Haben auch die Hagener 1914 den Krieg bejubelt? (2/2)

Hagen. (ME) Wir schließen unsere Serie „Hagen 1914“ ab mit dem 2. Teil eines Interviews mit Prof. Dr. Gerhard E. Sollbach, der sich intensiv mit der Stimmung in der Bevölkerung bei uns unmittelbar vor und nach dem Kriegsausbruch 1914 befasst hat.

wochenkurier: Wie hat die Bevölkerung bei uns Ende Juli/Anfang August 1914 auf die Kriegserklärungen reagiert?

Sollbach: Nach der Berichterstattung in der Lokalpresse löste die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli in Hagen wie auch in Haspe einen allgemeinen „Sturm der Begeisterung“ aus. Auf die einen Tag später – am 29. Juli – erfolgte russische Teil-Mobilmachung haben die Hagener nach einem Bericht der „Hagener Zeitung“ mit „Würde und entschlossener Begeisterung“ reagiert. Die „Westdeutsche Volkszeitung“ berichtete am nächsten Tag, dass auch in der Umgebung und selbst in den abgelegendsten Dörfern des nahen Sauerlands „Kriegsstimmung“ herrsche. Als mit der Anordnung der Generalmobilmachung in Deutschland und der deutschen Kriegserklärung an Russland am 1. August der Kriegsausbruch erfolgte, hat sich der „Hagener Zeitung“ zufolge in der Bevölkerung „kein Gedrücktsein“ gezeigt. Vielmehr sei überall in den Herzen „kraftvoll die Flamme vaterländischer Begeisterung“ emporgeschlagen. Am ersten Mobilmachungstag, dem 2. August, ist in Hagen, wie die „Hagener Zeitung“ am nächsten Tag weiter berichtete, überall „helle Kriegsbegeisterung“ aufgelodert. Trotz des Ernstes der Lage habe sich nirgends „Niedergeschlagenheit oder Mutlosigkeit“ gezeigt.

Dieses Dokument löste den Ersten Weltkrieg aus. Der Mobilmachungsbefehl vom 1. August 1914 ist von Kaiser Wilhelm II. und dem damaligen Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg unterzeichnet.
Dieses Dokument löste den Ersten Weltkrieg aus. Der Mobilmachungsbefehl vom 1. August 1914 ist von Kaiser Wilhelm II. und dem damaligen Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg unterzeichnet.

In Ihrer jüngsten Veröffentlichung bezweifeln Sie aber, dass es diese Kriegsbegeisterung gegeben hat.

Das ist richtig. Weder in Hagen noch andernorts in Deutschland hat 1914 eine allgemeine „Kriegsbegeisterung“ geherrscht. Die Teilnehmer an den öffentlichen Bekundungen wie vor allem an den „Zügen“ waren eine kleine Minderheit, immer nur ein paar Hundert (Hagen hatte damals rund 95.000 Einwohner), bei denen es sich zudem um Angehörige des „gehobenen“ und gebildeten Bürgertums und vor allem um Jugendliche handelte. Nicht beteiligt war aber die große Masse der Bevölkerung. Zu der von der SPD organisierten Anti-Kriegs-Kundgebung in der „Friedrichslust“ in Eppenhausen am Abend des 28. Juli erschienen nicht nur ein paar hundert, sondern ca. 1.000 Personen. Insofern stimmt der Hagener Befund mit den Erkenntnissen anderer lokaler Untersuchungen zum Ersten Weltkrieg überein. Ich gehe noch weiter und behaupte, dass es 1914 gar keine Kriegsbegeisterung gegeben hat, weder in Hagen noch sonst wo in Deutschland.

Sie haben aber vorhin selbst Berichte aus der damaligen lokalen Hagener Presse angeführt, in denen ausdrücklich von Kriegsbegeisterung in der Bevölkerung berichtet wird.

Sollbach: Genau, und darin liegt das Problem. Die in der Presseberichterstattung angeführte „Kriegsbegeisterung“ beruht nämlich auf einem folgenschweren Missverständnis. Was damals in der Bevölkerung öffentlich zum Ausdruck gebracht und in der Presse als „Kriegsbegeisterung“ wiedergegeben wurde, war nach meiner Erkenntnis in Wirklichkeit der zeittypische Patriotismus und Nationalstolz.

Können Sie das bitte näher erläutern?

Ich bezweifele, dass die auch in der Hagener Presse vorgenommene Deutung der patriotischen Gefühlsausbrüche als Beweis für „Kriegsbegeisterung“ zutrifft. Die Journalisten der ausschließlich bürgerlich-nationalistisch ausgerichteten Hagener, Hasper und Hohenlimburger Tageszeitungen waren in ihrer Wahrnehmung und Interpretation der beobachteten Geschehnisse zwangsläufig ideologisch fixiert. Dem entsprechend haben sie die öffentlichen Bekundungen eines auf Grund der äußeren Bedrohung des Vaterlands damals allerdings auch hochgehenden Patriotismus als „Kriegsbegeisterung“ verstanden. Allerdings: ausschließen lässt sich nicht, dass bei diesem nationalistisch motivierten Jubeln hier und da doch auch eine gewisse Begeisterung für den Krieg mitgeschwungen hat. Wenn die Bevölkerung in Hagen wie auch in anderen Orten Deutschlands in den letzten Juli- und ersten Augusttagen des Jahres 1914 überhaupt in etwas stimmungsmäßig vereint war, dann war es jedenfalls nicht in Kriegsbegeisterung. Es handelte sich allenfalls um Nationalstolz und Entschlossenheit, die patriotische Pflicht zur Verteidigung des Vaterlands zu erfüllen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview mit Prof. Sollbach führte wochenkurier-Herausgeber Dr. Karl-Heinz Lindenlaub.