Gesucht: Mitteleuropäer

Nach den Übergriffen in der vergangenen Silvesternacht in Köln wurde vielfach ein Vorwurf an Behörden und Medien laut: Aufgrund einer falsch verstandenen „politischen Korrektheit“ seien Angaben über die Herkunft der Täter zu zögerlich gemacht worden.

Daher fühlen sich die Beamten in manchen Polizeistuben mittlerweile berufen, in fast jeder Meldung eine vermutete Abstammung der Tatverdächtigen zu nennen – so sinnig oder unsinnig diese zur Aufklärung auch sein mag.

Gerne ist etwa von einem „südeuropäischen Erscheinungsbild“ die Rede, was vor meinem geistigen Auge stets ein Bild des pausbäckigen italienischen Klempners „Super Mario“ aus dem gleichnamigen Computerspiel entstehen lässt. Oder ist damit wohl eher ein Typ gemeint wie der Star-Fußballer Ronaldo mit seinen stets frisch gegelten Haaren? Auch der stammt bekanntlich aus Südeuropa – aus Portugal.

Eine besonders interessante Formulierung kam in dieser Woche von der Polizei im Ennepe-Ruhr-Kreis. Gesucht wird nach einem etwa 1,80 Meter großen Mann mit „mitteleuropäischem Aussehen“. Nun kann man natürlich formidabel darüber diskutieren, was zu Mitteleuropa gehört. Bezieht man etwa die Niederlande und Belgien, Südtirol oder gar Slowenien mit ein? Oder beschränkt man sich doch auf die üblicherweise unter Mitteleuropa verstandenen Staaten? Also den durch eine gemeinsame Kultur und Geschichte verbundenen Raum aus Österreich, der Schweiz, Luxemburg, Liechtenstein, Polen, Slowakei, Tschechien, Ungarn und – ganz besonders – Deutschland?

Gesucht wird hier also mein sächsischer Nachbar, mein bayrischer Schwiegervater. Ja eigentlich auch ich. Vielleicht sogar Sie, lieber Leser.

In diesem Sinne: schönen Sonntag und passen Sie auf sich auf, der Pauschalverdacht macht früher oder später vor niemandem Halt.