„Hausverbot für Mutter“: Leider kein Einzelfall

Hagen. (anna) In der letzten Druckausgabe des Hagener wochenkuriers stellten wir die Sorgen und Nöte der 45-jährigen Iwona Sahebjami dar. In dem Artikel „Hausverbot für Mutter“ berichteten wir von den seelischen und körperlichen Qualen, die sie und ihr zehnjähriger Sohn Armin nach eigenen Angaben an einer Hagener Grundschule erleiden müssen.

Zur Erinnerung: Seit zwei Jahren kämpft die Mutter wie eine Löwin um die Unversehrtheit ihres Sohnes, der in der Schule immer wieder gehänselt, geschlagen, getreten und verspottet wird. Iwona Sahebjami wirft der Schule Untätigkeit, mangelnde Aufsichtspflicht und Gleichgültigkeit vor, gewalttätige Übergriffe auf Schulterrain würden von den Verantwortlichen einfach ausgeblendet, meint Iwona Sahebjami. Am 13. März 2012 bekam die Mutter von der Schulleitung sogar ein Hausverbot erteilt, weil sie häufig auf dem Schulgelände anzutreffen war, um ihr Kind zu schützen.

Zum Thema „Gewalt an Schulen“ erreichte die Redaktion eine Flut von Anrufen und Leserbriefen, worin Eltern über ähnlich schlimme Erfahrungen berichteten. Aus Angst vor Repressalien wollen diese Leser allesamt verständlicherweise lieber anonym bleiben. Als Beispiel drucken wir hier den Brief einer leidgeprüften Mutter ab:

„Mobber in Mehrzahl“

Schön, dass sich Armins Mutter traut, an die Öffentlichkeit zu gehen! Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen: Was sich an mancher Schule abspielt, glaubt kein Mensch, der es nicht selbst erlebt hat…

Unser Kind ist mittlerweile auf einer weiterführenden Schule. Rückblickend kann ich nicht sagen, wie wir die Grundschule überstanden haben. Nicht, dass es an den weiterführenden Schulen besser würde! Auch heute noch habe ich den Eindruck, dass die stärksten Schüler mit einigen Mitschülern machen können was sie wollen, aber die Opfer sich vor Lehrern rechtfertigen müssen, wenn sie sich wehren.

Während die Mobber in der Mehrzahl sind, sehen Pädagogen nur, dass stets ein bestimmtes Kind (das Opfer) immer bei Streitigkeiten dabei ist. Je mehr man als Mutter versucht, die Situation zu klären, desto mehr gehen die Lehrer in die Offensive und mäkeln am Verhalten des betroffenen Kindes herum: Da entwickeln sich Gespräche mit merkwürdigen Vorschlägen: „…es gibt doch wunderbare Medikamente für Kinder wie Sie eins haben.“

Auch wir hatten Gespräche mit der Schulleitung, aber eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. Sogar der Schulpsychologische Dienst wurde von mir eingeschaltet. Der Rat dieses Dienstes lautete: „Die Titanic sei bei ’dem schlimmen Jahrgang’ schon gesunken. Wir sollten einfach durchhalten, die Grundschulzeit wäre ja bald vorbei.“

„Wunderbares Opfer“

Unser Kind kam natürlich weiterhin mit blauen Flecken und Verletzungen nach Hause. Auch an unserer Grundschule schlich die Pausenaufsicht immer an der Eingangstür herum, während an anderen Stellen richtige Schlägereien an der Tagesordnung waren. Gekümmert hat sich niemand, wenn mein Kind mit Steinen beworfen wurde… – im besten Fall sah man dann unser Kind, das drohte zurückzuwerfen, es aber nicht tat.

Es wird auch an der weiterführenden Schule nicht unbedingt besser, nur anders… Auch dort wollen Lehrer nicht, dass Eltern sich einschalten! Mobbende Kinder gibt es überall. Mitunter reicht ein Schüler von der alten Schule, der den neuen Kindern an der neuen Schule schnell vermittelt, dass ein bestimmtes Kind ein wunderbares Opfer ist. Wir hatten die Hoffnung, dass die Pädagogen an der weiterführenden Schule kompetenter wären und jenen Schüler, der weiterhin unser Kind schikanierte, in die Schranken weisen würde. Fehlanzeige.

Fürsorge erwarte ich von keinem Pädagogen mehr. Aus gutem Grund. Als ich nach mehreren schriftlichen Mitteilungen an die Lehrer erneut das Gespräch suchte, wurde mir klar mitgeteilt: „In Zukunft ist es Ihnen untersagt, sich schriftlich zu äußern. Sie können ja anrufen.“ Einem weiteren Familienangehörigen wurde das Beisein im Gespräch untersagt. Zeugen waren unerwünscht, genau wie schriftliche Beweise.

Als ich die Verletzungen ansprach, wurde unserem Kind vorgeworfen, es würde sich ja von der Klasse absondern (!). Anstatt auf die Gewaltproblematik einzugehen, versuchte man das aggressiven Verhalten der anderen Kinder zu überspielen, indem man mir vor Augen hielt, dass unser Kind sich ja auch nicht so verhalten würde, wie man das erwartet. Als ich auf die Verletzungen zu sprechen kam, fragte man mich, welch medizinische Qualifikationen ich besäße, um zu beurteilen, ob mein Sohn Prellungen etc. davongetragen habe.

„Auf dem Kieker“

Meine Erfahrung ist, wenn Lehrer ein Kind erst einmal auf dem Kieker haben und die Mutter gleich dazu, werden alle gesammelten Informationen zu jeder anderen Schule weitergereicht. So entsteht ein aussichtsloser, ungleicher Kampf.

Fragt man mich heute, welchen Fehler ich im Leben am meisten bereue, dann den, mein Kind auf eine öffentliche Schule gegeben zu haben. Man will dort keine Kinder, die auffallen – aus welchem Grund auch immer. Verschiedene Charaktereigenschaften sind unerwünscht. Ein Kind hat zu schnurren, im Unterricht wie in der Pause und in der Masse nicht aufzufallen, auch nicht als Opfer! Für pädagogische Arbeit gibt es leider wenig Möglichkeiten, wie man mir erst in einem der letzten Gespräche mitteilte. Und überhaupt: „Das Kind ist doch selber schuld, wenn es von Mitschülern so behandelt wird!“

Gespräche mit Lehrern und dem Schulamt helfen nicht, nur die richtige (private) Schule, wo noch Wert auf Kinder und deren Persönlichkeit gelegt wird. An solchen Schulen lernen Kinder Zusammenhalt und die Fähigkeit, etwas von Anfang his Ende durchzuführen. Ihre Schwächen werden nicht kritisiert und ihre Stärken gefördert. Eine komplett andere Welt, vielleicht so anders, dass sich ein vorbelastetes Kind vom „Eindruck Schule“ erholt und wieder Spaß am Lernen haben kann. Für uns ist es jetzt leider zu spät, aber für Armin vielleicht eine Möglichkeit…

Soweit dieser Leserbrief. (Der Name ist der Redaktion bekannt)