Hagen. (ME) 2018 ist für alle Menschen in Europa, die sich für historisch wertvolle Bauwerke, schöne Stadtbilder und ähnliche Dinge interessieren, ein besonderes Jahr: Die Europäische Union hat 2018 zum „Jahr des europäischen Kulturerbes“ ausgerufen. Mit diesem großen internationalen Projekt möchte die EU das Bewusstsein für die gemeinsame Geschichte und das daraus resultierende Erbe fördern.

Große Beteiligung

Bis Dezember beteiligen sich auch in Nordrhein-Westfalen zahlreiche Schulen, Hochschulen, Museen, Kultureinrichtungen, Bürgerinitiativen oder Heimat- und Brauchtumsvereine an Aktivitäten rund um das Kulturerbejahr. Es steht unter dem Motto „Sharing Heritage“ (zu Deutsch: „Das Erbe teilen“) und wird in Deutschland vom Nationalkomitee für Denkmalschutz begleitet.

Auch in Hagen wird es im Verlauf des Jahres mehrere Veranstaltungen geben. Beteiligt sind unter anderem der städtische Fachbereich Kultur, der Hagener Heimatbund, die VHS (zum Beispiel im Sommer mit Veranstaltungen im Urlaubskorb), die Hagen-Agentur (mit einer speziellen Stadtrundfahrt), der neue Verein „Geschichtsfreunde Hagen“ und das Europa-Büro.

Kein Bauwerk, kein Stadtbild und kaum eine wirtschaftliche Entwicklung steht in Raum und Zeit für sich allein. Fast alles um uns herum ist in einen – häufig internationalen – Zusammenhang oder Ablauf eingebunden. Künstler und Bauherren ließen sich über die europäischen Grenzen hinweg ebenso inspirieren wie etwa Firmengründer oder Kaufleute.

Beispiel Harkorten

Durch Fabrikation und Handel zu großem Reichtum gelangt, konnte sich die Familie Harkort 1756 das seinerzeit anspruchsvollste, größte und wahrscheinlich modernste Bürgerhaus der Region leisten. (Foto: Michael Eckhoff)

Ein herausragendes Beispiel hierfür ist die berühmte Familie Harkort. Schon im ausgehenden 17. Jahrhundert betrieben die Harkorts nicht nur einen Bauernhof und mehrere Hammerwerke, sondern ebenso einen schwungvollen Handel bis tief in den Ostseeraum hinein. Aus der Zeit um 1775 wissen wir beispielsweise, dass 1300 nach österreichischem Vorbild gefertigte Sensen („Steiermärker Sensen“) in die russische Metropole St. Petersburg geliefert wurden.

Durch Fabrikation und Handel zu beträchtlichem Reichtum gelangt, konnte sich die Familie 1756 das seinerzeit anspruchsvollste, größte, schönste und wahrscheinlich modernste Bürgerhaus der Region leisten. Kulturgeschichtlich ist „Haus Harkorten“ wohl dem Rokoko zuzuordnen. Das ist ein Stil, der sich um 1725 in Frankreich aus dem Spätbarock entwickelte.

Später wuchs hier der bekannteste Sohn der Familie auf – Friedrich Harkort. Ihm wiederum war es ab 1819 vergönnt, sich zu einem der wichtigsten deutschen Pioniere der „industriellen Revolution“ zu entwickeln. Seine bahnbrechende „Mechanische Werkstätte“ im Burgbereich von Wetter war zwar seine Idee, sie konnte aber nur mit englischer „Entwicklungshilfe“ aus der Taufe gehoben werden.

Eine zweite englische Idee beeinflusste Friedrich Harkorts Handeln ab 1825: Ab diesem Jahr wurde er – wie auch seine Brüder Johann Caspar und Gustav – zum unermüdlichen Vorkämpfer für den Bau von Eisenbahnen.

Johann Caspar Harkort gründete in Haspe obendrein nicht nur eine der ersten deutschen Fabriken für Eisenbahnzubehörteile, sondern war auch an der legendären Kohlenbahn und um 1850 an der Hasper Hütte beteiligt, an der ein ebenfalls in England entwickeltes Stahlherstellungsverfahren („Puddeln“) von immenser Bedeutung war.

In diesem Zusammenhang sei noch auf einen Artikel in der regionalen Zeitschrift „Westfalium – Sauerland“ hingewiesen: Die aktuelle Ausgabe (Frühling 2018) stellt unter der Überschrift „Die Wiege der Ruhrindustrie“ Friedrich Harkort und Burg Wetter in den Mittelpunkt.

Beispiel Hohenhof

Ein anderes bemerkenswertes Beispiel für das „Europäische Kulturerbe“ ist der „Hohenhof“ (1908 fertiggestellt) am Stirnband in Eppenhausen. Der Bauherr, Karl Ernst Osthaus, war zwar ein „Original-Hagener“, aber die Idee zur Errichtung dieses Gesamtkunstwerks wurde ganz erheblich von nicht-deutschen Vorbildern beeinflusst Als Architekt wirkte ein Flame – nämlich Henry van de Velde. Er benutzte als Baumaterialien unter anderem heimischen Kalkstein und ein schwarzes Basaltlavagestein aus der Eifel.

Im Inneren und im Eingangsbereich des Hohenhofs kamen bei der künstlerischen Ausstattung international bedeutende Künstler zum Zuge – so der Niederländer Johann Thorn Prikker, der Belgier George Minne, der Schweizer Ferdinand Hodler, der Franzose Henry Matisse und der Schweizer Hermann Haller.

Auch über den Hohenhof hinaus holte Osthaus immer wieder europäische Künstler nach Hagen, etwa aus den Niederlanden den Keramiker Bert Nienhuis, den Baukünstler J.L.M. Lauweriks und den Silberschmied Frans Zwollo. Der sogenannte Hagener Impuls ist eigentlich ein „holländischer Impuls“.

Weitere Beispiele

Das europäische Erbe lässt sich in Hagen noch an vielen anderen Dingen festmachen. Da gibt es zum Beispiel den Jakobspilgerweg durch Haspe und Breckerfeld, die im 13. Jahrhundert vom Orden der Prämonstratenserinnen als Gotteshaus genutzte Elseyer Kirche, die von einem Tiroler Baumeister errichtete Johanniskirche am Markt oder das Schloss Hohenlimburg, das selbstverständlich auch in einen internationalen Zusammenhang betrachtet werden muss.

Und last not least zählt zum europäischen Erbe auch die frühere Zuwanderung – etwa von Hugenotten (Ende des 17. Jahrhunderts), Italienern (um 1900) oder Osteuropäern (ebenfalls um 1900).

Fremde Impulse

„Fremde Impulse“ heißt eine Ausstellung, die anlässlich des europäischen Kulturerbejahrs in Hagen gezeigt wird. Ab Ende Mai wird sie im Osthaus-Museum präsentiert. Es wird ein Rahmenprogramm mit mehreren Stadtrundfahrten und -spaziergängen im Verlauf des Sommers geben. Das genaue Programm steht derzeit aber noch nicht fest.