Hagens Musikszene in den 60ern

Hagen. (anna) Das erste Buch „Beat in Hagen“, das der Drummer der „Grafen“ und der „Heart Gold Band“, Dietmar Brendel, vor zwei Jahren auf den Markt brachte, hat so viel Zuspruch erfahren, dass sich der Hagener Musiker spontan entschloss, einen Ergänzungsband zu veröffentlichen. Denn nach dem Erscheinen des ersten Buches tauchte noch jede Menge Material aus der Musikszene der 60er auf, so dass Brendel jetzt weitere 140 Seiten füllen konnte.

Der Schlagzeuger Dietmar Brendel hat die Zeit der Beatmusik hautnah miterlebt und war als Musiker immer aktiv dabei. Nach fast fünfjähriger Recherche hat der 64-Jährige vor zwei Jahren sein erstes Buch veröffentlicht, in dem er die Beat-Ära in Hagen zwischen 1962 und 1969 eindrucksvoll dokumentiert. Jetzt brachte Brendel das zweite auf den Markt. (Foto: wochenkurier)

Skeptische Blicke und mahnende Worte ihrer Eltern konnten sie nicht abhalten. Hagens Jugend emanzipierte sich in den 60ern im Takt der Beat-Musik. Viele Bands, die damals in Hagens Kellern die heißen Rhythmen probierten, hatten großen Anteil an der Veränderung der Gesellschaft.

Hagen im Jahre 1960

Die 60er: in und um Hagen tut sich was. Junge Männer trugen ihre Haare plötzlich länger. Und mit ihrem Kleidungsstil wollte die junge Generation so gar nicht in die Fußstapfen ihrer Eltern passen, die die Beat-Musik verachteten, manchmal sogar verboten. Einige Jugendliche mussten ihre Schallplatten heimlich hören. Dieser von vielen älteren Menschen verpönte und häufig als „Hottentotten- oder Affenmusik“ bezeichnete neue Musikstil nannte sich Beatmusik und wurde durch Gruppen wie Beatles, Rolling Stones, Animals oder Kinks sehr schnell populär und natürlich auf allen Radiosendern gespielt. Die damalige Jugend ließ sich nicht einschüchtern. Die Beat-Musik diente ihr als Ventil, wurde fast zu einer Bewegung.

In der Folge schossen im gesamten Bundesgebiet neue Bands aus dem Boden, um es ihren Idolen gleichzutun. So gab es in Dortmund, in der Beatstadt Nummer Eins in Nordrhein-Westfalen, mindestens 60 Bands. Doch auch in Hagen feierte die Beatwelle Hochkonjunktur. Dutzende Gruppen spielten in Kneipen, Jugendheimen, Sälen und Kneipen, denn Auftrittsmöglichkeiten gab es damals in der Volmestadt mehr als genug.

Alter Hase in der Beatszene

Zu dieser Musikszene gehörte auch der Hagener Dietmar Brendel seit seinem 16. Lebensjahr (der wk berichtete 2010). Der heute 64-Jährige ist seit 1995 festes Bandmitglied bei den „Grafen“. Auch Brendel war damals fasziniert vom neuen Musikstil. Fortan spielte er immer in irgendwelchen Bands: Nachdem er sich autodidaktisch das Schlagzeugspielen beigebracht hatte, trommelte er bei der Beatband „The Danger Group“ und der Beat- und Tanzcombo „Four Floridas“.

Anfang der Siebziger machte Brendel mit der Tanz- und Showband „Sound Set“ 19 Jahre lang Tanzmusik. Von 1995 bis 2000 spielte er bei der Oldieband „Les Clochards“, bevor er schließlich durch Helmut Wockelmann bei den Grafen-Oldies landete. Auch mit der Band „Heart of Gold“ tourt Brendel erfolgreich durch die Lande.

Der Junge von der Boeler Straße sah im Westfalenhof am Emilienplatz die erste Beat-Band und war erschlagen vom tollen Sound. „Es waren nur drei Leute, und die machten Musik, die mich umhaute, einfach grandios.“ Sein Interesse fürs Schlagzeugspielen war geweckt. „Als 16-Jähriger lief ich dann oft stolz mit ’Sticks’ (Schlagstöcke) durch die Gegend, obwohl ich noch gar kein Schlagzeug hatte“, lacht Brendel heute über sein jugendliches Verhalten. Doch Brendel lernte schnell, und schon bald spielte er in den ersten Bands.

„Auch mein jüngerer Bruder Rolf war damals fasziniert von den Jungs, die im Kohlenkeller musizierten“, erzählt Brendel. Ich brachte ihm dann die ersten Grundbegriffe am Schlagzeug bei. Später hat er dann als Schlagzeuger von Nena Karriere gemacht und in Los Angeles ein zweijähriges Studium an dem Percussion Institut for Technology abgeschlossen.“

Zeitdokument

Um diese für die damalige Generation so wichtige und spannende Zeit nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, entschloss sich Brendel, diese Zeit zu dokumentieren. Vor zwei Jahren brachte der Schlagzeuger ein fast 200 Seiten starkes Buch auf den Markt, in dem er die Hagener Beat-Szene in den Jahren 1962 bis 1969 aufgearbeitet hat. „Ich hatte fast fünf Jahre lang umfangreich recherchiert, zahlreiche Telefonate und Gespräche geführt und mit vielen ehemaligen Musikern Erinnerungen ausgetauscht“, beschreibt Dietmar Brendel die Vorgehensweise bei seinem ersten Buch. „Mittlerweile habe ich ein umfangreiches Archiv mit Hunderten von Fotos, Zeitungsausschnitten, Plakaten, Flyern und vielem mehr zusammengetragen.“

Heraus kam eine bedeutende kulturhistorische Dokumentation über die Beat-Ära in der Volmestadt. Alle Bands aus Hagen, die noch irgendwie erreichbar waren, sind in dem Buch aufgelistet, abgebildet und ihr Werdegang beschrieben. „Einige Bandbeschreibungen fallen allerdings sehr spärlich aus“, bedauert Brendel, „teils hatten die Musiker Hagen verlassen, waren verstorben oder einfach nicht mehr auffindbar.“

Hohenlimburger Bands

Doch nach der Veröffentlichung des ersten Beat-Buches meldeten sich unzählige „alte Hasen“ der Beat-Zeit bei Brendel mit immer wieder neuem Material. So auch der Lehrer Harald Roehder aus Hohenlimburg, der im Laufe der Zeit ein umfangreiches Archiv zum Thema Hohenlimburger Bands zusammengetragen hatte. Für Brendel eine wahre Fundgrube. „So erfahren jetzt auch die im ersten Buch vernachlässigten Hohenlimburger Bands ihre angemessene Würdigung“, freut sich Dietmar Brendel, „außerdem konnte ich in Band 2 zu den Hagener Bands viele Informationen hinzufügen, die ich vorher gar nicht hatte.“

Weiterhin ist Brendel dankbar für jedes Material, was es aus dieser Zeit noch gibt, egal ob Fotos von Musikgruppen, Zeitungsartikel oder vielleicht sogar Filmaufnahmen. „Es spricht ja nichts dagegen, die Bücher irgendwann einmal zu ergänzen.“

„Beat in Hagen“ Band 2, mit 140 Seiten kann man unter der E-Mail-Adresse stroke-roll01@versanet.de zum Preis von 22 Euro bestellen.