis Bossmann über das Gemälde „Figürliche Komposition 1980“. Das Bild von Ruth Eckstein war zusammen mit „Icici“ von Helwig Pütter Gegenstand einer ungewöhnlichen Unterrichtsstunde für die zehnte Klasse des Reichenbach-Gymnasiums.

Die vom Hagener Osthaus-Museum zur Verfügung gestellten Werke waren im Rahmen des zweiten Ein-Wochen-Museums dieses Jahres in der Hauptstelle der Sparkasse Ennepetal-Breckerfeld zu sehen.

Gegensätzliche Malstile

Bei diesem Projekt stand – wie bei allen Runden des Ein-Wochen-Museums – nicht die bewundernde Betrachtung im Vordergrund. Vielmehr diente die rund einstündige Fachdiskussion mit der aus Hagen vom Osthaus-Museum angereisten Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin Saskia Lipps der Ergänzung des Kunstunterrichts. Ziel war es, zwei gegensätzliche Malstile vorzustellen und zu analysieren. Dabei legten die Organisatoren auch diesmal Wert auf die regionale Verbundenheit beider Künstler. So hatten sowohl Ruth Eckstein als auch Helwig Pütter ihren Lebensmittelpunkt in Hagen.

„Das rechte Bild könnte einen Wasserfall darstellen“, interpretierte eine Schülerin das mit satten Farben aufgetragene „Icici“, das die Küstenlinie einer gleichnamigen kroatischen Insel thematisch aufgreift. Für manchen Betrachter erinnerte die weiße, reich strukturierte Fläche auf dem Gemälde eher an die Klippen an der englischen Kanalküste.

Jürgen Schlothauer, ehemaliger Kunstlehrer, welcher das Projekt „Ein-Wochen-Museum“ der Sparkasse Ennepetal-Breckerfeld mit initiiert hatte, warnte hingegen davor, die Werke allzu sinnhaft zu interpretieren. „Nicht, was man darin zu sehen meint, sondern die Intuition des Künstlers ist das Entscheidende“, gab der Pädagoge eine Deutungshilfe.

„Ästhetik entscheidet“

„Letztlich entscheidet die ästhetische Komponente“, pflichtete ihm Saskia Lipps bei: „Das ist auch im Fall der ,Figürlichen Komposition 1980‘ von Ruth Eckstein so.“ Dieses Bild stellt drei weibliche Figuren dar, von denen eine schwanger ist. Abseits der damit verbundenen Symbolik wies die Kunstexpertin auf die sparsame Verwendung der Farbe hin, welche die Künstlerin sehr verdünnt aufgetragen hatte. Besonderen Wert hatte diese auf scharfe Konturen gelegt, die den Objekten auf dem Bild mit dunklen Randlinien ein fast plastisches Gepräge gaben. Zum Hintergrund der Schöpferin des Werks gab Saskia Lipps einige Informationen: 1920 in Hagen geboren und 1997 dort gestorben, bekam Ruth Eckstein entscheidende Impulse für ihr Schaffen von Willi Baumeister, dessen Schülerin sie von 1948 bis 1950 war. Klassisch inspiriert von Paul Cézanne entwickelte sie schließlich ihren eigenen Stil hin zur Abstraktion.

Helwig Pütter (1920 bis 2003), war ebenfalls Bürger der benachbarten Volmestadt und Mitglied des Hagenrings. Als Soldat im Zweiten Weltkrieg verschlug es ihn während der Gefangenschaft nach Dallas, Texas, wo er auch künstlerisch wirkte. 1980 gründete er mit dem Galeristen Hans-Werner Gey die Malschule Hagen.

Individuelles Entdecken

Sein in der Sparkassenhalle ausgestelltes Werk betonte die Grenzen zwischen Wasser, Land und Horizont. Bei manchen Schülern kam diese abstrakte, etwas düster wirkende Sicht gut an. „Ich habe hier mehr Möglichkeiten, für mich etwas zu entdecken“, fasste es eine junge Dame zusammen.

Fachlehrerin Marlis Bossmann war von solchen Äußerungen sehr angetan, forderte sie doch ausdrücklich die Meinung der Gymnasiasten. Nicht das bloße Betrachten von Bildwerken mit begleitender Erklärung der professionellen Kunsthistorikerin ist beim Projekt „Ein-Wochen-Museum“ entscheidend, sondern die aktive Teilnahme von jungen Menschen, die den Weg zum Verständnis von Kultur suchen.