Gerechtigkeit

Fast jeden Morgen, wenn Tilos Kollegin an der Haltestelle steht, kommt ein Mann mit seinen beiden Hunden vorbei. Er lässt die Tiere ihr großes Geschäft auf dem briefmarkenkleinen Grünstreifen neben dem Bushäuschen machen.
Dann schiebt er eine transparente Plastiktüte über seine Hand, greift die braunen Würste auf, zieht den Beutel drüber und wirft das Arrangement in den Mülleimer unter dem Fahrplan. Dort sammeln sich die Woche über nicht nur seine Werke, auch andere Hundebesitzer hinterlassen hier die „Produkte“ ihrer Liebsten. „Mir dreht sich langsam der Magen um“, klagt Tilos Freundin. „Aber was soll ich tun? Der Mann macht es ja im Grunde genommen richtig. Besser jedenfalls, als die Tretminen liegenzulassen. Aber kann der Mann seine Beutel nicht in die private Mülltonne werfen? Oder vielleicht mal ein paar Schritte weiter in den Wald gehen?“
Angewidert hilflos war die Kollegin auch, als jetzt ein offensichtlich Angetrunkener im Volkspark – direkt neben der Haltestelle – seine Hose öffnete und mit gut sichtbar herausgestrecktem „Teilchen“ seine Notdurft verrichtete.
Am helllichten Tag. Was macht man in solch einer Situation? Den Mann ansprechen und Beleidigungen oder einen aggressiven Übergriff riskieren? Die Polizei rufen? Ein Foto machen und es auf Facebook posten (was verboten ist) oder es ans Ordnungs­amt schicken? Zu allem Überfluss brauchte der Wildpinkler nach vollendeter Tat noch eine ganze Weile, um alles wieder ordentlich „einzupacken“. So taumelte er mit offener Hose, an sich herumfummelnd über die Wiese, vorbei an zahlreichen Menschen, die das warme Wetter unter freiem Himmel genossen. Quer über den Spielplatz, wo sich viele Kinder tummelten.
In der City sah Tilos Kollegin den Mann schließlich wieder. Von einem Mülleimer zum nächsten schleichend schielte er in die Öffnungen, streckte seinen Arm gaaaanz tief hinein und ruderte damit herum, offensichtlich auf der Suche nach etwas. Leergut vielleicht…? Natürlich ohne Erfolg. Dank der modernen Abfallsysteme landet der öffentliche Müll in Hagen bekanntlich seit geraumer Zeit über die Einwurfschächte in einem riesigen unteririschen Container. Glück für die Stadt. Pech für den Pinkler.
Manchmal folgt die Strafe für böse Taten scheinbar doch noch auf dem Fuße.Tilo