Hagener Bahnhofsrätsel gelöst

Von Michael Eckhoff

Hagen. Im ehemaligen Wartesaal 1. Klasse im Hagener Hauptbahnhof versteckte sich ein wertvolles Kunstwerk – eine mehrere Meter hohe Jugendstil-Uhr – jahrzehntelang hinter einer Wand. Seit einigen Wochen ist diese Uhr die Zierde einer neuen Café-Ecke. Angefangen hat alles vor drei Jahren. Seinerzeit erregte eine hundert Jahre alte Postkarte die Aufmerksamkeit von wk-Chefredakteur Michael Eckhoff und Heimatforscher Stefan Fuhrmann; darauf abgebildet war diese Uhr. Gebaut wurde das Bahnhofsgebäude 1910. Was war später mit der Uhr geschehen?

Stefan Fuhrmanns Erkundungen bei der Bahn AG und im Osthaus-Museum führten zunächst nicht weiter: Über die Uhr wusste 2011 niemand etwas. Doch als jetzt aktuell der frühere Wartesaal 1. Klasse renoviert wurde (nach langer Nutzung als Buchladen und Drogerie), kam die Uhr plötzlich zum Vorschein. Gefertigt wurde sie einst von dem in Holland bedeutenden Goldschmied Franz Zwollo, der zwischen 1910 und 1914 zum Kreis um Museumsgründer Karl Ernst Osthaus gehörte. Zwollo war damals einer der beiden Chefs der von Osthaus ins Leben gerufenen „Hagener Silberschmiede“.

Das ist die gut hundert Jahre alte Postkarte, die 2011 die Aufmerksamkeit von wk-Chefredakteur Michael Eckhoff und Heimatforscher Stefan Fuhrmann erregte. (Foto: Postkarte, Sammlung Hagener Heimatbund, Repro: Stefan Fuhrmann)
Das ist die gut hundert Jahre alte Postkarte, die 2011 die Aufmerksamkeit von wk-Chefredakteur Michael Eckhoff und Heimatforscher Stefan Fuhrmann erregte. (Foto: Postkarte, Sammlung Hagener Heimatbund, Repro: Stefan Fuhrmann)

Keine Ahnung

Auf Seiten der Bahn AG hatte man vom Vorhandensein dieser wertvollen Uhr überhaupt keine Ahnung. Aus den üblichen Unterlagen ging ihr „Überleben“ nicht hervor. Also wurde reichlich darüber gerätselt, „wie die Uhr in ihr Versteck geraten ist“. Dem wochenkurier ist es jetzt mit Hilfe eines Zeitzeugen gelungen, die Frage zu beantworten.

„Schuld“ ist ein Architekt. In den 1960er Jahren war der heute in einer Hagener Nachbarstadt lebende Dipl.-Ing. Hans F. bei der Hochbaubahnmeisterei als Bauleiter tätig. Ab 1962 gehörte auch die Betreuung des Hagener Hauptbahnhofs zu seinem Aufgabengebiet, wobei die eigentliche Bauplanung durch das übergeordnete „Dezernat 49“ der seinerzeitigen Bundesbahndirektion Wuppertal-Elberfeld erfolgte. Bereits wenige Jahre nach seinem Amtsantritt musste sich Hans F. um zahlreiche Projekte im Hauptbahnhof kümmern – so gehörte die Restaurierung des berühmten Glasfensters im Portalbereich ebenso zu den von ihm betreuten Bauvorhaben wie auch (etwa 1964) der Abbruch eines eingeschossigen Anbaues rechts vom Wartesaal 1. Klasse. An die Stelle dieses Bauwerks trat ein neuer zweigeschossiger Neubau, der im Erdgeschoss ein „Jagd- und Weinzimmer“ enthielt.

Das Jagdzimmer gehörte zum „Gaststättenbetrieb Hagen Hauptbahnhof“, der wiederum von den Eheleuten Vollmer gepachtet worden war. Der Gaststättenbetrieb ließ anschließend – also um 1965/66 – den gesamten Wartesaal 1. Klasse umgestalten und in eine hochwertige Gastronomie verwandeln. Viele Ältere können sich noch gut an dieses Lokal erinnern, galt es doch als eine der „ersten Adressen in Hagen“. Eine Zeitzeugin erzählt: „Da konnte man niveauvoll essen, aber es war nicht preiswert.“ Zu den Umbaumaßnahmen – so Dipl.-Ing. Hans F. – gehörten neue Fenster, eine moderne Beleuchtungsanlage, neue Möbel und eine „untergehängte Zwischendecke“.

Dankbar sein

„Im Rahmen der Bauarbeiten zur Modernisierung des Wartesaals 1. Klasse sollten gleichzeitig alle Spuren der Architektur von 1910 getilgt werden“, berichtet Hans F.; der Jugendstil und auch die anderen Stilrichtungen aus der Zeit des Kaiserreiches waren verpönt. Doch die 1965/66 in Hagen verantwortlichen Bauleute um Hans F. haben es nicht übers Herz gebracht, die „von uns als Kunstwerk und Denkmal eingeschätzte Uhr auf den Müll zu werfen. In der Hoffnung, dass eine spätere Generation wieder Freude am Anblick dieser großen Uhrenanlage haben würde, haben wir das Kunstwerk fachgerecht mit einer Wandverkleidung versehen.“

Aktenkundig wurde diese Maßnahme nicht – und so verwundert es nicht, dass die Bahn AG von der Existenz der wertvollen Uhr aktuell nichts mehr wusste. In Hagen hingegen hat man jetzt gute Gründe, Bauleiter Hans F. und seinem Team dankbar zu sein.

In der nächsten Woche lesen Sie mehr über den Künstler Frans Zwollo!