Hagens jüdische Ärzte

Hagen. (Red./ME) Tatort Hagen: Zwischen 1933 und 1944 kam es zu Boykottmaßnahmen und Plünderungen, zu Drangsalierung, Diskriminierung, Vertreibung, Deportierung und schließlich zur Ermordung der jüdischen Bürger auch an der Volme. Dieses höchst widerwärtige Kapitel der heimischen Geschichte steht jetzt im Mittelpunkt eines neuen Buches, das von dem weithin bekannten Hagener Arzt Dr. Reinhold Busch verfasst worden ist.

Dr. Reinhold Busch präsentiert das Buch „Der ‚Dank‘ des Vaterlandes – ausgegrenzt, entrechtet, beraubt, in die Emigration getrieben, ermordet: Das Schicksal der jüdischen Ärzte, Zahnärzte und ihrer Familien in Hagen“ am heutigen Mittwoch, 16. Dezember 2015, im Zusammenhang mit einer Lesung – ab 18 Uhr in der Hagener Synagoge an der Potthofstraße.

Unter dem Titel „Der ’Dank’ des Vaterlandes - ausgegrenzt, entrechtet, beraubt, in die Emigration getrieben, ermordet: Das Schicksal der jüdischen Ärzte, Zahnärzte und ihrer Familien in Hagen“ ist im Berliner Frank-Wünsche-Verlag das neue Buch des Hagener Mediziners Dr. Reinhold Busch erschienen. (Foto: Sammlung Busch)
Unter dem Titel „Der ’Dank’ des Vaterlandes – ausgegrenzt, entrechtet, beraubt, in die Emigration getrieben, ermordet: Das Schicksal der jüdischen Ärzte, Zahnärzte und ihrer Familien in Hagen“ ist im Berliner Frank-Wünsche-Verlag das neue Buch des Hagener Mediziners Dr. Reinhold Busch erschienen. (Foto: Sammlung Busch)

Bewegende Schicksale

Aus der anonymen Masse der vielen, vielen Betroffenen stellt Busch die bewegenden Schicksale von zehn jüdischen Arzt- und Zahnarztfamilien in den Fokus. Es handelt sich um die Ärzte und Ärztinnen Paul Jacobsohn, Hans Rosenbaum, Lore Rosenthal, Julius Stargardter, Georg Heinrich Stern-Hanf, Eugen Wolff, Ernst Georg Wolff, den Dentisten Kurt Landau, den Zahnarzt Paul Wolff und die Zahnärztin Dr. Aenne Meyer.

Reinhold Busch: „Sie alle sorgten für das gesundheitliche Wohlbefinden unserer Heimatstadt; zum Teil setzten sie als Soldaten im Ersten Weltkrieg ihr Leben für Deutschland ein bzw. verloren ihre Söhne auf dem Schlachtfeld. Ihr Heimatland ’dankte’ es ihnen, indem es sie ihrer Habe beraubte und in die Emigration trieb, ihre Familienangehörigen, die es nicht mehr ins Ausland schafften, im Ghetto Theresienstadt verhungern bzw. in den Ghettos Osteuropas umkommen ließ oder sie in den Vernichtungslagern in Polen vergaste.“

All diese Ärzte und ihre Kinder hinterließen ergreifende Berichte, von denen viele in dem neuen Buch von Reinhold Busch zum ersten Mal veröffentlicht werden. Übrigens: Der letzte in Hagen verbliebene jüdische Arzt, Dr. Stargardter, wurde kurz vor dem Ende des Krieges in den Selbstmord getrieben.

Die detaillierte Auswertung von Dokumenten zeigt die Mechanismen der systematischen Bereicherung des NS-Staates am jüdischen Vermögen sowie die zögerlichen „Bemühungen“ der Wiedergutmachung nach dem Krieg durch teilweise dieselben Beamten, die zuvor für die Ausplünderung der Juden verantwortlich waren.

Ein besonderes Kapitel betrifft die Brüder Fritz und Willi Hemmer, die vom NS-System fälschlicherweise als Halbjuden mit Berufsverbot belegt und erst durch einen „Führerbefehl“ noch während des Krieges rehabilitiert werden konnten.

Der Autor

Reinhold Busch wurde 1942 zwar in Metz/ Lothringen geboren, stammt aber aus einer Wehringhauser Familie. Das Abitur machte er am Städt. Gymnasium Hagen; es folgte anschließend ein Medizinstudium in Bonn und Wien, das er mit dem Staatsexamen 1967 und der Promotion 1970 in Bonn abschloss. 1971/72 absolvierte er den Wehrdienst als Stabsarzt, arbeitete von 1972 bis 1975 als Tropenarzt in Liberia und Sambia. Als Facharzt für Allgemein- und Tropenmedizin bzw. für Lungen- und Bronchialheilkunde und Allergologie agierte er bis 2003 in einer eigenen Fachpraxis in der Hagener Innenstadt.

Überdies hatte er mehrere Ehrenämter inne, so war er zwei Jahre lang Mitglied des Ausländerbeirates der Stadt Hagen und von 1992 bis 1997 Vorsitzender bzw. Vorstandsmitglied des Vereins zur Förderung der Städtepartnerschaft Hagen-Smolensk. Seit 2001 widmet er sich intensiv der geschichtlichen Forschung, die er wiederholt mit Buchveröffentlichungen zum Thema „Ärzte im Zweiten Weltkrieg“ krönen konnte.