Die neuen Wachholderritter

Der legendäre Wachholderlöffel zeichnet echte Hasper Helden aus. Das Symbol für Unsinn, Leichtsinn und Kneipsinn (Ulk) geht in diesem Jahr an Andreas Pilarczyk, Michael Wolf und Ralf Ritz. (Foto: M. Eckhoff)

Haspe. (ce) Was für Hollywood der Oscar ist, das ist für Haspe der Wachholderlöffel. Während am anderen Ende der Welt eine glitzernde Trophäe an Schauspieler und sonstige Filmschaffende vergeben wird, ehrt man am Ufer der Ennepe mit dem Zinnlöffel am rotweißen Band alljährlich Menschen, die sich um Haspes Brauchtum verdient gemacht haben.

Viele wollen ihn haben, etliche hoffen jedes Jahr nominiert zu werden und einen der Löffel zu bekommen, aber nur wenigen wird die Ehre jeweils zuteil.

Anders als die Oscars, die später doch nur in Glastrinen oder auf Regalen verstauben, bleibt der begehrte Hasper Wachholderlöffel ein Gebrauchsgegenstand. Aus ihm dürfen zunächst auf offener Bühne und vor viel Publikum – beim illustren Erbsensuppenessen – die drei Geehrten den ersten Schluck Eversbusch, den legendären „Hasper Maggi“, schlürfen. Dieser feierliche Akt macht sie lebenslang zu „Wachholderrittern“ und sie steigen damit auf in den Olymp der Hasper Helden und Heldinnen.

Das bringt Verpflichtungen mit sich: Einmal mit dem Löffel ausgezeichnet, müssen die Rittersleu‘ ihr ehrenwertes Zinn-Gerät zu Kirmeszeiten stets zur Hand haben, weshalb sie es praktischer Weise gleich am langen Band um den Hals tragen. Wer „ohne“ erwischt wird, muss blechen und die umstehenden anderen Ritter mit edlem Wachholder-Geist versorgen.

Was der ganze „Unsinn“ soll? Dieser Ulk hat einen ernsten Hintergrund. Er wurde ersonnen, um die Hasper Gemüter zu heben, als sie völlig am Boden lagen. Das war Anfang der 70er Jahre, als die Hasper Hütte für immer ihre Werks­tore schloss und Tausende ihre Arbeitsplätze verloren. Es kam einem Todesstoß gleich. Der ganze Stadtteil schien am Ende zu sein. Haspe – ohne die Hütte? Keiner konnte sich das vorstellen.

Hagens damaliger sozialdemokratischer Oberbürgermeister Rudolf Loskand erkannte die Tragweite des Hütten-Endes und die verheerende Entmutigung der Hasper Arbeiterschaft. Er sah aber auch, wie viel Kraft, Lebensfreude und Zusammenhalt die traditionelle Kirmes den Menschen an der Ennepe spendete. Diese Kirmes galt es also zu stärken, erkannte Loskand. Deshalb impfte er sie mit einer Gabe Extra-Ulk und Zusatz-Unsinn in Form des Ordens der Wachholder-Ritter.

Hoffnungen auf die Ritterschaft kann sich bis heute aber nur machen, wer sich hervortut und kräftig Einsatz zeigt zugunsten des Stadtteils, seines Brauchtums und idealerweise der Kirmes. Den jeweiligen ehrenamtlichen Bezirksbürgermeistern obliegt die huldvolle Auswahl, Nominierung und Ehrung der Ritter beziehungsweise auch Ritterinnen. Bezirksbürgermeister und Ulk-­Ex-Präsident Dietmar Thieser hatte stets ein waches Auge auf seine Hasper und ihr Tun. Viele kämen für die Ehre infrage. Nur drei dürfen es im Normalfall pro Jahr sein. Zum Ritter geschlagen werden in diesem Jahr Andreas Pilarczyk, Michael Wolf und Ralf Ritz.

Andreas Pilarczyk

Die Liebe zu einer Hasperin brachte den gebürtigen Bochumer Andreas Pilarczyk vor rund 16 Jahren ins Tal der Ennepe. Seine Herzdame Sandra Finke zögerte als gute Hasperin keinen Moment, den Fremdling in die Weihen des Hasper Brauchtums einzuführen und stürzte ihn ins Kirmes­treiben.

Brauchtum? – Das war was für den gelernten Maler und Lackierer. Im Brauchtum fühlte er sich schon lange ganz zuhause. Seit über 30 Jahren gehört er der Bochumer Brauchtumsgesellschaft an. Die richtet eines der ältesten Heimatfeste Deutschlands überhaupt aus, das „Bochumer Maiabendfest“, das auf das Jahr 1388 zurückgeht.

