Hagener plant erstes deutsch-tibetisches Filmprojekt

Dorjee heißt „unzerstörbar“. Und Dorjee heißt der Hauptdarsteller von „Pawo“. Auch er ist ein Flüchtling. (Foto: Niemandsland und Tremoniamedia Filmproduktion)
Dorjee heißt „unzerstörbar“. Und Dorjee heißt der Hauptdarsteller von „Pawo“. Auch er ist ein Flüchtling. (Foto: Niemandsland und Tremoniamedia Filmproduktion)

Hagen. (as) „Pawo“ ist tibetisch und bedeutet Held. „Pawo“, so werden von Tibetern auch die Menschen genannt, die sich selbst verbrennen, um sich gegen die Unterdrückung Tibets zu wehren. Menschen wie Jamphel Yeshi. Er war 27 Jahre alt, als er seinen Körper im indischen Delhi während einer Kundgebung gegen die chinesischen Machthaber in Tibet entzündete. Das war Ende März 2012.

Wenig später macht sich ein junger Mann aus Hagen auf den Weg nach Indien. Marvin Litwak ist nur knapp ein Jahr jünger als Jamphel Yeshi, als der sich entschied, sein Leben mit einem flammenden Protest zu beenden. Marvin Litwak begibt sich auf Spurensuche. Er lernt Freunde und Verwandte des „Pawo“ kennen. Spricht mit ihnen. Und er fasst einen Entschluss: Er, der Regisseur mit Abschluss an der Ruhrakademie, möchte einen Film über Menschen wie Jamphel Yeshi drehen – seinen ersten Spielfilm nach preisgekrönten Dokumentationen und Clips. Ein Titel für den Film war schnell gefunden: „Pawo“. Das war vor ein paar Monaten.

Er kommt aus Hagen und plant ein deutsch-tibetisches Filmprojekt in Indien: Marvin Litwak. (Foto: privat)
Er kommt aus Hagen und plant ein deutsch-tibetisches Filmprojekt in Indien: Marvin Litwak. (Foto: privat)

Mit ein paar Euro einen Film finanzieren

Mittlerweile ist das Drehbuch geschrieben. Ein Trailer entstand bei einem weiteren Indienaufenthalt. Ein Testdreh ist im Kasten. „Jetzt müssen wir Menschen davon überzeugen, das Projekt zu unterstützen“, sagt Marvin Litwak. Im Klartext: mitzufinanzieren. Gemeinsam mit seinem Team wirbt er die Mittel über eine Crowd-funding-Kampagne ein, also über eine Schwarm- oder Mengenfinanzierung per Internet. Schon mit 15 Euro können sich Interessenten an dem Film beteiligen – und bekommen als Dankeschön eine kleine Aufmerksamkeit. Je höher der Betrag, desto exklusiver die Aufmerksamkeiten: Beteiligt sich eine Firma mit 2.500 Euro, bekommt das Unternehmen später Besuch von der gesamten Pawo-Crew, der Film wird gezeigt und das Team berichtet von den Erlebnissen vom Set in Indien.

Das „Geld-Sammeln“ hat gerade begonnen. Wer sich informieren möchte, auch über das Projekt, sollte die Internetseite www.indiegogo.com/projects/pawo aufschlagen.

Aufmerksamkeit auf Leid lenken

Ein Film über das Leben im Exil, über die Forderung nach Freiheit für ein seit Jahrzehnten besetztes und unterdrücktes Land. Ein Film auch über die Selbstentzündung als Mittel, sich zu wehren. „Ich möchte solches Handeln nicht heroisieren“, sagt Marvin Litwak. „Doch ich möchte die Aufmerksamkeit auf das Leid der tibetischen Bevölkerung und der Exil-Bevölkerung lenken.“

Selbstverbrennung als Protestform. Marvin Litwak ist hin- und hergerissen. „Wir sollten genau hingucken“, sagt er. „Auf Traditionen. Auf das Dilemma einer Kultur.“ Er verweist auf einen Bericht im Magazin „Der Spiegel“ vom vergangenen Jahr. Darin heißt es: „Die Tibeter sind ein Volk von nur sechseinhalb Millionen Menschen. Ihr Widerstand folgt einer Kultur der Gewaltlosigkeit. Wie wollen sie sich wehren, wenn ihr Glaube es kaum erlaubt, ein Insekt zu töten? So fangen sie an, sich selbst zu töten, als Mittel des Protests.“

Marvin Litwak hat schnell Mitstreiter für sein Projekt gefunden. In Nordrhein-Westfalen, aber auch in Indien. Er lernte den tibetischen Filmemacher Sonam Tseten kennen. Gemeinsam casteten sie Darsteller für das Projekt. Und er erhielt Unterstützung von Kameramann Amin Oussar. Nicht zuletzt dessen Blick auf die eigene Kultur gibt dem Film-Projekt eine ungewöhnliche, intime Facette. Martin Litwak ist fasziniert: „Wenn mich nicht alles täuscht, starten wir das erste deutsch-tibetische Filmprojekt.“

Winziges Budget für großes Kino

Um dieses Projekt zu realisieren, verzichtet die deutsche Crew auf viel. Auf Gagen beispielsweise. Von den 85.000 Euro, die das Team für die Produktion eines gut 100-minütigen Spielfilms benötigt, wird die tibetische Crew bezahlt, das technische Equipment muss geliehen, der Film muss technisch nachbereitet weden. Flüge, Unterkunft und Verpflegung für die deutsche Crew während der geplanten Drehtage müssen natürlich auch finanziert werden.

„Pawo“, ein Film mit winzigem Budget und großem Anliegen. „Wir möchten den Menschen, die keine Stimme haben, eine Stimme geben“, sagt Marvin Litwak. Eine Stimme, die man in der westlichen Welt versteht. Auch wenn der Film auf tibetisch gedreht und später mit deutschen und englischen Untertiteln versehen wird – die Sprache von Bildgestaltung und Schnitt ist international.

Dorjee wird der Titelheld genannt, den die Filmcrew für das Projekt gewinnen konnte. Dorjee ist auch dessen privater Name. Dorjee, was soviel wie „unzerstörbar“ bedeutet. Wie so viele Exil-Tibeter kam Dorjee als Kind zu Fuß über den Himalaya bis nach Indien. Die Geschichte der Flucht – Dorjee kennt sie nur zu gut. Und er spielt sie authentisch, mit klopfendem Herzen.

Nur wenige Wochen, dann, so hofft Marvin Litwak, sollte die Finanzierung stehen. Drehstart ist Anfang Februar 2014. 38 Drehtage haben er und sein Team für den Film vorgesehen. Warum so schnell? „Nennen wir es mal so“, sagt Marvin Litwak. „Es ist ein bisschen wie ein Revier markieren.“ Zaudern wäre schädlich. „Das Thema ist spannend und wichtig. Außerdem ist es ein Thema, mit dem man auf A-Festivals landen und überzeugen kann.“ So kann aus einem vermeintlich kleinen Film Großes werden.

Szenenbild aus dem Trailer zu „Pawo“: Das Dach im indischen Exil ist für die Flüchtlinge oftmals Rückzugsort. (Foto: Niemandsland und Tremoniamedia Filmproduktion)
Szenenbild aus dem Trailer zu „Pawo“: Das Dach im indischen Exil ist für die Flüchtlinge oftmals Rückzugsort. (Foto: Niemandsland und Tremoniamedia Filmproduktion)