Größtes Tier im Sauerland

Hagen/ Wiblingwerde. (Red.) In Brenscheid bei Wiblingwerde, 250 Meter hinter der südlichen Hagener Stadtgrenze, lebt ein echter Riese. Nein, keiner aus dem Märchen, mit furchterregendem Namen, grimmigen Blick und großer Keule. Der Sauerländer Riese hat vier Beine und ist ein sogenanntes Shire Horse – die größte, schwerste und stärkste Pferderasse der Welt.

Kleiner Mann und großes Pferd: Dr. Karl-Heinz Lindenlaub und der fünfjährige Shire Horse Wallach Bert. Im Gegensatz zu seinem Besitzer wird das Pferd in den nächsten zwei Jahren noch weiter wachsen! (Foto: wochenkurier)
Kleiner Mann und großes Pferd: Dr. Karl-Heinz Lindenlaub und der fünfjährige Shire Horse Wallach Bert. Im Gegensatz zu seinem Besitzer wird das Pferd in den nächsten zwei Jahren noch weiter wachsen! (Foto: wochenkurier)

Dr. Karl-Heinz Lindenlaub arbeitet seit über 20 Jahren mit diesen imposanten Tieren. Seine Shires werden von ihm geritten, er pflügt mit ihnen, rückt Holz im Wald und spannt sie vor eine seiner nostalgischen Kutschen. Vor drei Jahren wollte er ein weiteres Kutschpferd kaufen. Es sollte seine Shire-Stute „Bumblebee“ unterstützen. Um ein passendes Tier zu finden, musste er sich in ganz Europa umschauen. Es gibt nur noch 5.000 Shires weltweit. Die Rasse ist vom Aussterben bedroht.

Fündig in Holland

In Deutschland – Fehlanzeige. Selbst im Stammland England gab es nichts Passendes. Schließlich wurde er in Holland fündig. Ein kleiner Züchter gab dort aus gesundheitlichen Gründen auf. Lindenlaub kaufte den zweijährigen Wallach Bert. Er sollte zukünftig neben Bumblebee im Geschirr gehen.

Heute, drei Jahre später, ist Bert von seinem Besitzer eingeritten und eingefahren. Klar, der “junge Mann“ hat noch nicht die Routine eines erfahrenen Zugpferdes. Aber er ist überall einsetzbar.

Bert ist seit 2010 deutlich gewachsen. Der junge Holländer wurde auf den schmackhaften Sauerländer Weiden ein riesengroßer Kerl. Er kommt auf das Garde-Stockmaß von 1,94 cm. Vom Boden bis zu den Ohren sind es etwa 2,50 m. Aber das ist noch nicht das Ende. Wallache wachsen bis ins Alter von sieben Jahren. Und „der kleine Berti“, wie er immer noch auf dem Hof von Karl-Heinz Lindenlaub genannt wird, ist erst fünf!

Bert dürfte damit das größte Tier im weiten Umkreis sein. „Wenn natürlich noch jemand in unserer Gegend eine Giraffe im Garten hat, eine Elefanten in der Scheune hält oder einen überlebenden Dinosaurier aus der Kreidezeit im Keller versteckt, dann stimmt diese Aussage nicht. Aber ich halte das für eher unwahrscheinlich“, lacht Dr. Lindenlaub.

Uralte Pferderasse

Shires sind eine uralte englische Pferderasse. Ihre Vorfahren stoppten schon vor 2000 Jahren den Vormarsch der Römer in Mittelengland. In der Ritterzeit waren die Vorfahren der Shires der “Kampfpanzer Leopard” des Mittelalters. Sie waren stark genug, einen Ritter in voller Rüstung und mit schweren Waffen zu tragen und konnten sich dennoch im Kampf gewandt bewegen. Dabei wogen Waffen und Panzer für Reiter und Pferd bis zu 300 Kilo! Sie legten damit die Grundlage zum Aufbau des englischen Weltreiches. Es herrschte schon damals ein absolutes Waffen-Exportverbot. Auf den Verkauf eines englischen Schlachtrosses ins Ausland stand die Todesstrafe.

In der mittelalterlichen Schlacht und beim Turnier wurde mit höchstem Tempo aufeinander losgeritten. Wer beim Aufprall den Gegner umwarf, hatte die besten Sieg-Chancen im Kampf auf Leben und Tod. Je schwerer und schneller das Pferd war, desto größer war seine zerstörerische Kraft. Und die schnellsten und schwersten Pferde hatten die Engländer!

Shires leben „auf großem Fuß“. Linker Hand ein normales Warmblut-Eisen, Größe 3, und rechts das Hufeisen von Shire Horse Bert. (Foto: wochenkurier)
Shires leben „auf großem Fuß“. Linker Hand ein normales Warmblut-Eisen, Größe 3, und rechts das Hufeisen von Shire Horse Bert. (Foto: wochenkurier)

Die Ausstrahlung – leicht elefantös, der Charakter – sehr generös

So lassen sich die zwei wichtigsten Wesensmerkmale dieser Pferde zusammenfassen. Der Name „Shire“, (sprich: „Scheier“) stammt vom Herkunftsgebiet der Rasse ab. Die englischen Midlands (= die Grafschaften mit der Endung „-shire“, also Lincolnshire, Leicestershire, Staffordshire, Yorkshire, Derbyshire usw.) sind die Heimat der „sanften Riesen“ („gentle giants“).

Dieser arteigene typische Wesenszug hat durchaus praktische Vorteile: ein Jumbopferd mit der Kraft und der Masse eines Shire Horse muss gegenüber den Menschen lammfromm sein, weil sonst niemand gefahrlos mit ihm umgehen könnte! „Man muss natürlich trotzdem aufpassen“, erzählt Lindenlaub. „Meine insgesamt drei Shires wissen nicht, wie stark sie sind. Das ist wie ein Tango mit dem Bulldozer. Neulich waren sie eifersüchtig, als ich einen von ihnen zum Arbeiten holte und kabbelten herum. Ergebnis: meine Brille war kaputt und der Hals verrenkt. Nach einer kräftigen Ansage versprachen alle drei Besserung. Mal schauen, wie lange es anhält…“

Fast ausgestorben

Nach dem Niedergang des Rittertums wurden Shires in der Landwirtschaft und im Transportwesen eingesetzt. Shires zogen Personen-Kutschen, Frachtwagen und Binnenschiffe auf den englischen Kanälen. Das Aufkommen der Eisenbahn und die Motorisierung verdrängten das Shire Horse fast vollständig. Der Grund: Gegenüber anderen Pferden sind die Unterhaltungskosten natürlich höher. Das fängt bei den Futterkosten an und hört beim Hufschmied noch lange nicht auf. Auch die Ausrüstung, ob Sattel oder Geschirr – unter XXXL geht gar nichts.

Ein kleiner Zufall rettete die Riesen-Pferde in die heutige Zeit: Einige englische Brauereien verwendeten Shires weiter als Zug- und Prunkpferde für ihre Bierwagen und bewahrten so einen kleinen Bestand dieser außergewöhnlichen Tiere. Auch die englische König Elizabeth II. ist übrigens Shire-Besitzerin. Noch heute sind Shires Horses ein Blickfang in ihrer berittenen Hofgarde.