Hagens Theater-Bau vor 100 Jahren

Zu den wichtigsten erhaltenden Bauwerken des Architekten Ernst Vetterlein zählt das Hagener Theater. Der gebürtige Leipziger bekam an der Technischen Hochschule in Darmstadt am 8. März 1902 den Titel „Dr.-Ing.“ verliehen - als der erste Ingenieur, der das dieser Hochschule neu zugestandene Doktor-Verleihungsrecht (Promotionsrecht) nutzen konnte. (Foto: Sammlung Eckhoff)

Von Michael Eckhoff

Hagen. In einer kleinen Serie beschreibt der wochenkurier, welches Planungs-Tohuwabohu herrschte, bevor es vor hundert Jahren schließlich zum Bau des Hagener Theaters kommen konnte, das übrigens fast ausschließlich von einer Aktien-Gesellschaft mittels Spenden finanziert wurde. Heute folgt Teil 3, worin es insbesondere um die Wahl des Architekten geht.

Zur Zeit der Jahreswende 1908/09 schien alles endlich klar zu sein. Doch urplötzlich machte dann der Stadtrat einen Rückzieher – am 18. Januar 1909 beschlossen die Stadtverordneten, die gesamte Angelegenheit um mindestens ein weiteres Jahr zu vertagen. Das brachte die Theater-Aktien-Gesellschaft indes in Rage und ihr Vorstand beschloss, die Planung unter Ausklammerung der Politiker vorantreiben zu wollen – und zwar entweder auf dem Emilienplatz, wo der Fabrikant Dr. Christian Elbers ein über 4000 Quadratmeter großes Gelände angeboten hatte, oder an der Körnerstraße, wo die Witwe Söding bereit war, ein 3700-Quadratmeter-Areal kostengünstig zur Verfügung zu stellen. Doch plötzlich schwenkten die Politiker – sicherlich aufgrund starken Drucks – erneut um und zeigten sich im Juli 1909 endgültig bereit, die alte Idee „abzusegnen“, den Theaterbau auf dem bisherigen Krankenhausgelände an der Elberfelder-/Konkordiastraße zu realisieren. Ferner drängte den Rat darauf, für den Bau der gleichzeitig geplanten Konzert- und Festhalle eine spezielle Stadthallen-Aktien-Gesellschaft zu gründen. Was auch geschah. Beide Bauten sollten – laut Vertrag – bis zum 1. Oktober 1911 fertiggestellt sein.

107 Entwürfe

Die Theater-Baukommission zögerte nun nicht länger und „übergab das Preisausschreiben der deutschen Architektenwelt“. Sprich: Es wurde reichsweit ein Wettbewerb ausgeschrieben. 107 Entwürfe gingen ein. Den 1. Preis gewann der Entwurf „Neues Leben“ des seinerzeit weithin bekannten Baumeisters Martin Dülfer, Platz 2 belegte der weniger bekannte Ernst Vetterlein mit dem Entwurf „Deutscher Kunst ein deutsches Haus“.

Dem Preisgericht hatten unter anderem angehört: Hagens Stadtbaurat Ewald Figge und Kommerzienrat Theodor Springmann (Sponsor, Fabrikant, Mit-Inhaber von Funcke & Hueck).

Zwei Kontrahenten

Martin Dülfer (geboren 1859 in Breslau; gestorben 1942 in Dresden) war ein deutscher Hochschullehrer und Architekt, der vor allem für seine Theaterbauten und -entwürfe reichsweit Beachtung fand und der zu den wichtigsten Vertretern der deutschen Jugendstil-Architektur gehört. Von seinem Reißbrett stammten beispielsweise die Theater von Meran/Südtirol, Dortmund (kriegszerstört) und Lübeck (1996 restauriert).

Sein wichtigster Kontrahent in Hagen war Ernst Vetterlein (geboren am 12. April 1873 in Leipzig; gestorben am 22. Januar 1950 in Hannover). Als Professor für Städtebau und Siedlungswesen war er von 1923 bis 1925 auch Rektor der Technischen Hochschule Hannover. Ernst Vetterlein studierte in Dresden und München Architektur. Anschließend war er Assistent in der Abteilung für Architektur der Technischen Hochschule Darmstadt und bekam dort am 8. März 1902 den Titel „Dr.-Ing.“ verliehen – als der erste Ingenieur, der das dieser Hochschule neu zugestandene Doktor-Verleihungsrecht (Promotionsrecht) nutzen konnte.

Ablehnung

Angeführt von Kommerzienrat Theodor Springmann (Foto) favorisierte die Baukommission mehrheitlich den am Klassizismus orientierten Entwurf des Darmstädter Professors Ernst Vetterlein. Sehr zum Verdruss von Karl Ernst Osthaus. Der Kunstmäzen hätte einen Entwurf des Jugendstil-Architekten Martin Dülfer vorgezogen. (Foto: Sammlung Eckhoff)

Am 10. Dezember 1909 verhandelte der Theater-AG-Vorstand mit der Baukommission über den preisgekrönten Dülferschen Entwurf und stellte fest, dass man dessen Entwurf eigentlich nicht hundertprozentig gutheißen konnte. Nachverhandlungen waren notwendig, und die schienen auch auf einem Erfolg versprechenden Weg zu sein, als bekannt wurde, dass die Baukommission ihrerseits den Kölner Regierungsbaumeister Moritz zu einem weiteren Plan aufgefordert hatte.

Nach etlichen Streitigkeiten beschloss die Kommission letztlich, einen erneuten, diesmal allerdings auf wenige Architekten beschränkten Wettbewerb auszuschreiben – mit dem Ziel, einen Entwurf zu erhalten, dessen Baukosten 650.000 Mark nicht überschreiten durften.

Sieger: Vetterlein

Das Ergebnis war eindeutig, erneut hatten Dülfer und Vetterlein die Nase vorn. Die Baukommission machte sich die endgültige Entscheidung nicht leicht und entschied erst in einer Kampfabstimmung über die endgültige Auftragsvergabe. Dülfers Entwurf fand zwar die Zustimmung von Stadtbaurat Ewald Figge und Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus, aber die Mehrheit der Kommission, angeführt von Theodor Springmann, favorisierte die Pläne von Vetterlein.

Ende gut, alles gut – Am 1. Juni 1910 unterzeichnete der AG-Vorstand den Vertrag mit Vetterlein. Bereits am 2. August erfolgte der erste Spatenstich. Unter der Leitung des Hagener Architekten Alexander Thoma ging es nun rasch voran, so dass – auch dank einer günstigen Witterung – der Rohbau bereits am 15. Februar 1911 vollendet werden konnte.

Über die Einweihung berichtet der wk in der nächsten Woche.