Als Andreas Pilarczyk nun zum ersten Mal in den Hasper Kirmes-Kosmos eintauchte, sprang der Funke sofort über. „Auf einer Veranstaltung hat es mich gleich so gepackt, dass ich meine Eintrittserklärung für den Hasper Heimat- und Brauchtum-Verein an Ort und Stelle auf einen Bierdeckel geschrieben habe“, lacht er heute rückblickend.

Ein Jahr und etliche Feiern später nahmen ihn die „Hackebämmels Enkel“ in ihr hochlöbliches Team auf. Seit neun Jahren gehört er nun dazu. „Das war kein Zufall. Das hat schon was von Schicksal“, meint er, denn sein Kirmesverein liegt ihm längst am Herzen wie eine zweite Familie. Reingestürzt hat er sich, der Neu-Hasper, der mit seiner Frau Sandra und ihren Kindern an der Kohlenbahn lebt. Der Kirmeswagenbau macht dem Handwerker einen riesigen Spaß. Da ist er immer zur Stelle. Dafür opfert er auch gern kostbare Urlaubstage.

„Wir haben 180 Mitglieder und zwar querbeet durch alle Generationen“, berichtet er. „Wir halten zusammen wie eine große Familie, in der jeder jedem hilft und jeder seine Ideen einbringen kann. Ich bin wirklich froh, dass wir damals eingetreten sind und hoffe, dass der Verein weiter so stark und lebendig bleibt.“

Dazu tut Andreas Pilarczyk seinen Teil dazu – keine Frage. Seit sechs Jahren steht er den „Hackelbämmels Enkeln“ als Präsident vor. Davor hat er sich schon als stellvertretender „Präsi“ warmgelaufen für die nicht immer nur muntere Bürde des Amtes.

Und außerdem? Er macht mit Leidenschaft Musik – nicht als Musiker, sondern als DJ. Ehrensache, dass er auch für das Musikkonzept auf dem Kirmeswagen der „Hackebämmels“ verantwortlich zeichnet. Dieses Jahr steht „Bully Parade“ auf dem Programm. Da überlässt der Musik-Beauftragte nichts dem Zufall: Die Auswahl der passenden Lieder muss im Vorstand besprochen und abgenickt werden.

Die Wachholderritter? „Jahr für Jahr schielt man so insgeheim auf die neuen Ritter und immer hofft man und wartet man und hält ein wenig die Luft an“, gibt er zu. Dass er jetzt tatsächlich selbst ausgezeichnet wird und den Löffel erhalten wird, freut Andreas Pilarczyk außerordentlich. „Das ist natürlich eine sehr, sehr große Ehre“, strahlt er. Und wie steht er zum Hasper Maggi, das ja schließlich gelöffelt werden will? „Das ist doch für uns Hasper einfach die allerbeste Medizin“, sagt er und lacht.

Und wenn gerade keine Kirmes ist? Wenn es keinen Wagen zu bauen gibt? – „Dann werkele ich gern an Haus und Garten herum und genieße auch die Zeit zuhause“, gesteht der Präsident der „Hackebämmels Enkel“.

Michael Wolf

Michael Wolf darf sich rühmen, zum Kreis derer zu gehören, die das Licht der Welt als „Mops-Blagen“ erblickten. Das war 1962. Darauf folgte eine durch und durch klassische Hasper Kindheit und Jugend. Der Vater arbeitete auf der Hütte. Der Sohnemann fing mit zehn Jahren im Hasper Sportverein an zu kicken, durchlief dort sämtliche Jugendmannschaften und hielt später viele Jahre lang selbst die Jugendmannschaften auf Trab.

Als kleiner Junge war ihm die Kirmes das Größte. „Mit leuchtenden Augen habe ich die Buden und die Fahrgeschäfte bestaunt und Zuckerwatte geschleckt oder den Verkäufer des türkischen Honigs bewundert schon wegen seines orientalischen Gewands“, weiß er noch. Als Jugendlicher stand er dann lieber beim Autoscooter – nicht zuletzt der Mädchen wegen.

Aus Kindern werden Leute. Michael Wolf begann 1979 eine Lehre als Werkzeugmacher bei der Schmiedag in Eckesey. Da arbeitet er bis heute als Produktionsleiter.

Der Beruf, die Familie, Heimwerkerprojekte am Haus an der Gabelsbergerstraße, der große Garten, der lebhafte Mischlingshund Sandy, Einsätze als Erntehelfer und Heumacher bei seinem Freund, einem Landwirt in Voerde – Michael Wolf schafft eben gern. „Bei körperlicher Arbeit kann ich mich gut abreagieren“, sagt er.

