Hagener lässt DDR weiterleben

Hagen. (anna) Der mehrfach ausgezeichnete, waschechte Hagener Simon Urban hat jetzt seinen ersten Roman veröffentlicht: „Stell Dir vor, die Wiedervereinigung hätte es nicht gegeben“. Aus dieser skurrilen Idee entwickelt der Hagener Autor Simon Urban in „Plan D“ eine alternative Gegenwart, die unfassbar erscheint. Urbans Romandebüt ist ein literarisches, fiktives Gedankenspiel, das der Frage nachgeht, was passiert sein könnte, wenn die Mauer nicht gefallen wäre…

Der Hagener Autor Simon Urban hat jetzt seinen Debütroman „Plan B“ veröffentlicht. In dem Buch entwirft Urban die skurrile Vorstellung vom Fortbestand der DDR bis in die heutige Zeit. Ein literarisches Gedankenspiel, das eine alternative Gegenwart schafft. (Foto: Fedja Kehl)

Zum Inhalt: Es ist das Jahr 2011 und die DDR lebt noch, beziehungsweise sie überlebt gerade so. Denn der Staat ist bankrott. Als auch die Staatseinnahmen aus dem Transitgeschäft mit Erdgas aus Osteuropa zu versiegen drohen, werden Konsultationen anberaumt – zwischen Oskar Lafontaine, dem Kanzler der BRD, und Egon Krenz, dem Staatsratsvorsitzenden der DDR. Dann baumelt eine Leiche an einer der Pipelines bei Berlin. „Der Spiegel“ wittert einen Stasimord, und die Verhandlungen drohen zu scheitern. Um zu retten, was zu retten ist, sollen der Ostberliner Kriminalpolizist Martin Wegener und zwei westdeutsche Kollegen den Fall gemeinsam aufklären…

Der Leser taucht in „Plan B“ in ein trübes Ost-Berlin. Die Sonne scheint selten, Konsumgüter sind knapp und zynische Witze sind an der Tagesordnung. Über allem hängt der Geruch von Frittiertem, weil die Nachfolger des Trabants mit Rapsöl fahren. Handys, dank Stasi-Technik den Westprodukten weit überlegen, heißen „Minsk“. Und die Stasi betreibt finstere Geheimgefängnisse, deren Insassen sich wünschen, nach Bautzen verlegt zu werden: mit schwarz maskierten Wärtern, Isolationshaft und eiskaltem Schweigen.

All das beschreibt Urban in einem Stil, der mal rotzig, mal opulent daherkommt – und der den Leser immer weiter in die Welt der Gegenwarts-DDR und die Köpfe der Protagonisten hineinzieht.

Hagener Junge

Simon Urban, 1975 in Hagen-Berchum geboren, besuchte zuerst das Gymnasium in Hohenlimburg und wechselte dann zum Gymnasium Garenfeld. Mehrmals im Jahr, so erzählt Urban, der jetzt in Hamburg und Techau lebt, stattet er seinen Eltern in Berchum einen Besuch ab und verbringt so ein paar Tage in seiner Heimatstadt. Nach dem Germanistikstudium in Münster absolvierte der Hagener eine Ausbildung an der Texterschmiede Hamburg, bevor er ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig aufnahm.

Hohe Auszeichnungen

2003 bekam Simon Urban den Erker-Preis, 2005 den Literaturförderpreis Ruhrgebiet und 2006 den Limburg-Preis der Stadt Bad Dürkheim. 2009 gewann er bei den Clio-Awards, einem der wichtigsten Kreativpreise der Welt, den Grand Prix und Gold für die erste literarische Live-Werbepause.

Lötzsch-2-Empfänger

Urbans Romandebüt nimmt sich selbst nicht ganz ernst. Es handelt nicht nur von Ost-, sondern auch von West-Biografien: So ist Claus Kleber in dieser Welt Chefredakteur des „Spiegels“ geworden; Otto Schily hat Westdeutschland verlassen und Mielke als Minister für Staatssicherheit ersetzt. Und die Arbeitslosen in der DDR heißen „Lötzsch-2-Empfänger“. Auch hier merkt man, dass „Plan D“ trotz der Science-Fiction-DDR-Kulisse vor allem unsere bundesrepublikanische Realität reflektiert. Simon Urban verfremdet das Bekannte, um es klarer zu sehen: Die scheinbar grenzenlose Freiheit, die wir heute genießen, sowie den Konsumismus unserer Zeit, den Einfluss von Energiekonzernen und die Verblendung sozialistischer und kapitalistischer Ideologen.

Simon Urbans „Plan D“ ist im Verlag Schöffling & Co., Frankfurt/Main 2011 erschienen, hat 525 Seiten und kostet 24,95 Euro.