Gewerbeschau als Publikumsmagnet

Hagen. (ME) Was stand bei den Hagenern am Vorabend des Ersten Weltkriegs im Mittelpunkt des Interesses? Wir setzen unsere Serie „Hagen 1914“ abermals mit einem Blick in die Wochen vor genau hundert Jahren fort.

Es berichtet wieder Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach:

Sonderschau

Zum Publikumsmagnet entwickelte sich seinerzeit die Gewerbeschau-Ausstellung auf der Springe. Am 1. Juni beispielsweise traf am Hauptbahnhof ein Sonderzug mit ca. 1.800 Besuchern aus Altenhundem ein. Insgesamt etwa 7.000 Einzelkarten für Erwachsene wurden an dem Tag verkauft. Dazu kamen noch rund 2.000 Schüler- und Kinderkarten sowie eine unbekannte Zahl von Besuchern mit Dauerkarten.

Um den Besucherstrom weiter aufrechtzuerhalten, wurden in der Ausstellung immer wieder Sonderveranstaltungen angesetzt. Am Mittwoch, dem 10. Juni, gab es z.B. einen vom Männergesangverein Altenhagen bestrittenen Liederabend. Am darauf folgenden Donnerstag, 11. Juni, fanden nachmittags in der Maschinenhalle Vorführungen und in der Gashalle Kochproben statt. Die Sonderveranstaltung am darauffolgenden Freitag, 12. Juni, war dann ein Operetten- und Walzer-Abend des verstärkten Städtischen Orchesters. Am Dienstag, 16. Juni, wurde den Besuchern der Ausstellung ein Opernabend geboten und am nächsten Mittwoch ein Kinderfest durchgeführt.

Fest für alle Waisenkinder

Am Mittwoch, 24. Juni, gab es nachmittags ab vier Uhr ein Fest für die Waisenkinder in der Stadt Hagen. Dazu eingeladen hatte sie der Ausstellungswirt E. Stradtmann. Unter Führung ihrer Aufsichtspersonen erschienen dann am Nachmittag rund 150 Mädchen und Jungen in der Ausstellung. Sie alle wurden auf Kosten von Stradtmann zunächst im Hauptrestaurant großzügig mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Anschließend durften die Kinder kostenlos die Ausstellung besuchen.

Zum Schluss bekamen alle noch eine kleine Stärkung und zum Abschied ein kleines Andenken mit auf den Weg. „Die leuchtenden Augen dieser Kinder waren Dankes genug für diese Freude, die ihnen bereitet worden war“, heißt es zum Schluss des betreffenden Berichts im „Westfälischen Tageblatt“ vom nächsten Tag.

Regen-Probleme

Doch machte das unbeständige und regnerische Wetter auch wiederholt geplante Sonderveranstaltungen zunichte. So musste die für Freitagabend, 5. Juni, angesetzte „Italienische Nacht“ mit großer Festbeleuchtung und einem Konzert des Städtischen Orchesters auf dem Festplatz ebenso wie verschiedene andere Veranstaltungen unter freiem Himmel wegen des anhaltenden schlechten Wetters immer wieder verschoben werden.

Besser hatte es in dieser Hinsicht das in Räumen der Stadthalle untergebrachte Ausstellungs-Kabarett mit dem Orientalischen Café und der Tango-Bar. Hier gab es täglich zwei Vorstellungen, und zwar eine nachmittags von 2:00 Uhr bis 7:00 Uhr und eine abends ab 8:30 Uhr bis morgens um 2:00 Uhr. Das Programm bestand aus Darbietungen von drei Vortragskünstlerinnen, eines Opernsängers sowie eines Vortragskünstlers und Humoristen. An jedem Abend gab es zusätzlich die Vorführung von orientalischen Tänzen durch eine Tänzerin und von Tango durch ein Tanzpaar.

Jubelfeiern

Aber auch außerhalb der Gewerbeausstellung konnten die Hagener im Juni 1914 genügend Unterhaltung und Zerstreuung finden. Da war z.B. eine ganze Reihe von Vereinsjubiläen zu besuchen. Den Anfang machte der MGV Eckesey, der von Samstag, 6. Juni, bis Montag, 8. Juni, im „Kaisergarten“ in Eckesey sein 50-jähriges Bestehen feierte. Im Rahmen der Feier fand am Sonntag ein von dem Verein ausgerichteter Gesangswettstreit statt, an dem 19 auswärtige Gesangvereine mit rund 800 Sängern teilnahmen.

