Hagen macht Platz für Neues

Am Samstagmorgen boten die an der Potthofstraße abgestellten Abbruch-Bagger einen schon beinahe gespenstischen Anblick.(Foto: Michael Eckhoff)

Hagen. (ME) Wer aktuell die vielen Baustellen in Hagen sieht, müsste eigentlich zu dem Ergebnis kommen: An der Volme geht’s mächtig voran. So werden allein in der Innenstadt mehrere neue Seniorenzentren errichtet, wird der Boden für die Bahnhofshinterfahrung bereitet und überdies für über 100 Millionen Euro die Rathaus-Galerie gebaut.

So sahen das Warenhaus Sinn (r.) und das einstige Pressehaus an der Mittelstraße 1951 nach dem Wiederaufbau aus.(Foto: Sammlung Eckhoff)

Vor gut hundert Jahren kamen zwei Textilhändler aus dem Schmallenberger Land nach Hagen, die Gebrüder Cordes. Sie gründeten ein Handelsunternehmen und zogen bald einen Verwandten nach, den Textilgeschäftsmann Sinn. Gemeinsam errichtete das Trio 1907 nach Plänen des seinerzeit renommierten Architekten Otto Engler an der Mittelstraße ein prächtiges Geschäftshaus, das mit einer Passage, einem krönenden Türmchen und hohen Fenstern zu den Zierden der Stadt zählte. 1945 lag es in Trümmern, wurde 1951 in schlichten Formen wieder aufgebaut und im Laufe der Jahre mehrfach innerlich und äußerlich dem Zeitgeist angepasst. Jetzt hat der Zeitgeist erneut zugeschlagen – in Form der geplanten Rathaus-Galerie. Im Zuge deren Verwirklichung muss der gesamte Eckblock Mittel-/Rathausstraße weichen.

Nur noch ein Haufen Schutt blieb am Montagnachmittag vom fast gänzlich abgebrochenen früheren Sinn-/Cordes-Gebäude übrig. (Foto: Michael Eckhoff)

Alte Fassade

Seit dem letzten Donnerstag fraßen sich die Abbruchhammer immer „tiefer“ in die Bauten vor. Insbesondere am Freitag und Samstag gingen die Arbeiter in die Vollen. Wer heute durch die Stadt geht, erblickt von Sinn und einigen weiteren Bauten nur noch ein paar Schuttreste. Was noch steht, ist das einstige Viktoria-Kino, worin sich bekanntlich der Kaufpark befindet, sowie ein Teil des frühren Pressehauses. Dieses Pressehaus, das einst vom Zeitungsverleger Butz gebaut worden war, hat teilweise den Zweiten Weltkrieg überstanden – Schaulustige bewunderten in den letzten Tagen an ihm die Reste einer „plötzlich“ ans Tageslicht gekommenen Gründerzeit-Fassade. Doch auch dieses nette Relikt aus alter Zeit bleibt nicht erhalten.

Schornstein-Sprengung auf dem Varta-Gelände

Die zweite Hagener Großbaustelle befindet sich in Wehringhausen, wo die im April begonnenen Abbrucharbeiten für die neue Bahnhofshinterfahrung ebenfalls voll im Zeitplan liegen. Nun wird am kommenden Samstag, 30. Juni, ein 36 Meter hoher Stahlschornstein auf dem ehemaligen Varta-Gelände an der Weidestraße gesprengt. Um den notwendigen Absperrradius für die Sprengung einzuhalten, muss die Weidestraße am Samstag im Bereich zwischen der Wehringhauser Straße und der Eisenbahnbrücke ab kurz vor 8 Uhr für rund eine Viertelstunde gesperrt werden.

620 Gramm Sprengstoff

Nur etwa 620 Gramm Sprengstoff sollen 26 Tonnen Stahl in die Knie zwingen. Wenn Sprengmeister Thomas Hoffmann am Samstag das Kommando gibt, werden insgesamt zwei Meter Schneidsprengladungen innerhalb eines Sekundenbruchteils das Dasein des bisherigen Stahlschornsteines der ehemaligen Vartawerke beenden. Nach Aussage des Sprengspezialisten soll der 36 Meter hohe Stahlkamin mit einer Wandstärke von 10 Millimetern und einem Durchmesser von 2,61 Metern mittels Schneidbrennern so vorgeschwächt werden, dass er bei der anschließenden Sprengung lediglich in die vorgesehene Richtung des Vartageländes fallen kann. Als zusätzliche Sicherheit wird der Schornstein mit Stahlseilen in Fallrichtung auf „Zug“ gehalten.

Halteverbot

Der Gefahrenbereich der Sprengung wird großräumig durch Absperrkräfte der Abbruchfirma und der Polizei abgesichert. Bereits am heutigen Mittwoch werden für die entsprechenden Bereiche (Taubenstraße und VHS-Parkplatz) für Samstag Halteverbotsschilder aufgestellt und auch Anwohnerinformationen verteilt.

Die Sprengstelle selbst wird mit geeigneten Materialien wie Gummimatten abgedeckt. Um den Geräusch- und Staubpegel zu minimieren, wurden die Gebäude neben dem zu sprengenden Schornstein belassen. Diese sollen den Knall und den Staub beim Aufprall nach oben leiten.

Die Sprengung des Stahlschornsteines ist dabei nur ein kleiner Teil des gesamten Abbruchauftrags. Insgesamt werden etwa 150.000 Kubikmeter umbauter Raum ausgeräumt, entkernt und zurückgebaut. Die rund 12.000 Kubikmeter mineralischen Abbruchmassen werden auf der Baustelle zu Recyclingmaterial gebrochen, das später als Bodenverbesserung in der Bahnhofshinterfahrung Verwendung findet.

Dem Vernehmen nach kommt die mit den Abbrucharbeiten beauftragte Firma gut voran, sodass die Baustelle termingerecht im Oktober fertig gestellt sein wird.