Gewinn-TV und Gerichtsfehler

Hagen. (anna) Sirenen, blinkende Lampen, ein flehender „Big-Brother“-Jürgen und meist sinnlose Fragen: Knapp zehn Jahre lang hat „9Live“ viele Millionen Anrufer mit der Aussicht auf das schnelle Geld gelockt. Doch den meisten Gewinnspiel-Teilnehmern blieb nur die saftige Telefonrechnung für viele vergebliche Versuche, den hektischen Moderatoren scheinbar simple Lösungen ins Ohr zu sagen. Denn jeder Anruf kostete Geld.

Opfer dieser Sendung ist auch die Hagenerin Hedwig H. (Name geändert), die dem Telefonanbieter Vodafon schließlich 2700 Euro für Anrufe bei 9Live schuldig bleibt. Die 89-jährige, pflegebedürftige Frau hatte keine Ahnung, wie teuer sie ihre Langeweile bekämpfte.

Im September 2001 war 9Live entstanden – und von Beginn an umstritten, wenn auch zunächst durchaus wirtschaftlich erfolgreich. Die Umsätze stellten die Eigentümer aber zuletzt nicht mehr zufrieden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Senderfamilie ProSiebenSat.1 den Stecker ziehen würde. Am 31. Mai 2011 wurde die Ausstrahlung eingestellt.

Not und Verzweiflung

Zurück hinterließ sie Verzweiflung und wirtschaftliche Not wie bei Hedwig H. aus Eppenhausen. Die 57-jährige Tochter, Gabriele H., die erst spät von den Schulden ihrer Mutter erfuhr, wollte die peinliche Affäre so schnell wie möglich aus der Welt räumen, beziehungsweise die Schulden in Raten abbezahlen – doch sie scheiterte kläglich.

Und das kam so: Mit einem Pfändungsbeschluss hatte Vodafon das Konto der Rentnerin bereits lahmgelegt. Dadurch waren nicht nur Ratenzahlungen unmöglich geworden, auch die Kosten für Miete, Strom und Leben konnten von der Rentnerin nicht beglichen werden.

Bei der Verbraucherberatung riet man der Tochter, mit dem Anwalt des Telefonanbieters eine Ratenzahlung der Schulden zu vereinbaren. Die Tochter, die selbst nur von Hartz IV lebt, rannte tatsächlich offene Türen ein. Nach der verlässlichen Zahlung von zwei Raten von jeweils 350 Euro, sollte sie einen festen Ratenvertrag bekommen und die Pfändung sei hinfällig, versprach man ihr. Der Anwalt schickte ein Bestätigungs-Fax an die Bank, die daraufhin das Konto der Rentnerin wieder frei gab. Die Tochter überwies noch am selben Tag die erste Rate und war endlich wieder guter Dinge.

Zweite Pfändung

Dann, am 1. September, als die Tochter die zweite Rate überweisen will, liegt auf dem Konto der Mutter wieder ein Pfändungsbeschluss. Das Geld ist eingefroren. Niemand kommt mehr ans Konto, auch nicht Vodafon.

„Ich habe mühsam recherchiert, wer diesen Pfändungsbeschluss durchgesetzt hat, nachdem doch diese Ratenvereinbarung getroffen worden war. Der Anwalt von Vodafon wusste von nichts und beteuerte am Telefon, dass er die Pfändung nicht veranlasst habe“, berichtet Tochter Gabriele, „er weigerte sich allerdings ein zweites Fax an die Bank zu schicken.“

Gabriele H. telefoniert sich die Finger wund, um zu erfahren, wer ihnen da so übel mitspielt. Mittlerweile haben Mutter und Tochter kaum noch etwas zu essen. „Wir können nicht einmal zur Tafel oder zum Warenkorb fahren, weil wir keinen einzigen Euro besitzen“, beteuern Mutter und Tochter.

Aktenzeichen vergessen

Schließlich stößt Gabriele H. auf die Ursache dieser wahnwitzigen Pfändung. Eine Justizangestellte hatte auf dem Pfändungsbeschluss das Aktenzeichen vergessen. Somit wanderte der Pfändungsbeschluss durch mehrere Behörden in mehreren Städten und zu mehreren Gerichtsvollziehern, was sich an den Eingangsstempeln gut erkennen lässt. Der letzte seiner Art hat dann die Aktenzeichennummer handschriftlich nachgetragen und die Pfändung veranlasst. Jetzt ist das Konto dicht und die Ratenzahlung unmöglich geworden.

„Die Bank hat alles getan, um uns zu helfen“, erzählt Tochter Gabriele verzweifelt, „aber sie konnte nichts machen. Die Justizangestellte, die diesen klitzekleinen Fehler mit der großen Wirkung verursacht hat, hielt es nicht einmal für nötig, sich zu entschuldigen.“ Für Mutter und Tochter der Schritt in den Ruin.

„Die Scham über das Verhalten meiner Mutter ist eh sehr groß. Aber man hätte die Sache ja vernünftig aus der Welt schaffen können, wenn nicht am Gericht dieser blöde Fehler passiert wäre. Jetzt haben wir nicht einmal mehr genug zu essen, und Medikamente für meine Mutter kann ich auch nicht bezahlen“, weint die Tochter. Vielleicht weiß ein Leser, wie die Beiden aus dieser Bredouille wieder heraus finden können…