Gnadenbrot für alte Dame

Hagen. (anna) Wenn’s auf die Weide geht, ist Westfalen-Stute „Fee“ die erste, die aus dem Stall stürmt. Trotz ihres hohen Alters – Fee feierte gestern ihren 34. Geburtstag – ist die Warmblüterin gesund und lebensfroh. Nur mit dem Kauen hapert es etwas. Deshalb bekam sie zum Geburtstag auch Möhren und Äpfel in geraspelter Form.

Bettina Ermerts Westfalen-Stute „Fee“ feierte gestern ihren 34. Geburtstag. Trotz des hohen Alters ist die Pferdedame gesundheitlich noch gut zurecht. (Foto: Anna Linne)

Ihre Besitzerin, die 44-jährige Bettina Ermert aus der Tückingstraße 100, bekam die schöne Stute zum 10. Geburtstag vom Vater geschenkt. Seitdem teilt sich Fee mit vier anderen Familienpferden den Stall. Jetzt im hohen Alter genießt die Stute ihr Gnadenbrot auf dem Pferdehof am Tücking und damit auch gewisse Privilegien. „Dreimal am Tag bekommt sie nun spezielles Seniorenfutter. Möhren und Äpfel werden in kleine Stücke geschnitten“, erklärt die Besitzerin, „sie wird nicht mehr geritten und bei schönem Wetter geht’s ab auf die Weide.“

Die anderen, jüngeren Pferde der Familie passen instinktiv auf die alte Dame auf. „Wenn sie sich wälzt, scharen sich alle um sie herum, als wollten sie sehen, ob sie auch wieder auf die Beine kommt“, hat Bettina Ermert häufig beobachtet.

Gute Züchtung

„Wir bekamen diese wunderbare Stute damals von einem renommierten Züchter, der dafür bekannt war, ausgesprochen gesunde Tiere zu züchten“, erzählt Bettina Ermert, „so war die Stute auch nie krank und sie hat noch nie ein Hufeisen getragen.“

Es waren nicht viele Turniere, die Bettina Ermert mit ihrer geliebten Stute bestritten hat. Vielmehr ging es der Besitzerin um den Nachwuchs, denn Fee bekam von ihren Eltern bestes Gen-Material auf den Weg. So schenkte die Zuchtstute sieben Fohlen das Leben, alle waren gesund und stark wie die Mutter.

Ruhiges Freizeitpferd

„Der Westfale gilt als verhältnismäßig ruhiges Sportpferd, das auch als Freizeitpferd geeignet ist. Er zeigt hohe Lernbereitschaft und Zuverlässigkeit. Außerdem ist er wie die meisten deutschen Warmblüter freundlich und menschenbezogen“, weiß Bettina Ermert. Auch die anderen Westfalen im Stall fallen durch ihre Freundlichkeit, Neugierde und Verschmustheit auf.

„Wir sind wirklich ein echte Pferdefamilie“, erklärt Fees Besitzerin, „auf unserem Hof, unter unserem Dach wurde sogar der Reiterverein Tücking gegründet. Das Wohl der Pferde stand immer im Mittelpunkt. So werden wir auch der alten Pferdedame, die mich fast mein ganzes Leben lang begleitet hat, einen schönen Lebensabend bereiten.“

Hintergrund

Das Landgestüt Warendorf, das Zentrum der Westfalenzucht, wurde im Jahr 1826 gegründet. 1904 wurde das Westfälische Pferdestammbuch gegründet, das noch in gleichen Teilen die Kalt- und Warmblutzucht berücksichtigte. Bis Ende des Zweiten Weltkrieges lag der Schwerpunkt der Zucht auf Pferden, die für die Feldarbeit (Kaltblutzucht) und für die Arbeit als Kutschpferd (Warmblutzucht) geeignet waren. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ging der Bedarf an diesen Rassen durch die aufkommende Motorisierung stark zurück, so dass man sich mehr der Entwicklung des Reit- und Sportpferdes widmete.

Es wurden Hengste aus anderen Rassen z.B. Hannoveraner, Holsteiner, Trakehner, aber auch Selle Français, Anglo-Araber und andere Vollblüter eingesetzt. Im Gegensatz zu anderen Zuchten wurden hauptsächlich einheimische Rassen, nicht Vollblüter, eingekreuzt und so entwickelte sich langsam aber stetig der moderne Westfale, so wie wir ihn heute kennen.