Auch dem Hasper Sport ist er treu geblieben, wenn auch nur noch passiv. Er engagiert sich seit zwölf Jahren als Schriftführer im ehrenwerten „Olympia Club Haspe“ und hat Freude daran, die regelmäßigen Vereinsfahrten zu Sportereignissen zu organisieren.

Und vor etwa zehn Jahren holte ihn auch die Hasper Kirmes wieder ein und spannte ihn vor ihren Karren – oder sollte man besser sagen: vor ihren großen Wagen. Mit seiner Frau Christiane, einer Ex-Pagin, besuchte Michael Wolf wieder regelmäßiger die Kirmes und den Kirmeskommerz.

Und dann vor dreieinhalb Jahren, als der Hasper Heimat- und Brauchtum-Verein sich im Umbruch befand und einen Neuanfang mit jüngeren Menschen an den Schaltstellen anstrebte, da wurde Michael Wolf „eingefangen“. Was ließ ihn geeignet erscheinen? War es die Mischung aus Bodenständigkeit, Familiensinn, Ur-Haspertum, Treue und Hilfsbereitschaft oder sein Engagement für den Fußball und „Olympia“? – Er weiß es nicht. Aber als er gefragt wurde, zögerte er nicht.

Er sagte zu, zukünftig im HHBV mitzuwirken. Ob er wohl ulkiger Weise gehofft hatte, das würde sich ohne ein Amt bewerkstelligen lassen? – Als stellvertretender Geschäftsführer machte er einen vorsichtigen Anfang, half beim Kirmesaufbau mit und packte an, wo immer er gebraucht wurde. Bald arbeitete er sich zudem ins „Kassenwesen“ ein. Und seit Januar 2018 hat ihn die Kirmes jetzt richtig „beim Wickel“: Vize-Präsident des HHBV ist er nun und mit zuständig für jede Menge Aufgaben: Finanzen, Kirmeskommerz, Erbsensuppenessen, Wurfmaterialien, Dieter-Klöckner-Stiftung…

Jetzt wird Michael Wolf auch noch aufgenommen in den erlauchten Kreis der Wachholderritter. Das macht ihn stolz. „Es gibt in Haspe mit Sicherheit viele Menschen, die darauf warten, selbst einmal vorgeschlagen zu werden. Wenn man sich die Liste der Leute ansieht, die den Löffel bereits erhalten haben, muss man sagen, das sind einfach durchweg tolle Menschen. Es ist mir eine echte Ehre, hier nun dazu gehören zu dürfen“, gesteht er ein.

Und der Eversbusch? – Der wird bei Familie Wolf sogar von den erwachsenen Kindern und deren Freunden hochgeschätzt. Michael Wolf erinnert sich gern an seine aktive Fußballer-Zeit, als Verletzte aus dem Arztkoffer des Betreuers Udo Röhrig auch schon mal mit Hasper Maggi behandelt werden mussten. „Anschließend sind die gelaufen wie die jungen Götter“, lacht der HHBV-­Vize-Präsident.

(v.l.) Iämpeströter Jürgen Wippermann, die HHBV-Schriftkundige Nicole Damaszek, Oberkommissarin Martina Müller, Hagens Bürgermeister Horst Wisotzki und Redakteur Martin Weiske wurden im vergangenen Jahr von Vize-Bezirksbürgermeister Udo Röhrig (er füllt hier den Hasper Maggi in die Löffel) und Bezirksbürgermeister Dietmar Thieser in den erlauchten Kreis der „Löffel-Ritter“ aufgenommen. (Foto: Michael Eckhoff)

Ralf Ritz

Alle Zeichen stehen auf Haspe für Ralf Ritz, der ebenfalls 1962 auf dem Mops zur Welt kam. Das Haspetum wurde ihm also in die Wiege gelegt – wie im Grunde auch die Gastronomie. Seine Eltern führten über 25 Jahre lang die „Gaststätte am Twitting“ auf dem Quambusch. Der Sohn, der in der Kornstraße wohnt, ist der Branche treu geblieben und verdient seine Brötchen als Servicekraft im Café Halle.

