Hagener Jakobs-Pilgerin dankt mit jedem Schritt

Hagener Jakobs-Pilgerin dankt mit jedem Schritt
Die 52-jährige Hagenerin Tatiana Micheli hat den spanischen Jakobsweg nach Santiago unter die Wanderschuhe genommen. Mit ihrer Pilgerreise wollte sie dafür danken, dass sie den Lungenkrebs überwinden konnte. (Foto: privat)

Hagen. Eigentlich ist sie gar nicht so mutig und waghalsig. Tatiana Micheli geht schon nicht gern allein in die heimischen Wälder, nicht einmal mit Hund. Als sie Ende Oktober mit ihrem Rucksack in Pamplona stand, um ganz allein den Jakobsweg bis zum Grab des Heiligen Jakobus im spanischen Santiago de Compostela unter die Wanderschuhe zu nehmen, wurde ihr angst und bange.

„Ich habe gedacht, dass ich das niemals schaffen werde“, gibt die Garenfelderin zu. „Als ich nach 30 Tagen und 729 Kilometern Fußweg durch Wind und Wetter mein Ziel erreicht hatte und endlich die Kathedrale vor mir liegen sah, habe ich geweint. Aber das geht fast jedem Pilger so. In dem Moment wird man einfach von seinen Gefühlen übermannt.“

Dank sagen

Sie hat den Pilgerweg auf sich genommen, um sich dafür zu bedanken, dass sie noch lebt. Die 52-jährige Sozialarbeiterin und Mutter eines erwachsenen Sohnes hat den Lungenkrebs, schwere Operationen, drei Chemo-Zyklen und wochenlange Bestrahlungen überlebt. Über anderthalb Jahre war sie krank, hat unter Schmerzen ihre Atemtherapie absolviert und lehrbuchmäßig ihre nur noch halbe Lunge leistungsstark gemacht.

Drei Jahre ist das jetzt her. „Nach fünf Jahren gilt man als geheilt“, sagt Tatiana Micheli, die voller Zuversicht in ihre Zukunft blicken darf. „Noch in der Reha, als ich kaum zehn Schritte am Stück laufen konnte, habe ich mir damals geschworen, wenn ich jemals wieder halbwegs gesund und kräftig werden sollte, werde ich den Jakobsweg machen, um Dank zu sagen für mein wieder geschenktes Leben.“

Sich ganz leicht machen

Hape Kerkelings Pilgererfahrungen unter dem Buchtitel „Ich bin dann mal weg“ hatte sie schon vor Jahren gelesen. Jetzt informierte sie sich gezielt im Internet unter www.jakobs.de, bestellte dort gleich online ihren Pilgerpass, die Pilgermuschel, die immer als Erkennungszeichen außen am Rucksack der Pilger baumelt, und die Packliste.

„Der Rucksack sollte nicht mehr als zehn Prozent des Körpergewichts betragen, bei Frauen um sieben Kilo. Dazu kommt täglich etwa ein Kilo für Lebensmittel und Wasser“, berichtet Tatiana Micheli. Das wichtigste Stück im Gepäck war das „Outdoor“-Buch, ein Führer mit alltäglichen Informationen zum Jakobsweg.

„Der Weg ist magisch“

Als Pilgerin mit der Oktober-­Nummer 1267 wanderte Tatiana Micheli los auf dem Pilger-­Hauptweg, dem „Camino Francés“. „Ich hatte ganz abgesehen von meiner Krankheit die denkbar schlechtesten Voraussetzungen“, lacht sie. „Ich bin öfters zerstreut, verlaufe mich oft, bin überhaupt nicht gern allein und gar kein Typ für Mehrbettzimmer. Gut, dachte ich mir, wenn es gar nicht geht, breche ich ab und fahre nach Hause.“

Sie kann es selbst kaum glauben, dass sie es tatsächlich geschafft hat und ihr Ziel erreichte. Nur zwei Ruhetage musste sie einer Erkältung wegen einlegen. Nur drei Tage lang hat sie sich einer Gruppe angeschlossen, um dann zu merken, dass es besser ist, ganz allein zu gehen, im eigenen Tempo, still mit den eigenen Gedanken. „Ich bin auch so ein Gucktyp, der oft stehen bleibt, um zu schauen und zu staunen und zu genießen. Die Natur hat mich oft einfach erschlagen“, sagt sie. „Der Weg ist magisch, auch wenn er nicht nur durch mittelalterliche Dörfer führt, sondern öfters mal an Straßen entlang oder durch Industriegebiete.“

Immer Schritt für Schritt

Übernachtet hat die Hagenerin meistens in den stets von Ehrenamtlichen geführten Pilgerherbergen, die alle fünf bis sechs Kilometer am Wege liegen. Die Nacht im Stockbett kostet eine Spende von fünf Euro und gern mehr. Täglich 20 bis 25 Kilometer hat sie zurückgelegt, langsam und bedächtig war sie unterwegs „immer Schritt für Schritt“ von früh morgens bis kurz vor Sonnenuntergang.

„Jede meiner Wegetappen habe ich einem lieben Menschen gewidmet, meinem verstorbenen Vater, meiner Familie, Freunden oder auch meinem Ärzteteam“, berichtet sie. „Unterwegs bin ich vielen ungewöhnlichen Menschen begegnet. Ich habe etliche traurige Geschichten, aber auch eine Menge lustige gehört. Auch das ist wahr: Es fließen viele Tränen auf dem Jakobsweg, durchaus auch Männertränen.“

Mehr Antworten als Fragen

Ihr Pilger-Fazit lautet: „Ich habe mehr Antworten bekommen, als ich Fragen hatte. Je mehr ich gelaufen bin, umso mehr konnte ich alles loslassen und mich dem ergeben, was auch immer kommt. Ich habe absoluten Frieden gefunden. Ich habe gelernt, dass alles gut ist, wie es ist und dass ich selbst gut bin, so wie ich bin.“ Tatiana Micheli will beizeiten wieder los, dann vielleicht auf dem Pilgerweg, der von Portugal aus nach Santiago führt.