Und am Samstag, 13. Juni, begann im Lokal des Wirts August Fischer in Delstern die am folgenden Sonntag fortgesetzte Jubelfeier des vor 40 Jahren gegründeten Männer-Gesang-Vereins Delstern. Dabei wirkten zusätzlich die Hagener Männergesangvereine „Edelweiß“ und „Liederkranz“, der Turnverein und der Kriegerverein sowie der Fußballklub und die Sanitätskolonne Delstern mit.

Attraktionen

Bei so viel Konkurrenz durch die Unterhaltungsangebote der Ausstellung und auch von Vereinen mussten sich die Lokale, Cafés und sonstigen Vergnügungsstätten in Hagen besonders anstrengen, Gäste bzw. Besucher anzulocken und daher etwas Besonderes bieten. Das Grand-Café „Weidenhof“ in der Mittelstraße z. B. verpflichtete deshalb als besondere Attraktion für den Großteil des Monats Juni den „Geigerkönig“ Lajos Rigo. Ab Samstag, dem 27. Juni, trat dort die in der Vorankündigung in den örtlichen Tageszeitungen als „bedeutendste deutsche Volkslieder-Sängerin der Gegenwart“ und als „schwäbische Nachtigall“ bezeichnete Vokalistin Eugenie Veigel-Kärn aus Stuttgart auf. Der Besitzer des Viktoria-Kinos in der Körnerstraße hatte sich als Zugnummer einen italienischen Entfesselungskünstler geholt, der vor und nach dem Filmprogramm die Besucher mit seinen Kunststücken unterhielt oder vielmehr erstaunte. Eine besondere musikalische Veranstaltung gab es am Sonntag, dem 28. Juni, in der Synagoge Hagen in der Potthofstraße. Hier fand am Abend ab 6:30 Uhr ein von dem Lehrer für Orgel an der Städtischen Musikschule, Hans Lampert, veranstaltetes Orgelkonzert statt.

Prozession

1914 kam es gegen Mitte des Monats Juni endlich zu einer, allerdings nur zeitweiligen Besserung des bisher regenreichen und kühlen Wetters in Hagen. Davon profitierte aber auch die Fronleichnamsprozession am 11. Juni. Allerdings war Fronleichnam damals in Preußen kein gesetzlicher Feiertag. Eine Fronleichnamsprozession fand auch nicht in der mehrheitlich evangelischen Stadt Hagen statt, sondern in der benachbarten und seinerzeit weit überwiegend katholischen Gemeinde Boele. An ihr nahmen auch die Hagener Katholiken teil. Die Prozession begann am Morgen um 9 Uhr an der katholischen Pfarrkirche St. Johannes-Baptist und bewegte sich in einem schier endlosen und von drei Musikkorps begleiteten Zug von dort zum Lammerts Hof. An der Spitze des Zugs befanden sich das Vortragkreuz und die Fahnenträger; danach folgten die Schüler der Jungen- und dahinter die Schülerinnen der Mädchen-Volksschulen; die nächste Gruppe wurde von den Jungfrauenvereinen von Boelerheide und Boele gebildet; ihnen folgte das erste Musikkorps; danach kamen die Frauen und die Jünglingsvereine von Boelerheide und Boele. Die nächste Gruppe waren die Ministranten, hinter denen das Allerheiligste getragen wurde. Diesem folgten die Ordensfrauen, denen sich die Mitglieder der kirchlichen Körperschaften anschlossen. Danach kamen das zweite Musikkorps, der Männerverein von Boelerheide und Boele sowie das dritte Musikkorps. Den Schluss bildeten die Mitglieder des Arbeiter- und des Bürgervereins. Auf Lammerts Hof wurde bei strahlendem Sonnenschein zum ersten Mal unter freiem Himmel das feierliche Levitenamt zelebriert.

Die Festpredigt hielt der Kaplan Neuhaus von der Martinskirche in Wehringhausen. Erst gegen 11:30 Uhr fand die Prozession mit dem feierlichen Tedeum in der Boeler Pfarrkirche ihr Ende. Kurz danach setzte jedoch ein den ganzen Nachmittag andauerndes schweres Gewitter mit wolkenbruchartigem Regen ein.

Die eingetretene Wetterbesserung und die Hoffnung auf deren Fortdauer veranlasste die SGV-Abteilung Hagen, eine Tageswanderung für Sonntag, 1. Juni, über Wildewiese-Allendorf-Mellen und das Höllental anzusetzen. Für die 6 1/2-stündige Wanderung wurde den Teilnehmern empfohlen, „Rucksackverpflegung“ mitzunehmen. Tatsächlich erwies sich dieser Sonntag als der erste schöne Frühsommertag. Kein Wunder, dass es auch Tausende anderer Hagener ins Freie zog und die Gartenwirtschaften ihren bisher besten Tag des Jahres hatten.

Forsetzung folgt.

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