Im Hasper Kirmesleben hat Ralf Ritz sich über mittlerweile drei Jahrzehnte zu einer wahren Institution, zu einer Kultfigur entwickelt. Mit einer harmlosen Bierlaune fing es an. „Als der Hasper Kirmeszug zum ersten Mal über unseren Quambusch führen sollte, haben wir das natürlich im Vorfeld auch bei manch einem kühlen Blonden heiß diskutiert. Da habe ich irgendwann aus einer bloßen Laune heraus gesagt, dass ich den Zug moderieren will.“

Gelacht haben sie. Natürlich. Aber da hatten sie ihren Ralf unterschätzt. „Ich habe mir tatsächlich einen LKW geliehen, mir ein Mikrophon besorgt und von dort oben den Zug moderiert“, staunt er lachend heute noch selbst über seinen damaligen Mumm.

Gut hat er es gemacht. Richtig gut. Die Quambuscher feierten begeistert ihren neuen Lokalhelden.

Seitdem gilt: Der Kirmeszug kommt – und Ralf Ritz moderiert ihn. So soll es sein auf dem Quambusch. So ist es am schönsten. Ohne ihn wär‘s ja sonst wie Stummfilm. Das hat auch schnell der HHBV erkannt und sponsert dem selbsternannten, gefeierten Quambusch-Moderator den Strom.

Ansonsten aber finanziert Ralf Ritz den ganzen Spaß, den er sich und allen anderen bereitet, aus eigener Tasche.

Ehrensache!

Dem mit Herzblut und viel Power moderierten Kirmeszug zuzuschauen ist das eine. Ganz anders wäre es wohl, selbst beim Kirmeszug mitzumachen, oder? Das fragten sich vor etwa neun Jahren doch etliche Ulk-Fans auf dem Quambusch. Sie hatten sich den Kirmesvirus eingefangen und der drängte darauf, sich ausleben zu dürfen.

Als der Verein der „Twitting Blagen“ sich gründete, war Ralf Ritz sofort dabei und stieg auch direkt in den Vorstand auf. Ob das freiwillig geschah? „Man hat mich vorher systematisch abgefüllt“, muss er wieder lachen und kann auch neben seiner eigenen Schwester noch etliche andere als Drahtzieher der Verschwörung namentlich nennen. Mit reichlich Obstler habe man ihn wenn nicht gleich willenlos, dann aber doch gefügig gemacht. „Ich habe es aber nie bereut“, versichert Ralf Ritz.

Wenn die „Twitting Blagen“ ihren Kirmeswagen bauen, blickt er immer von oben – aus der Perspektive des erhöhten Moderators – mit anderen Augen auf das werdende Werk. Die Ideen, der kreative Teil und auch die Kritik – da setzt er sich ein.

Vor vier Jahren wurden die „Twitting Blagen“ richtig sesshaft. Sie treffen sich seitdem dienstags und freitags in ihrem eigenen Vereinslokal an der Enneper Straße. Für Ralf Ritz ist Haspe die Welt und die „Twitting Blagen“ sind wie eine zweite Familie.

„Die Chemie stimmt einfach“, sagt er. „Wir sind ein durchgeknalltes Volk, eine lustige, gut zusammen anpackende Truppe mit starkem Vereinsleben. Bei uns wird Klartext geredet. Da wird mal, wenn nötig, hart auf den Tisch geklopft und im nächsten Moment stehen wir wieder einträchtig zusammen an der Theke.“

Im nächsten Jahr feiern die „Twitting Blagen“ ihr Zehnjähriges mit einem großen Tam-Tam. „Wir werden einen Wahnsinns-Kracher-Wagen an den Start bringen“, verrät Ralf Ritz. „Wir planen und zeichnen jetzt schon an diesem acht Meter langen Meisterwerk.“ Drei Tage lang soll 2019 beim Sommerfest an der Quambusch-Schule gefeiert werden.

Dass er nun zum Wachholderritter ernannt wird, hat Ralf Ritz überrascht. „Ich fühle mich sehr geehrt, in solch einen Kreis aufgenommen zu werden“, gesteht er. Für den ehrenwerten Löffel hat er schon mal vorsorglich einen ihm gebührenden Platz erwählt: „Der kommt auf jeden Fall in unser Vereinsheim!“

Alltags genehmigt sich Ralf Ritz am Feierabend gern mal einen Obstler. Aber die Kirmes hat andere Regeln, da dient der Hasper Eversbusch als Kirmesgetränk. „Nur nicht zu viel davon“, warnt Ralf Ritz und weiß aus Jahrzehnten gastronomischer Erfahrung, wovon er spricht. Eine frühere Wirtin im Wachholderhäuschen betonte gern, Hasper Maggi sei wie Medizin und sollte daher in Maßen getrunken werden – Ralf Ritz sieht das ähnlich und freut sich unbändig darauf, den guten „Heil-Stoff“ bald „ritterlich löffeln“ zu dürfen.

Na dann, ein dreifaches HH-BV auf die 2018er Hasper Wachholderritter!