Hagener Jugend im Visier

Behördenleiterin und Leitende Oberstaatsanwältin Heike Becher, Oberstaatsanwalt Axel Nölle, der „Staatsanwalt für den Ort“ in Schwerte, und Oberstaatsanwältin Claudia Hurek, neue stellvertretende Behördenleiterin, (v.l.) präsentierten am gestrigen Dienstag die Strategien gegen die Jugendkriminalität. (Foto: A. Schneider)

Hagen. (as) Die Staatsanwaltschaft Hagen nimmt verstärkt die Jugend ins Visier. Dabei geht es nicht darum, junge Menschen früher vors Gericht zu bugsieren und schnell ein Urteil zu erwirken. „Diversion“ lautet das Zauberwort. Im Jugendstrafrecht bedeutet das: Gerade bei jungen Ersttätern, beziehungsweise bei Mädchen und Jungen, denen leichte und mittelschwere Delikte zur Last gelegt werden, möchte die Staatsanwaltschaft es überhaupt nicht zur Eröffnung eines richterlichen Strafprozesses kommen lassen.

„Jugendkriminalität wird besonders behandelt“, sagt Oberstaatsanwalt Dr. Gerhard Pauli, bei der Hagener Staatsanwaltschaft zuständig für organisierte Kriminalität und – ganz neu – für Projekte zur Bekämpfung der Jugendkriminalität. „Jeder kann im Heranwachsendenalter mit dem Gesetz in Konflikt geraten“, sagt er. Damit es bei einer einzelnen Tat bleibe, betreibe die Staatsanwaltschaft eine Gratwanderung. Die Jugendlichen sollen nicht stigmatisiert werden. Denn so ein richterliches Verfahren, selbst wenn es womöglich „nur“ auf eine Mutprobe in einer Gruppe zurückzuführen ist, hängt auch den Heranwachsenden noch lange nach. Gleichsam, so der Oberstaatsanwalt, „muss der Erziehungsgedanke eine wichtige Rolle spielen“. „Wir dürfen nicht zu lasche Mittel anwenden“, sagt er.

„Gelbe Karte“ statt erstes Urteil

Gar nicht lasch, stattdessen sehr pfiffig kommt das Projekt „Gelbe Karte“ daher: Schon seit gut neun Jahren praktiziert die Staatsanwaltschaft Hagen in der Stadt Hagen gemeinsam mit Jugendgerichtshilfe und Polizeipräsidium so genannte „Diversionstage“. An sechs bis acht Terminen im Jahr werden jugendliche Straftäter gemeinsam mit ihren Erziehungsberechtigten ins Polizeipräsidium zitiert. Und dort geht’s mächtig zur Sache. Die jungen Leute werden vernommen, es wird nach persönlichen Hintergründen, aber auch Lebenszielen gefragt. Und schließlich gilt es, die Beschuldigten zur Verantwortung zu ziehen. Meist handelt es sich um Delikte wie Ladendiebstahl, Fahren ohne Fahrerlaubnis, Sachbeschädigung, Körperverletzung, Beleidigung, aber auch Schwarzfahren. Verpflichtungen, an Aggressionstrainings teilzunehmen, können Buße für derartige Vergehen sein, oder Antidrogenkurse. Sozialstunden können auf dem Stundenplan stehen. Es ist aber auch möglich, dass das Verfahren nach einem „erzieherischen Gespräch“ eingestellt wird.

Ein Täter-Opfer-Ausgleich ist auch oder vielleicht sogar gerade bei diesen Delikten erwünscht. Wenn sich ein junger Mensch nach einer Handgreiflichkeit mit seinem Opfer zusammensetzt, über die Tat spricht und womöglich noch mehrfaches Hausflurputzen anbietet, setzt er sich intensiv mit seiner Straftat auseinander. Wer so etwas macht, davon ist Dr. Gerhard Pauli überzeugt, ist nicht so leicht bereit, erneut straffällig zu werden.

Im Bereich der Stadt Hagen hat sich das Projekt „Gelbe Karte“ bewährt. Nun überlegt Oberstaatsanwältin und Behördenleiterin Heike Becher mit ihrem Team, auch in den anderen Amtsgerichtsbezirken, für die die Hagener Staatsanwaltschaft zuständig ist, von Meinerzhagen bis nach Schwerte, weitere „Gelbe Karten“ zu ziehen.

Ein Staatsanwalt für einen Ort

Apropos Schwerte: Hier startete die Behörde das nächste Projekt zur Eindämmung der Jugendkriminalität. „Staatsanwalt für den Ort“ nennt es sich. Der Mann hinter dem Begriff heißt Oberstaatsanwalt Axel Nölle. Auf dessen Schreibtisch landen seit dem 1. Januar dieses Jahres sämtliche Delikte von Jugendlichen aus Schwerte. Dieses Vorgehen ist für die Staatsanwaltschaft neu. Bislang nämlich lief die Verteilung der Akten immer nach dem ersten Buchstaben des Nachnamens. Wer für A zuständig war, hatte es sowohl mit jungen Hagenern, Schwertern, Plettenbergern oder Meinerzhagenern zu tun.

Axel Nölle bekommt durch das neue Vorgehen intensive Einblicke in die Jugendszene vor Ort. In „Clearing-Gesprächen“ versuchen Vertreter von Amtsgericht, örtlicher Polizei und eben dem Staatsanwalt für den Ort, die Jugendkriminalität besser zu beurteilen und im noch besseren Fall einzudämmen.

Zwei Monate ist Axel Nölle nun in und für Schwerte aktiv. Seine Arbeit wird intern ausgewertet. „Dann werden wir entscheiden, ob wir auch in anderen Amtsgerichtsbezirken Staatsanwälte für den Ort abstellen“, sagt Heike Becher. Entschieden werden muss aber auch, ob in einer Großstadt wie Hagen überhaupt ein „Staatsanwalt für den Ort“ ausreicht.

Gegen junge Intensivtäter

Wichtig ist der Hagener Staatsanwaltschaft zudem, jugendliche Intensivtäter aus der Abwärts-Spirale zu holen. Sie werden künftig ausschließlich von einem Dezernenten betreut und nicht von Staatsanwalt zu Staatsanwalt weitergereicht. Gesucht wird der ständige Austausch aller Beteiligen. Dazu gehören auch die Erziehungsberechtigten. „Es kann sein“, so Gerhard Pauli, „dass die Jugendlichen, auch ohne dass uns eine neue Straftat bekannt ist, zu Hause Besuch von uns bekommen.“ Auch so kann Abschreckung funktionieren.